Muslimischer Gelehrter aus dem 10. Jh. revolutionierte die Chirurgie


Abu l-Qasim al-Zahrawi, im Abendland auch als Abulcasis bekannt, war eine Persönlichkeit, die ihrer Zeit voraus war. Bekannt als der Vater der operativen Chirurgie erfand er im 10. Jahrhundert über 200 chirurgische Instrumente, die Millionen Menschenleben retteten. Seine Innovationen wurden jedoch nicht genügend gewürdigt.

Eines von Al-Zahrawis hochgelobten Büchern ist „Al-Tasrif“ - die erste illustrierte Enzyklopädie über chirurgische Instrumente. Über 500 Jahre lang diente sie an europäischen Universitäten als Handbuch. Sie beeinflusste die wissenschaftliche Perspektive der Moderne auf die Chirurgie und trug zur Renaissance Europas bei. Das Buch besteht aus 30 Kapiteln und ist das Ergebnis von Al-Zahrawis 50-jähriger Praxiserfahrung in der Medizin.

Seine Fähigkeiten und sein Wissen über die Chirurgie brachten ihm den Titel als den größten Chirurgen der islamischen Welt und des Mittelalters ein. Er leistete Pionierarbeit bei der Verwendung von Katgut für innere Nähte und seine chirurgischen Instrumente finden noch heute Nutzen. Al-Zarhawi wurde durch die Behandlung von Krankheiten, wie sie vom Propheten Mohammed überliefert wurden, beeinflusst.

Er entwickelte chirurgische Instrumente für Kaiserschnitte und Kataraktoperationen. Als erster Mediziner entdeckte er zudem die Ursache für Lähmung. Al-Zahrawi erklärte, wie sie durch eine Fraktur der Wirbelsäule entsteht. Er setzte darüber hinaus eine einzigartige Kombination von Chemikalien zur Sterilisation von chirurgischen Instrumenten ein. Sie hatte eine ähnliche Wirkung wie die antibakteriellen Eigenschaften von Desinfektionsmitteln unserer heutigen Zeit.

Im christlichen Europa wurde er erst über hundert Jahre nach seinem Tod rezipiert. Der berühmte italienische Übersetzer wissenschaftlicher Manuskripte, Gerard von Cremona, entdeckte Zahrawis Werke, als er nach Spanien kam. Er übersetzte seine Arbeit vom Arabischen ins Lateinische. Um 1250 besaß England sein erstes medizinisches Manuskript. Laut dem „British Medical Journal“ weist es eine „verblüffende Ähnlichkeit“ mit Al-Zahrawis Enzyklopädie auf.

Die Zeit zwischen dem 8. und dem 13. Jahrhundert, allgemein bekannt als das Goldene Zeitalter des Islam, brachte unzählige Gelehrte hervor. Muslimische Intellektuelle machten bahnbrechende Erfindungen und trugen zur Entwicklung des menschlichen Wissens in Zweigen wie Philosophie, Astronomie, Mathematik und Medizin bei.

Al-Zahrawi spielte eine zentrale Rolle in der neurochirurgischen Diagnose. Sie umfasste die Behandlung von Kopfverletzungen, Wirbelsäulenverletzungen, Schädelbrüchen, Hydrozephalus und subduralen Ergüssen.

Einmal traf er auf einen kleinen Jungen, dessen Kopf anormal groß war. Er beschreibt anschaulich, wie die Anomalie durch den mangelhaften Abfluss von Liquor, einer farblosen Körperflüssigkeit im Gehirn und Rückenmark, entsteht. Seine Diagnose war goldrichtig. Heute wird die Krankheit als Hydrozephalus bezeichnet.

Die Ursprünge

Al-Zahrawi wurde 936 in El Zahra in der Nähe von Cordoba in Südspanien geboren. Seine Volljährigkeit fiel in die Zeit des Kalifats der Umayyaden, eine der wohlhabendsten Perioden der islamischen Geschichte.

