(Reuters)

von Anna Engberg

Laut dem Deutschen Alterssurvey 2020* lag der Anteil einsamer Menschen im Alter von 46 bis 90 Jahren bei knapp 14 Prozent und damit 1,5-mal höher als in den Befragungsjahren zuvor. Frau Hirche, sind ältere Menschen in Deutschland grundsätzlich einsamer als jüngere?

Nein. Auch viele jüngere Menschen, die unter 65 sind, leiden extrem unter Einsamkeit. Doch bei Älteren kommen weitere Kriterien hinzu: So stirbt selbst bei Senioren mit vielen Freunden nach und nach das Umfeld ab. Es findet eine schleichende Vereinsamung statt. Plötzlich ist ein 85- oder 90-Jähriger, der bisher ein gutes Umfeld hatte, ganz allein. In diesem Alter neue Bekanntschaften zu schließen, ist sehr schwer. Und auch bei Paaren, die sich zu zweit oft genug waren, kann Einsamkeit entstehen, sobald ein Partner stirbt.

Dagmar Hirche (Others)

Welche weiteren Ursachen für Einsamkeit im Alter gibt es?

Körperliche Einschränkungen beispielsweise: Fähigkeiten wie gutes Sehen, Hören oder Laufen nehmen ab. Viele Senioren ziehen sich dann zurück und vereinsamen schleichend. Sie können nicht mehr zu Veranstaltungen und Freunden gehen, und diese kommen auch nur schwerlich ins eigene Zuhause. Altersarmut ist ein weiterer Grund für Einsamkeit. Wer sich keinen Kaffee leisten kann, kann sich nicht mit anderen im Café treffen.

Welche Folgen hat Alterseinsamkeit für Psyche und Gesundheit?

Vereinsamung macht krank. Es gibt Menschen, die sich alleine wohlfühlen und sich selbst genug sind – die sind nicht einsam. Menschen, die sich tatsächlich einsam fühlen und soziale Kontakte vermissen – abgesehen von denjenigen, die ihr Umfeld vergraulen –, werden depressiv. Wenn kein Austausch mit anderen stattfindet, wird der Geist träge und schläft ein. Aktiver Austausch, Zuhören und auch mal eine Umarmung – das sind Gefühle, die wir erleben wollen. Wenn dies fehlt, führt die seelische Vereinsamung zur Depression und dann nicht selten auch zu körperlichen Beschwerden und Problematiken.

Vereinsamen durch die Pandemie mehr Senioren in Deutschland als zuvor?

Ja. Die Pandemie hat das Problem der Einsamkeit im Alter extrem verschärft. Jetzt fühlen sich Menschen einsam, die sich vorher gar nicht einsam gefühlt haben. Ob Sport oder Kulturveranstaltungen, Gruppenreisen oder Verabredungen zum Essen – all das ist in der Pandemie zum Stillstand gekommen. Diese Altersgruppe war noch nicht so fit in der digitalen Welt, um sofort auf digital umzustellen. Das haben viele jetzt gelernt – und lieben es. In unserem Verein machen sie die Erfahrung: „Auch wenn ich nicht mehr mobil bin, kann ich trotzdem digital teilnehmen.“

Was verbirgt sich konkret hinter der Initiative „Wege aus der Einsamkeit“?

Hinter dem 2007 von mir mitgegründeten Verein „Wege aus der Einsamkeit“ steht die Idee, das Image vom Alter positiver zu gestalten. Beim Thema Alter denken die meisten sofort an Dutt und Kittel. Ich bin der Meinung: Alte Menschen sind heute anders. Es gibt unglaublich viele mobile, moderne und bis ins hohe Alter lernfreudige Menschen. Genauso gibt es solche, die in alten Traditionen verharren möchten. Das ist wie bei der Jugend. Da gibt es moderne und traditionelle Menschen.

Die deutsche Perspektive auf das Thema Alter war bislang sehr negativ. Unser Ansatz ist es deshalb zu zeigen, wie vielfältig das Alter sein kann und dass man es nicht ausschließlich darauf reduzieren darf, was Menschen nicht mehr können. Stattdessen wollen wir zeigen, was sie alles können und dass alte Menschen auch bei gesundheitlichen Einschränkungen dennoch sehr gut zurechtkommen. Unser zweites Anliegen ist es, auf das Thema Einsamkeit im Alter aufmerksam zu machen.

Wie gehen Sie vor, um ältere Menschen zu erreichen?

Statt mit traditionellen Seniorentreffs, von denen sich moderne Senioren nicht angesprochen fühlen, versuchen wir ältere Menschen medienwirksam anzusprechen: nicht nur mit Vorträgen, sondern auch mal mit einem Flashmob oder einer Party in einem angesagten Club, z.B. am Weltseniorentag, den wir seit 2014 feiern.

Seit uns bewusst wurde, wie digital unsere Welt wird, haben wir uns als Verein gefragt: Wer schult eigentlich die Generation 65+ im Umgang mit Tablet und Smartphone? Als wir feststellten, dass dies keiner macht, haben wir uns des Themas Digitalisierung im Alter für Deutschland angenommen und das Projekt „Wir versilbern das Netz - Das 1x1 für Tablets und Smartphones für Menschen 65+“ gestartet.

Wie war die Resonanz auf Ihr Digitalprojekt für Senioren?

