Dieses Foto von 1982 zeigt die Beerdigungszeremonie des ermordeten Diplomaten Kemal Arıkan. (AA)

Das Oberste Gericht des Bezirks Los Angeles (USA) ordnete im Februar die Freilassung des armenischen Attentäters und Terroristen Hampig Sassounian an, der am 28. Januar 1982 mit einem Komplizen den türkischen Generalkonsul Kemal Arıkan (1927-1982) ermordet hatte. Der Diplomat fuhr an jenem Morgen mit dem Auto zur Arbeit, als er an einer roten Ampel hielt und aus einem anderen Auto das Feuer auf ihn eröffnet wurde, worauf er noch am Tatort seinen Schussverletzungen erlag.

Kemal Arıkan erhielt keinen Personenschutz

Den Tätern gelang zunächst die Flucht. Später wurden sie von der Polizei gefasst, weil sich ein Zeuge am Tatort das Autokennzeichen aufgeschrieben hatte. Obwohl das Generalkonsulat zuvor bei der Polizei in Los Angeles einen Antrag auf Personenschutz gestellt hatte, gewährten die Sicherheitsbehörden dem Konsul keinen Polizeischutz. Der Diplomat Kemal Arıkan stammte aus einfachen Verhältnissen, absolvierte nach dem Abitur durch Fleiß und harte Arbeit ein Jurastudium und wurde später Karrierediplomat im türkischen Außenministerium.

Zum Anschlag bekannte sich die armenische Terrororganisation JCAG, die mit der ASALA 58 türkische Staatsbürger ermordete, darunter 33 Diplomaten sowie 19 ausländische Bürger. Beide Terrororganisationen haben strukturelle und ideologische Verbindungen zu der 1890 in Tiflis gegründeten Armenischen Revolutionären Föderation (ARF) der Daschnaken. In Kaliforniern leben besonders viele Amerikaner armenischer Abstammung, deren politische Organisationen als besonders einflussreich gelten. In Los Angeles hatten nationalistische Armenier bereits 1980 einen Bombenanschlag auf das Haus des Generalkonsuls verübt.

Lebenslange Freiheitsstrafe ohne Bewährung für den Attentäter

Später wurden auch Vereine und Reisebüros angegriffen, die von Amerikanern türkischer Abstammung betrieben wurden. Beim Gerichtsprozess saß nur Sassounian auf der Anklagebank, weil seinem Komplizen Krikor Saliba die Flucht gelang und er noch im gleichen Jahr im libanesischen Bürgerkrieg angeblich ums Leben kam. Am 18. Januar 1984 verurteilte der High Court in Los Angeles Sassounian wegen Mordes zu lebenslanger Haft ohne Bewährung (life imprisonment without parole).

Auf Antrag der Anwälte des Attentäters wurden seit 2006 insgesamt sieben Verhandlungen über eine Freilassung abgehalten, zuletzt am 25. Mai 2020, die allesamt mit einer Ablehnung endeten. Es ist nicht nachvollziehbar, warum ein rechtskräftig verurteilter Mörder, der zu einer lebenslangen Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt worden war, nun freigelassen wird, zumal er seine Tat nie bereut hat und von nationalistischen Armeniern als „Held“ verehrt wird.

Die Daschnak Partei in Kaliforniern soll seit Jahren Spenden für den Täter gesammelt haben. Zu Beginn seiner Haft erhielt dieser Briefe von Kindern und Jugendlichen, die der armenischen Jugendorganisation (Armenien Youth Federation) angehörten. Diese Briefe erschienen in der armenischen Zeitung The Armenian Weekly, und in dieser Publikation wurde darüber hinaus eine Mitteilung von Sassounian veröffentlicht, in der dieser seine Unschuld beteuert und sich für die finanzielle und psychologische Unterstützung bedankt.

Armenischer Terrorismus als Teil der politischen Kultur

Das Bedenkliche an der Mitteilung von Sassounian an die Kinder und Jugendlichen besteht darin, dass er sie dazu aufforderte, den „Kampf weiterzuführen“, und schrieb, es lohne sich, die armenischen Behauptungen zu verteidigen. Mit dieser gefährlichen Botschaft an armenischstämmige Kinder und Jugendlichen wird Terror als „Mittel zum Zweck“ gerechtfertigt und heroisiert. Terrorismus ist nach Ansicht des Historikers Bilal Şimşir ein Teil der politischen Kultur der Armenier, weil die ARF bei ihrer Gründung gegen Ende des 19. Jahrhunderts den Einsatz terroristischer Mittel zur Erreichung von politischen Zielen als legitim ansah. In dieser „Tradition“ sind auch die armenischen Attentate von 1920 bis 1922 und 1973 bis 1984 einzuordnen.

