Prof. Oleg Kuznetsov (Oleg Kuznetsov)

von Muhammed Ali UÇAR & Kemal Bölge

TRT Deutsch sprach mit dem russischen Historiker Prof. Oleg Kuznetsov. Er ist Autor des Buchs „Geschichte des transnationalen armenischen Terrorismus im 20. Jahrhundert: historisch-kriminologische Forschung“ und verfasste etwa 170 wissenschaftliche Studien.

Dieses Interview wird in drei Teilen veröffentlicht. Dies ist der erste Teil.

Was hat Sie dazu veranlasst, sich für das Thema „Armenische Frage“ zu interessieren?

Ich hatte mich nie speziell mit dem Thema des sogenannten „Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich“beschäftigt, außerdem liegt es außerhalb des Bereichs meiner wissenschaftlichen Hauptforschung. Während meines Studiums an der Universität begann ich mich für die Militärgeschichte Russlands im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit zu interessieren, also für die Ära der Glattrohrwaffe, die zweite Hälfte des 16. bis Ende des 18. Jahrhunderts. Die Monographie „Ritter des wilden Feldes“, die dem Fürsten Dmitri Iwanowitsch Wischnewetzki gewidmet ist (in den osmanischen Archiven ist er besser bekannt als
„Dmitraschka“, Sultan Suleyman Kanuni betrachtete ihn als seinen persönlichen Feind). Der wichtigste militärische und politische Rivale und Konkurrent zunächst des Moskauer Reiches und dann des Russischen Reiches im Schwarzmeer-Kaukasus war traditionell die Osmanische Pforte, die von ihren Vasallen und Verbündeten – den Krimtataren und den Schweden – ständig in den Krieg mit Russland hineingezogen wurde. Um zu verstehen, mit wem es russische Soldaten auf dem Schlachtfeld zu tun hatten, musste ich nicht nur herausfinden, wer Janitscharen waren, sondern auch Selihdars, Timars, Sipahis, Kumbaradschi, Toptschu, und wie die Struktur ihrer Einheiten und die Taktik des Handelns im Kampf aussahen. Ich musste mich auch mit dem Timar-System des Landbesitzes auseinandersetzen, das sich nicht sehr von dem Gutsbesitzsystem in Russland unterschied. Durch die Ergebnisse der Forschung verstand ich, dass das System des Staates, der wirtschaftlichen, fiskalischen, militärischen Verwaltung und damit die Mentalität der Bevölkerung, die in ähnlichen Realitäten lebt, sehr ähnlich sind. Ich habe einen Artikel zu diesem Thema veröffentlicht.
Das Thema der Ereignisse von 1915 berührte mich im Laufe meiner Arbeit, und das war durch das Problem des armenischen Terrorismus bedingt. Als ich meine Monographie „Geschichte des transnationalen armenischen Terrorismus im 20. Jahrhundert: historisch-kriminologische Forschung“ schrieb, hatte ich darüber gerätselt, von welchen ideologischen Motiven armenische Terroristen geleitet wurden. Ich habe lange Zeit damit verbracht, verschiedene Dokumente und Studien zu lesen, darunter auch sehr seriöse Bücher amerikanischer und israelischer Spezialdienste. Schließlich bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die Anführer des armenischen Terrorismus nie eine Ideologie hatten, sondern ihre Aktivitäten nur ein Geschäft waren, das darin bestand, Geld von der Diaspora zu erpressen und türkische Diplomaten durch die Hände exaltierter junger Männer töten zu lassen, die sie zuvor mit Sprengstoff oder Waffen versorgten und die Differenz von 80% einsteckten. Zum Beispiel hat ASALA überhaupt kein Geld für Propaganda ausgegeben, weil sie es nicht nötig hatten; sie brauchten keine Freiwilligen zu rekrutieren, weil diese von sich aus auf sie zukamen, da sie bereits ideologisch aufgepumpt waren. Als ich anfing zu verstehen, warum dies geschah, erkannte ich, dass die meisten Rekruten bereit waren, nicht etwa im Namen der Zukunft zu töten, sondern um der Rache für die Vergangenheit willen, für die spezifische Vergangenheit – den „Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich“. Das war der Zeitpunkt, an dem ich mich für dieses Thema zu interessieren begann.