Als medizinisches Genie diente er mehr als 50 Jahre lang als Hofarzt des zweiten Kalifen von Cordoba, al-Hakam II. Nach dem dem Tod al-Hakams diente er al-Mansur, dem De-facto-Herrscher des muslimischen Spaniens.

Nach einer langen und bedeutenden medizinischen Karriere starb er 1013 n. Chr. im Alter von 77 Jahren.

Andere Werke

Al-Zahrawi hat bedeutende Beiträge zur Kinderchirurgie geleistet. Er war der erste, der medizinische Aspekte der Hämophilie im Detail erklärte.

Er soll der erste Chirurg gewesen sein, der Katzendärme zum Nähen verwendete. Innere Schnitte und Wunden wurden mit einem fadenähnlichen Material aus Tierdärmen vernäht. Die Praxis wurde mehrere Jahrhunderte lang angewandt.

Al-Zahrawi beschrieb auch die Tracheotomie-Operation und führte sie in einer Notfallsituation bei einem seiner Diener durch. Als erster Mensch beschrieb er die klassische Operation bei Brustkrebs im Detail – aber auch: Lithotripsie bei Blasensteinen, Techniken zur Entfernung von Schilddrüsenzysten, Behandlung von Talgzysten mit einer Sondiernadel und Behandlung der Tränendrüsenfistel durch Umwandlung in eine Fistel in der Nasenhöhle mittels Kauter.

Auf dem Gebiet der Geburtshilfe und Gynäkologie beschreibt Al-Zahrawi mehrere Instrumente, die bei der Entbindung verwendet werden. Er war der erste, der die „Walcher-Stellung“ in der Geburtshilfe beschrieb und auch die Steinschnittlage für vaginale Operationen lehrte.

Einer seiner größten Beiträge

Zahrawis 30-bändige Enzyklopädie der Medizin besteht aus drei Büchern - die Schwerpunkte wie Kauterisation, Inzision, Perforation, Venensektion, Wunden und Knochenfixierung thematisieren. Ein Teil handelt von Arzneimitteln wie Herzmedikamente und Abführmittel bis hin zu Kosmetologie und Diätetik. In der Sektion Pharmakologie und Therapeutik setzt er sich mit verschiedenen Medikamenten auseinander. Sein Buch „Liber Servitoris“ enthält auch einige Tipps zur Zubereitung der damals verwendeten Medikamente.

Im Abschnitt über die Chirurgie behandelte er die Bereiche Augen, HNO und Kopf. Außerdem die allgemeine Chirurgie, Geburtshilfe und Gynäkologie in all ihren Aspekten. Er schloss dabei die Militärmedizin, Urologie und Orthopädie mit ein. Dazu gehört auch die „Kochersche Methode“ zur Repositionierung einer ausgekugelten Schulter.

Darüber hinaus beschrieb er 600 Jahre vor Ambroise Pare, wie man Blutgefässe ligiert. Außerdem schrieb er ausführlich über Knochen und Gelenke und bezog sich dabei auch auf Frakturen der Nasen- sowie Wirbelknochen.

Sein Buch enthält Bilder von gynäkologischen Instrumenten, die bereits im 10. Jahrhundert verwendet wurden. Al-Zahrawi beschreibt die chirurgischen Möglichkeiten der Behandlung von Gynäkomastie. Seine Techniken werden auch heute noch für solche Erkrankungen in Betracht gezogen.

Al-Zahrawis medizinische Schriften wurden im Westen nach ihrer Übersetzung durch Personen wie Gerard von Cremona, Rogerius Frugardi oder Ronaldus Parmensis hoch geschätzt. Seine chirurgischen Lehren waren bis ins 13. Jahrhundert die fortschrittlichsten.

Der berühmte französische Chirurg Guy de Chauliac aus dem 14. Jahrhundert zitierte ihn über 200 Mal in seinem Buch. Bis ins 18. Jahrhundert wurde sein Werk in Weltstädten wie Venedig, Basel und Oxford veröffentlicht.

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