Herero-Sprecher Israel Kaunatjike im Gespräch mit TRT Deutsch. (TRT Deutsch)

von Ali Özkök & Burcu Karaaslan

Israel Kaunatjike ist 1947 in Namibia geboren, lebt seit mehr als 30 Jahren in Berlin und arbeitet als Bildungsreferent mit dem Schwerpunkt der deutschen Kolonialgeschichte im südlichen Afrika. Der Aktivist ist ein erklärter Kritiker der jüngsten Vereinbarung zwischen den Regierungen in Berlin und Windhuk über die Anerkennung des deutschen Völkermordes an Herero und Nama. In der Bundesrepublik tritt er als Sprecher der Herero auf.

Im Interview mit TRT Deutsch erklärt er, warum er findet, dass die Einigung auf Kosten der damaligen Opfer und ihrer Nachfahren geht.

Sie sind mit der Einigung zwischen der deutschen Bundesregierung und der Regierung Namibias über die Anerkennung des Völkermordes an Herero und Nama nicht einverstanden. Was stört Sie konkret an der Vereinbarung?

Nicht mich persönlich, sondern die Nama- und Herero-Verbände, die die Mehrheit der Herero und Nama vertreten. Sie sind überhaupt nicht einverstanden und waren auch von Anfang an nicht einverstanden mit dem ganzen Verhandlungsprozess. Und warum? Weil sie gar nicht eingebunden waren in diesen Verhandlungsprozess zwischen Namibia und der Bundesrepublik Deutschland. Das war das Hauptproblem, weil wir finden, dass die namibische Regierung nicht legitimiert ist, für diese zwei Völker zu sprechen.

Wer wären aus Ihrer Sicht die korrekten Ansprechpartner in dieser Angelegenheit gewesen, und welche Einflussmöglichkeiten hätten diese in Namibia selbst auf den Fortgang der Verhandlungen nehmen können?

Wissen Sie, wir sprechen als Betroffene durch diesen Vernichtungskrieg gegen die Herero und die Nama. Diese zwei Völker sollten ausgelöscht werden. Über 80 Prozent der Herero sind ermordet worden von den deutschen Truppen, die Nama zu über 50 Prozent. Die Betroffenen haben dieses Recht, das sagt auch eine UN-Resolution, direkt mit Deutschland als Täterregierung zu sprechen.

Nicht die namibische Regierung, die auch nie betroffen war, und damals vor 100 Jahren hatten wir gar keine namibische Regierung, und es ging auch nicht gegen eine solche, es ging gegen Herero und Nama. Deshalb sagen wir, sie sollen direkt mit uns reden. Sonst ist das einfach Nonsens.

Unsere Forderungen waren eine Entschuldigung, eine Anerkennung als Völkermord und Reparationen. Deutschland hat diese Wörter „Genozid“ und „Reparationen“ nun ausgeschlossen, weil das nicht als Präzedenzfall geschaffen werden soll, denn es gibt auch andere Länder, die auch an Deutschland Forderungen stellen. Daran hakt alles zurzeit.

Deutschland steht in dieser bestimmten Situation auch sehr stark unter Druck. Sie haben Angst, von Reparationen zu sprechen, denn die wollen dann auch Polen, Griechenland und Italien, weil Deutschland auch dort sehr viel kaputt gemacht hat.

Was ist aus den Ländereien in Namibia geworden, die einst den Herero und Nama gehört hatten? Wie Sie wissen, wurde das Land, wo die Hereros und Nama gewohnt hatten, damals enteignet von den Deutschen. Das heißt, das Land wurde ihnen einfach weggenommen. Hereros durften damals nichts mehr besitzen. Es war verboten, Land oder größeres Vermögen zu besitzen. Das Land heute ist immer noch im Besitz von deutschen Nachfahren und es macht 60 bis 70 Prozent des Landes aus. Für uns ist das sehr wichtig, denn die vertriebenen Herero, die heute in Botswana, Südafrika oder in Angola leben, müssen irgendwann nach Hause - aber wohin, wenn das Land immer noch in deutscher Hand ist? Das ist unser Problem. Das Land ist sehr, sehr, sehr wichtig. Das wollen wir wieder zurückhaben. Nun ist die amtierende SWAPO-Regierung durch eine 65-Prozent-Mehrheit im namibischen Parlament abgesichert. Wäre es vor diesem Hintergrund für die deutsche Bundesregierung überhaupt realistisch gewesen, eine Vereinbarung mit den Betroffenen selbst an dieser vorbei zu erzielen? Wir sehen so und so nur eine Möglichkeit, nämlich diese Verhandlungen noch mal von vorne anzufangen, mit Herero und Nama, weil ohne uns gehen sie gegen uns. Wir werden nicht erlauben, dass diese korrupte namibische Regierung für uns verhandelt. Die sind mehr am Finanziellen interessiert. Was uns betrifft, sind es unsere Vorfahren, die damals ermordet wurde. Viele sind immer noch in Deutschland. Wir haben auch hier in Deutschland Menschenreste, Skelette, Schädel, die damals hierher gebracht wurden für rassistische Experimente. Darüber hat man auch nicht verhandelt. Das sind unsere Vorfahren. Wir kämpfen für die, die hier in Deutschland sind. Und die Menschen, von denen die Tausenden von Schädeln stammen, die Skelette von Menschen, von Kindern.

1904: Eine deutsche Maschinengewehr-Einheit im Kampf gegen die Herero. (Getty Images)

Aber die innenpolitischen Konflikte zwischen den Volksgruppen und der SWAPO sind ja jetzt nichts, was Deutschland lösen könnte…?! Darum geht es auch nicht. Sie haben einfach nicht behandelt, was uns wirklich am Herzen liegt, denn wir sprechen für unsere Vorfahren, die von Deutschland oder den Deutschen in Konzentrationslagern ermordet wurden. Im Übrigen soll Deutschland nicht immer nur mit dem Finger auf andere Länder zeigen. Sie sollen das auch nicht als Ausrede verwenden nach dem Motto „Damit hätten wir diesen Mist erledigt“. Genau das ist die Doppelmoral Deutschlands. Andere Länder sind ja Diktaturen und die Menschenrechte und weiß Gott was – aber uns respektieren die ja nicht. Namibia ist für mich der Befehlsempfänger Deutschlands. Das wollen wir mit uns nicht mehr machen lassen. Sie diktieren immer noch, was Namibia zu tun hat. Unsere Leute fühlen sich nach diesen Geschehnissen erniedrigt. Erstens sollte es in Deutschland im Bundestag klar gemacht werden, was Sache ist und was sie vorhaben, und dann sollen sie noch einmal nach Namibia kommen. Vielen Dank für das Gespräch!

TRT Deutsch