Hier erwartete mich eine sehr interessante Entdeckung: Es stellte sich nämlich heraus, dass es nicht eine, sondern zwei Geschichten über den sogenannten „Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich“ gibt – die russische und die englische Version. Lassen Sie mich den Unterschied zwischen ihnen an folgendem Beispiel verdeutlichen: In der russischsprachigen Literatur und Presse stößt man gewöhnlich auf die Zahl von 40.000 Armeniern, die während des Aufstandes von Van 1915 getötet wurden. Aber wenn wir die englischen Geschichtswerke lesen, stellt sich heraus, dass nicht nur Armenier, sondern auch Assyrer an diesem Aufstand teilgenommen haben und diese beiden Gemeinschaften zahlenmäßig fast gleiche Verluste durch die Handlungen der osmanischen Armee erlitten: Es starben 13.000 Assyrer und 12.000 Armenier. Von diesem Augenblick an verstand ich, dass das Thema „Völkermord an den Armeniern“ absolut konjunkturell ist, durch und durch falsch und auf das Zielpublikum abgestimmt, von dem geplant ist, Geld für die Verbreitung von Literatur über diese Frage zu bekommen. Es gibt einen Forscher, ein Historiker oder Bibliograph namens Candan Badem, der in der Türkei lebt oder gelebt hat und etwa 2010 einen Katalog aller einzelnen gedruckten Ausgaben veröffentlicht hat, die in verschiedenen Ländern in verschiedenen Sprachen der Völker der Welt herausgegeben wurden. Seine Bibliographie endet im Jahr 2005 oder 2006. Er hat die bibliographischen Beschreibungen von 4.554 Büchern, von denen drei Viertel seit 1975, als ASALA erstmals in Erscheinung trat, erschienen sind, unter einem Cover zusammengefasst. Und in jedem Titel war ein Hinweis auf den „Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich“. Überlegen Sie einmal genau: 4200 Titel in 30 Jahren, 130 Titel pro Jahr, alle zweieinhalb Tage eine Neuerscheinung. Spüren Sie die Größe des Unternehmens und die Menge an Geld, die in dieses Geschäft investiert wird?

Warum sehen sich die Armenier als Opfer von 1915?

Weil es für sie bequem ist und ihnen befohlen wird, dies zu sagen. Es gibt viele Faktoren, die diese Wahrnehmung der Welt beeinflussen, und ich habe mehrere wissenschaftliche Artikel zu diesem Thema geschrieben und veröffentlicht. Sie sind online und auf meiner Website verfügbar, so dass es nicht nötig ist, ihren Inhalt hier erneut wiederzugeben. Die Armenier haben in ihren national-religiösen Traditionen einen sehr ausgeprägten Blutkult bis hin zu rituellen Opfern (oder „Matah“) einschließlich Menschenopfern, worüber ein aktiver Teilnehmer des Karabach-Krieges von 1988 bis 1994, Markar Melkonian, in seinen Memoiren schreibt. Markar Melkonian, ein Bruder des armenischen Terroristen Nr. 2, Monte Melkonian, schildert darin, wie armenische Kämpfer aus dem Nahen Osten oft aserbaidschanische Männer, sowohl Kriegsgefangene als auch Zivilisten, auf den frischen Gräbern ihrer Komplizen töteten, so wie es die nationalen Traditionen verlangen. Wie wir sehen können, hat menschliches Blut für Armenier eine heilige Bedeutung, woraus wir schließen können, dass die irrationale Erinnerung der Armenier in diesem Fall viel stärker und aktiver ist als, sagen wir, die der Europäer. Auf eine solche „Stimme des Blutes“ auf rein psycho-physiologischer Ebene hallt unweigerlich der „Ruf des Opfers“ wider. Wenn man sich die armenischen sozialen Netzwerke anschaut, kann man leicht eine große Anzahl von Videos mit Versuchen einer öffentlichen Selbstverbrennung finden. Ich denke, dass Viktimologen und nicht ich gebeten werden sollten, dieses Phänomen zu erklären, aber ich bin sicher, dass dieses Thema eine separate Diskussion erfordert.

