Über 1800 Kinder gelten in Deutschland als vermisst. Insgesamt lag die Zahl der vermissten Männer, Frauen und Kinder Anfang Mai bei rund 10.800, wie das Bundeskriminalamt (BKA) auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur in Wiesbaden mitteilte. Darunter sind auch Fälle, bei denen das BKA bei Fahndungen aus dem Ausland mit eingebunden wurde.

Erfahrungsgemäß erledigten sich etwa die Hälfte der Vermisstenfälle innerhalb der ersten Woche, erklärten die Experten. Binnen einer Monatsfrist betrage die Quote bereits über 80 Prozent. Der Anteil der Personen, die länger als ein Jahr vermisst werden, bewege sich bei nur etwa drei Prozent. Die Aufklärungsquote der Vermisstenfälle bei Kindern liegt laut BKA in Deutschland grundsätzlich bei weit über 90 Prozent. Falls ein Fall nicht aufgeklärt werde, bleibe die Personenfahndung bis zu 30 Jahren bestehen.

„Das ist mit die schwerste Situation, die man aushalten muss“, sagt die Bundesgeschäftsführerin des Weißen Rings, Bianca Biwer, über Eltern, deren Kind verschwunden ist. Etwa 99 Prozent der vermissten Kinder und Jugendlichen kämen zwar schnell zurück. „Aber für die anderen ist das natürlich dramatisch“, sagte Biwer. „Sie brauchen eine lange Begleitung und psychologische Unterstützung, mit der Situation umzugehen.“

Denn dazu komme bei vielen „eine immer wiederkehrende vernichtende Enttäuschung“. Als Beispiel nennt Biwer eine Frau, die auch nach 30 Jahren noch immer bei jedem Klingeln des Telefons oder an der Tür hofft, dass es ihre verschwundene Tochter ist. Der Weiße Ring betreue eine zweistellige Zahl von Opfern, deren Kinder vermisst werden, manche schon sehr lange, und kooperiere dabei mit anderen spezialisierten Hilfsorganisationen. Diese Menschen müssten „stabilisiert werden, trotz der Situation noch ein eigenes Leben leben zu können. Das ist schwierig für die Betroffenen.“

Der Zeitfaktor spiele eine große Rolle, wenn ein Kind verschwinde. Es sei wichtig, früh und schnell eine breite Öffentlichkeit einzubinden. Hinter dem Verschwinden stecke allerdings selten eine Straftat, etwa eine Sexualstraftat. Biwer erinnert sich allerdings auch noch an einen Fall, bei dem sich ein vermisstes Mädchen einmal nach längerer Zeit selbst aus so einer Situation befreien konnte.

Gerade bei Kindern habe das Verschwinden oft auch einen ganz ernsten Hintergrund, etwa eine Gewalterfahrung, vor der sie weggelaufen seien, sagte Biwer. Dies könne häusliche Gewalt oder Vernachlässigung sein. „Es muss aber nicht im familiären Kontext liegen.“ Es könne auch eine ganz andere Gewalterfahrung sein, von der die Eltern gar nichts wüssten.

DPA