Karl-Peter Naumann steht am Bahnhof. (Fahrgastverband Pro Bahn)

von Ali Özkök & Burcu Karaaslan

Karl-Peter Naumann ist Ehrenvorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn und stellvertretender Vorsitzender der Allianz pro Schiene.

Im Gespräch mit TRT Deutsch ordnet Naumann die Möglichkeiten und Grenzen der Bahn ein, wenn es darum geht, Corona-Vorgaben umzusetzen und unter Pandemiebedingungen ihr Leistungspotenzial auszuschöpfen. Zudem nimmt er Stellung zu kritischen Fragen im Zusammenhang mit den Problemen, vor denen der Bahnverkehr erst jüngst angesichts heftiger Stürme in Teilen des Bundesgebiets gestanden hatte.

Die zunehmenden Coronazahlen und die Debatte um flächendeckende 3G- oder gar 2G-Regeln bleiben nicht ohne Folgen für den Bahnverkehr. Werden wir bald wieder mit leereren Zügen wie in der Zeit des Lockdowns rechnen müssen?

Es wird sicherlich so kommen, dass es mehr Homeoffice gibt, dass auch bestimmte private Reisen eingeschränkt werden, so dass sicherlich die Züge etwas leerer werden. Aber ich glaube, so leer wie beim ersten Lockdown werden sie nicht sein, da wir eben doch einen großen Teil der Bevölkerung haben, der geimpft ist, der genesen ist und da wir auch mit den Tests eigentlich sehr viel besser hinkommen.

Das Bahnpersonal kontrolliert Fahrscheine, bestehende Bahncards und ob der Fahrgast seine FFP2-Maske korrekt trägt. Wird man als Bahnreisender demnächst auch noch routinemäßig nach dem Impfstatus gefragt?

Das wird zeitlich kaum möglich sein. Das Bahnpersonal kommt heute schon in vollen Zügen und auf bestimmten Strecken nicht mehr durch. Das ist das eine und das zweite ist: Das Bahnpersonal hat auch große Angst vor aggressiven Verweigerern. Und wenn hier kontrolliert werden sollte, dann muss es die Bundespolizei oder eine andere spezielle Bundesorganisation machen. Wo man die Leute allerdings herkriegen will, das weiß keiner. Aber das Bahnpersonal befürchtet zu Recht, dass es dann eher körperlich angegangen wird. Wenn jemand eben keinen entsprechenden Nachweis hat.

Ist die Corona-Pandemie ein Ereignis, das ganz klar die Grenzen der sogenannten Verkehrswende aufzeigt? Gerade die Möglichkeit teilweiser oder kompletter Lockdowns, gesetzliche Vorgaben wie 3G oder 2G bzw. Beförderungsbeschränkungen (Höchstzahlen etc.) zeigen doch, dass der Individualverkehr noch gebraucht wird…

Wir werden sicherlich immer Individualverkehr brauchen, weil nicht alle Verkehre sich öffentlich darstellen lassen. Aber gerade auch Corona hat gezeigt, dass es viele Möglichkeiten gibt, das Auto stehen zu lassen. Und die Entwicklung im öffentlichen Verkehr geht hier auch hin zu kleineren Einheiten, die on demand, also auf Anfrage hin verkehren.

Und letztendlich ist eben die Frage nicht nur eine Frage von Corona, es ist eben auch eine Frage des Klimas und des Klimawandels. Und gerade beim Thema Klimawandel müssen wir auf den öffentlichen Nahverkehr setzen.

Ich bin gerade auch auf dem Mobilitäts-Kongress in Frankfurt und da wurde sehr deutlich noch mal gesagt: Wir kommen in Zukunft gar nicht ohne einen öffentlichen Verkehr in großen Städten aus, weil das Thema individueller Autoverkehr einfach so viel Platz frisst, dass es gar nicht möglich ist, dass wir noch eine lebenswerte Stadt haben werden.

Und das sind Aspekte, die wir auch berücksichtigen müssen. Wir brauchen den öffentlichen Verkehr. Wir werden ihn brauchen und wir müssen ihn jetzt stärken. Und wir wissen auch aus bekannten Studien, dass das Ansteckungsrisiko im öffentlichen Verkehr nicht größer ist als im Supermarkt.

Vor wenigen Wochen herrschte Chaos in weiten Teilen des Bundesgebiets wegen der Folgen starker Stürme. Menschen warteten teilweise Stunden auf Fernzüge oder mussten sich behelfen, indem sie Sammeltaxis organisierten. Überschätzt eine Politik, die zunehmend öffentliche Verkehrsmittel auf Kosten des Individualverkehrs forciert, dessen Möglichkeiten?

Sie überschätzt die Möglichkeiten in Deutschland aber nicht grundsätzlich. Und wenn wir uns einfach mal anschauen, wie die Finanzverteilung zugunsten des Bahnverkehrs in Europa ist, dann ist Deutschland mit 88 Euro pro Einwohner und Jahr auf einem der letzten Plätze.

In der Schweiz liegen wir bei über 400 Euro pro Einwohner und Jahr und auch in Österreich weit über 200. Also hier ist noch sehr viel von der Politik zu tun. Wenn man den öffentlichen Verkehr, die Infrastruktur des öffentlichen Verkehrs ordentlich finanzieren würde, dann würde es auch nicht zu solch massenhaften Ausfällen kommen.

Vielen Dank für das Gespräch!

TRT Deutsch