Wir alle wissen sehr gut, dass der Begriff „Völkermord an den Armeniern“ weder juristisch noch politisch ist, sondern ein Produkt der Propaganda und des Kalten Krieges. Diese Bezeichnung tauchte erstmals 1962 auf dem Höhepunkt der Kubakrise auf, als die USA als Reaktion auf die Stationierung sowjetischer Raketen mit Atomsprengköpfen auf Kuba ähnliche Raketen in der Türkei stationierten. Daraufhin zog die UdSSR ihre Raketen aus Kuba ab, während die USA den Prozess mit allen möglichen Mitteln bremsten, nicht ohne die Bitten Ankaras, wie es heißt. Die UdSSR musste unter diesen Bedingungen etwas erfinden, aber nicht offen militaristisch, denn der militärische und technische Rückstand der UdSSR gegenüber den USA war noch sehr groß, und niemand brauchte einen Krieg. Unter diesen Bedingungen wurde das Thema „Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich“ als ein Faktor des politischen und psychologischen Drucks auf die Behörden der türkischen Republik geboren. 1962 verabschiedete das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Armeniens (natürlich nicht ohne Zustimmung des Kremls) eine Resolution zum Bau der Gedenkstätte „Tsitsernakaberd“ in Eriwan, welche die Vorstellungen der Armenier von „Groß-Armenien“ und ihre territorialen Ansprüche gegenüber ihren Nachbarn, vor allem ihre Gebietsansprüche gegenüber der Türkei widerspiegelte. Das Institut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der Armenischen SSR wurde in das Institut für Geschichte und Armenologie der Akademie der Wissenschaften der Armenischen SSR umbenannt und wurde zu einem Zentrum der ideologischen und intellektuellen Indoktrination der sowjetischen und ausländischen Armenier im antitürkischen und allgemein für die sowjetische politische Führung notwendigen Geist. 1965 wurde die Gedenkstätte „Tsitsernakaberd“ eröffnet, und von diesem Moment an erreichte die Propaganda der „Völkermord an den Armeniern“-These die offizielle Ebene. Jetzt sind wir Zeugen der einzigartigen paradoxen Situation, in der alle Imperialisten der Welt die 100-prozentige kommunistische Ideologie, die in der UdSSR geboren wurde, mit Schaum vor dem Mund propagieren. Die Sowjetunion existiert nicht mehr, die Autoren dieser Ideologeme existieren nicht mehr, aber sie führt weiterhin ein Eigenleben, getrennt von der konkreten historischen Realität, mit der sie, wenn wir ehrlich sind, eigentlich nie etwas zu tun hatte.

Die Bildung des Opferkomplexes in der ganzen Nation, was in der UdSSR genau der Fall war, wurde von allen möglichen „Entschädigungen“ begleitet, damit die Armenier verstehen würden, was sie von den türkischen Behörden zu fordern hatten. Die Sowjetunion hatte in Armenien im Vergleich zu anderen Sowjetrepubliken den höchsten Prozentsatz an Menschen mit höherer Bildung, aber dieser Faktor hat, wie die spätere Geschichte gezeigt hat, nicht funktioniert.

Armenien erhielt viermal mehr Pro-Kopf-Subventionen als der Rest der Sowjetbürger. Mit anderen Worten, die sowjetische Regierung formte unter den Armeniern ein Modell der sozialen Organisation, das offenkundig konsumorientiert und angesichts der Realität völlig unhaltbar war.

Das anschaulichste Beispiel dafür ist Karabach, das die Armenier nach ihrer Eroberung 1994 wirtschaftlich nicht entwickeln konnten. Im Gegenteil, sie zerstörten dort alles und konzentrierten sich auf die räuberische Ausbeutung von Mineralien und Bodenschätzen ohne jegliche Entwicklung des Gebietes. Alles, was in den besetzten aserbaidschanischen Gebieten in Karabach passiert ist, hätte auch in den türkischen Gebieten passieren müssen, wenn sie unter ihre Verwaltung gekommen wären. Aber diese Frage hat nichts mit dem Thema unseres Interviews zu tun ...

Die UdSSR hat viel für sich selbst erreicht, indem sie den armenischen Nationalismus und die territorialen Ansprüche der Armenier gegenüber der Türkei schürte. Indem die Sowjetunion Armenier und Kurden gegen die Türkei ausspielte, ohne die Ausgaben für die Verteidigung, den militärischen Nachrichtendienst und die ausländische Militärpräsenz zu erhöhen, konnte sie die Südflanke der NATO lahmlegen. Und wenn wir hier die Intifada der Palästinenser gegen Israel hinzufügen, gelang es der UdSSR, die Großregion des Nahen Ostens durch Terrorismus und Nationalismus kleiner Nationen in ein „kontrolliertes Chaos“ zu stürzen und so ihre geopolitische Sicherheit und Präsenz in dieser Region für anderthalb Jahrzehnte zu gewährleisten. Natürlich ging es nicht um die Vorherrschaft, und die gibt es auch jetzt nicht, wenn wir über Russland sprechen, aber es ging auch nicht um die Eröffnung eines grundsätzlich neuen militärischen Operationsgebietes. Die These vom „Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich“ half der UdSSR, eine Runde der Konfrontation im Kalten Krieg mit den USA und der NATO zu gewinnen, die jedoch später mit einem Bumerang globaler Unruhen zu ihr zurückkehrte, beginnend mit dem armenisch-aserbaidschanischen ethnischen Konflikt in Karabach in den späten 1980er Jahren und endend mit einem ausgewachsenen Krieg in der Region, der zu einem Hauptfaktor für den Zusammenbruch der UdSSR 1991 wurde.

Vielen Dank für das Gespräch.