2015 dachten wir, es wird ein kleines Projekt, das wir nebenher betreiben. Wir haben uns völlig geirrt, es wurde unser größtes. Die Nachfrage war immens, wir wurden überrannt, da es 2015 in Deutschland nichts Vergleichbares gab. Bis uns die Pandemie erreichte, waren wir nur in Hamburg, Berlin und vereinzelt in München vertreten und hatten rund 8000 Senioren im Alter zwischen 65 und 95 analog geschult, erste Schritte in die digitale Welt zu wagen. Durch die Pandemie mussten wir alles einstellen und beschlossen, die alten Menschen auf Zoom zu bekommen.

Hat dies von Anfang an gut funktioniert?

Ende März 2020 haben wir erstmals zu unserer Zoom-Veranstaltungsreihe „Wir versilbern das Netz“ eingeladen. Im Vorfeld luden wir Youtube-Erklärvideos hoch, wie man Zoom verwendet, mit dem Vermerk „Und wer das nicht schafft, kann bei uns anrufen.“ Was dann passierte, hätte ich mir nie vorstellen können: 24 Stunden klingelte das Telefon, und ich habe zwei Wochen lang erklärt, wie man in Zoom-Meetings reinkommt … (lacht).

Die alten Menschen, die zu Beginn der Pandemie immer zuhause bleiben mussten, um sich zu schützen, waren sofort mit totaler Begeisterung dabei, weil das etwas ganz Neues für sie war.

Senioren den Weg in die sozialen Medien zu ebnen, diese Vision ist Ihnen offenbar gelungen …

Definitiv. Wir haben unseren Zoom-Raum seit März 2020 nie mehr geschlossen und in den eineinhalb Jahren über 10.000 Menschen im Alter über 65 als Gäste auf Zoom geholt. Deren Freude, andere Menschen und Emotionen schon nach einem Monat Lockdown sehen zu können, war unbeschreiblich. Seitdem nehmen Menschen aus ganz Deutschland im Alter von 65 bis 95 Jahren an unseren Zoom-Runden teil. Beim Sitzyoga ist unsere älteste Teilnehmerin über 90 Jahre alt. Nächste Woche laden wir zur 330. Zoom-Veranstaltung ein. Die Menschen nehmen Zoom wie ein digitales Café an, in dem man sich verabredet und trifft. Alle duzen sich. Viele treffen sich auch nur zum Klönen.

Wie können wir denn als Gesellschaft Einsamkeit bei Senioren leichter erkennen – und dagegen angehen?

Wir können darüber aufklären, dass jeder Mensch darauf achten muss, soziale Kontakte zu haben, Interessen zu entwickeln und zu pflegen. Wer im Chor ist, ist selten einsam. Wer auf Grund von gesundheitlichen Problemen nicht mehr kommen kann und plötzlich einsam wird, muss sich Gedanken machen, ob die jetzige Wohnform – alleine in der eigenen Wohnung – noch die richtige für ihn oder sie ist.

Als Gesellschaft müssen wir dafür bessere, bezahlbare Wohnalternativen und Wohnprojekte zur Verfügung stellen. Damit meine ich keine Altenheime, sondern Generationenhäuser und Wohnen mit Service, wo andere mit ähnlicher Situation leben und man sich gegenseitig hilft. Derartiges entsteht bereits, z.B. auf Bauernhöfen, die Alten- und Senioren-WGs aufbauen. Das muss es zukünftig auch in Städten geben. Wer mit Mitte 70, Anfang 80 im Alter ohne Pflegestufe in „Wohnen mit Service“ umziehen will, wartet derzeit oft bis zu 10 Jahre, weil es noch keine Angebote gibt.

Welche Möglichkeiten zum besseren Wohnen im Alter gibt es noch?

Viele Orte setzen bereits Quartiersmanager und Lotsen ein: Das sind Kümmerer, die in den Nachbarschaften niedrigschwellige Angebote machen. Das ist ein guter Weg, um im Quartier generationsübergreifende Treffen einzurichten – die nach Interessen und nicht nach Altersgruppe orientiert sind. Junge Menschen lieben es genauso Schach oder Skat zu spielen wie manche Alten. Dafür brauchen wir die Presse, die konstant berichtet – um die einsamen Menschen zu erreichen.

Die inzwischen über 500 Mehrgenerationenhäuser in Deutschland sind gute Begegnungsstätten. Wir brauchen nicht nur auf eine Generation beschränkte Angebote wie den „Seniorentreff“ oder das „Jugendzentrum“. Junge wie Alte mögen wilde wie auch ruhige Angebote. Wenn man Generationen beim Zusammenkommen anleitet, passieren tolle Dinge. Der Junge unterstützt den Alten im Umgang mit der digitalen Welt, und der Senior schult den Jungen z.B. in schulischen Themen. Da entstehen ganz viel Toleranz und Verständnis untereinander.

Eine letzte Frage: Wie verhält es sich mit Einsamkeit bei älteren Menschen mit Migrationshintergrund?

Unsere Initiative spricht ausnahmslos alle ab 65 Jahren an. Dennoch bemerken wir bislang nur sehr wenig Interesse von Menschen mit Migrationshintergrund. Mit wenigen Ausnahmen aus Südamerika haben wir nicht einen einzigen Senior mit türkischem, russischem oder italienischem Hintergrund. Unsere Sprache ist Deutsch. Ob es daran liegt? Digitale Bildung müsste eigentlich für alle Menschen von Interesse sein. In Hamburg planen wir derzeit eine Veranstaltung, die Migranten gezielter ansprechen soll. Außerdem werden wir ab August wieder analog-digitale Hybridveranstaltungen abhalten, damit auch mobil Eingeschränkte weiterhin teilnehmen können.