12.02.2021: Migranten aus verschiedenen afrikanischen Nationen warten in einem Boot auf Helfer der spanischen NGO Open Arms, die sich ihnen 122 Meilen vor der libyschen Küste im Mittelmeer nähern. (DPA)

Ungeachtet der Corona-Pandemie sind im vergangenen Jahr weltweit so viele Menschen auf der Flucht gewesen wie noch nie zuvor. Ende 2020 waren praktisch so viele Menschen wegen Konflikten, Verfolgung und Gewalt aus ihrer Heimat vertrieben, wie Deutschland Einwohner hat: 82,4 Millionen. Das berichtete das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) am Freitag in Genf. Im Vergleich zu 2019 ist das ein Anstieg um vier Prozent, im Vergleich zu vor zehn Jahren eine Verdopplung. Auch der Klimawandel treibe immer mehr Menschen in die Flucht, weil sie in ihrer Heimat nicht mehr überleben könnten, berichtete UNHCR.
„Hinter jeder Zahl steht eine Person, eine Geschichte der Vertreibung, Enteignung und des Leids“, sagte der Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi. „Sie verdienen unsere Aufmerksamkeit und unsere Unterstützung, nicht nur durch humanitäre Hilfe, sondern auch dadurch, dass wir eine Lösung für ihre Not finden.“
Weil viele Länder in der Pandemie ihre Grenzen schlossen, fanden so wenige Flüchtlinge wie seit fast zwei Jahrzehnten keine neue Heimat mehr. Nur 34.400 Menschen konnten in 21 Länder umgesiedelt werden - etwa ein Drittel der Zahl des Vorjahres. Eigentlich bräuchten 1,4 Millionen Menschen solche Plätze, so das UNHCR. Türkei wichtigstes Aufnahmeland für Flüchtlinge Die meisten Flüchtlinge fanden in der Türkei Schutz – ihre Zahl beläuft sich auf etwa 3,7 Millionen. Unter den Aufnahmeländern gehört auch Deutschland zu den großzügigen: Es bot nach den Zahlen des UNHCR 1,2 Millionen Menschen Schutz. Mehr Menschen nahmen neben der Türkei noch Kolumbien (1,7 Millionen), Pakistan (1,4 Millionen) und Uganda (1,4 Millionen) auf.
Mehr als zwei Drittel der ins Ausland Geflohenen kamen aus lediglich fünf Ländern: Syrien (6,7 Millionen), Venezuela (4 Millionen), Afghanistan (2,6 Millionen), Südsudan (2,2 Millionen) und Myanmar (1,1 Millionen).
Deutlich mehr als die Hälfte der Menschen lebt als Vertriebene im eigenen Land. Wer ins Ausland flüchtete, blieb vor allem in den Nachbarländern. 86 Prozent wurden von Entwicklungsländern aufgenommen. Minderjährige machen zwar rund 30 Prozent der Weltbevölkerung aus, unter den Geflüchteten sind es aber 42 Prozent.

Entwicklungsminister Müller: „Trauriger Rekord“
Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) sprach von einem „traurigen Rekord“. „Wir dürfen in Europa nicht wegschauen von dieser dramatischen Entwicklung. Vor allem die ärmsten Länder tragen die Hauptlast dieser Flüchtlingskrise“, sagte Müller den Zeitungen der „Funke“-Mediengruppe.
Die globale Gemeinschaft habe darin versagt, die Welt für Flüchtende sicherer zu machen, sagte Gyde Jensen (FDP), Vorsitzende im Bundestagsausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe. „Unser Ziel muss sein, dass sich Menschen gar nicht erst auf eine lebensgefährliche Reise begeben müssen, um sich und ihre Familie in Sicherheit zu bringen“, sagte sie. In der EU müsse darüber diskutiert werden, dass Asylanträge auch im Ausland in den Botschaften von EU-Mitgliedsstaaten gestellt werden können.
Die Aufnahmebereitschaft für Flüchtlinge ist nicht überall gegeben. Weltweit befürwortet laut einer aktuellen Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos jeder Zweite im eigenen Land Grenzschließungen für Geflüchtete. Wenig Anzeichen für Verbesserung der Lage
Hierzulande sind laut Umfrage mehr als vier von zehn Befragten (42 Prozent) der Ansicht, dass Deutschland seine Grenzen für Flüchtlinge derzeit vollständig schließen sollte - ein Anstieg um drei Prozentpunkte seit dem letzten Jahr, der mit der Corona-Pandemie zusammenhängen könnte. Generell halten es jedoch 71 Prozent der Bundesbürger für richtig, dass Menschen in Deutschland Zuflucht finden können, die vor Krieg und Verfolgung fliehen.
Grandi sieht global wenig Anzeichen für eine Verbesserung der Lage. Keine der alten Krisen - Syrien, Afghanistan, Venezuela - sei gelöst. Trotz Aufrufen etwa von UN-Generalsekretär António Guterres, angesichts der globalen Gesundheitsbedrohung durch das Coronavirus Konflikte zu beenden und als Menschheit zusammenzurücken, seien neue Krisen ausgebrochen, etwa in der Tigray-Region Äthiopiens oder im Norden Mosambiks. Die desolate Lage in manchen Ländern - darunter Südsudan, Syrien und der Zentralafrikanischen Republik - droht nach UNHCR-Angaben sogar zu einer Hungersnot zu eskalieren.
Die Lösungen für Krisen, die Menschen in die Flucht treiben, müssten natürlich in den Heimatländern der Flüchtenden gefunden werden, sagte Grandi. Aber in der Zwischenzeit sei Solidarität gefragt. In Zeiten von Corona sei das schwer geworden. „Dass Menschen sich von A nach B bewegen, wird heute als Bedrohung angesehen, als lebensbedrohlich sogar, weil sich das Virus mit den Menschen bewegt. Aber für diejenigen, die vor Konflikt und Verfolgung flüchten, bedeutet das Leben“, sagte er. Die Zahl der Geflüchteten sei hoch, aber die Welt sei in der Lage, ihnen zu helfen. Mauern zu errichten oder Boote auf hoher See zurückzuschicken, löse die Probleme nicht.

TRT Deutsch und Agenturen