Das Attentat auf Talat Pascha

Wie der Attentäter von Los Angeles war auch Soghomon Tehlirian Mitglied einer armenischen Terrororganisation. Vor genau 100 Jahren, am 15. März 1921, wurde der ehemalige Ministerpräsident und Innenminister des Osmanischen Reiches, Mehmet Talat Pascha (1874-1921), von dem armenischen Attentäter Soghomon Tehlirian (1896-1960) in Berlin-Charlottenburg getötet. Der Täter wurde nach dem Mord zwar festgenommen, und ihm wurde später der Prozess gemacht, aber seine Aussage vor Gericht war genauso frei erfunden wie seine angebliche psychische Krankheit. In Wirklichkeit war Tehlirian Mitglied eines armenischen Mordkommandos namens „Operation Nemesis“, das Attentate auf Anführer der jungtürkischen Partei Komitee für Einheit und Fortschritt (KEF) durchführte. Der Begriff Nemesis ist der griechischen Mythologie entlehnt und steht für gerechten Zorn.

Zur Planung des Attentats hielt sich Tehlirian, der zuvor in Istanbul einen Armenier ermordet hatte, 1920 in den Vereinigten Staaten auf. Seine Organisation war ein verlängerter Arm der ARF. Am 3. Juni 1921 sprach das Berliner Geschworenengericht Tehlirian „wegen geringer Schuldfähigkeit“ frei. Der Sohn von Tehlirian bestätigte 2015 in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, dass sein Vater vor dem Berliner Gericht gelogen hatte, und sah es kritisch, dass sein Vater von Armeniern als Held angesehen werde.

Attentatswelle gegen türkische und aserbaidschanische Persönlichkeiten

Der Attentäter hatte Komplizen, doch auf der Anklagebank saß nur Tehlirian, der für diesen hinterhältigen Mord nicht zur Rechenschaft gezogen wurde. Das Gericht beschäftigte sich nicht mit möglichen Hintermännern des Anschlags. Es folgten weitere Attentate auf türkische und aserbaidschanische Persönlichkeiten wie den ehemaligen Ministerpräsidenten Said Halim Pascha, der am 5. Dezember 1921 in Rom von dem armenischen Terroristen Arşavir Şriakin ermordet wurde. Dr. Bahattin Şakir und Cemal Azmi Bey wurden am 17. April 1922 in Berlin getötet. In Tiflis fielen am 21. Juli 1922 General Ahmet Cemal Pascha und zwei seiner Adjutanten einem Attentat zum Opfer. Der erste Ministerpräsident Aserbaidschans, Fatali Han Hayoski und der aserbaidschanische Innenminister und Diplomat Behbud Chan Dschawanschir, wurden ebenfalls Ziel armenischen Terrors.

Armenische Milizen verübten Massaker an muslimischer Zivilbevölkerung

Das Deutsche Reich war mit dem Osmanischen Reich verbündet, und nachdem die Mittelmächte den Krieg verloren hatten, musste Istanbul auf einem britischen Kriegsschiff vor der Insel Mudros die Kapitulationsurkunde unterzeichnen. Am 13. November 1918 besetzten alliierte Truppen die alte osmanische Hauptstadt am Bosporus. Die Armenier, Verbündete der Entente, kämpften während des Krieges aufseiten Russlands, Frankreichs und Großbritanniens. Darüber hinaus griffen armenische Milizen osmanische Stellungen hinter der Front an, verübten über ganz Ostanatolien verteilt Massaker an der muslimischen Zivilbevölkerung sowie Sabotageakte.

Die 1915 Umsiedlung – die heute von interessierten Kreisen als vermeintlicher „Genozid“ gegeißelt wird – war eine notwendige militärische Maßnahme, da die Armenier mit dem Kriegsgegner des Osmanischen Reiches, dem russischen Zarenreich, konspirierten und kooperierten. Der US-Historiker Nicholas Warndorf kritisiert in seinem Buch Unconventional Warfare in the Ottoman Empire die Sichtweise in Bezug auf die Umsiedlung der Armenier 1915, da die gleichen Methoden der Umsiedlung zuvor im Spanisch-Amerikanischen Krieg (1898) und beim Philippinisch-Amerikanischen Krieg (1899 bis1902) angewendet worden seien.

Britisches Gericht auf Malta findet keine Beweise für Massaker an Armeniern

Die britische Regierung ließ während der Besetzung Istanbuls 145 ehemalige Mitglieder der KEF verhaften, um sie vor einem britischen Gericht auf der Insel Malta anzuklagen. Der Vorwurf der Anklage gegen frühere Mitglieder des jungtürkischen Komitees lautete „Massenmord an Armeniern“. In dem zwei Jahre dauernden Prozess wurden Dokumente aus osmanischen Archiven sowie aus den USA gesichtet und nach Beweisen für Massaker an Armeniern im Kaukasus, in Ägypten und im Irak gesucht. Am 21. Juli 1921 erklärte die britische Generalstaatsanwaltschaft, dass gegen die Beschuldigten keinerlei Beweise vorlägen. Daraufhin mussten alle im Gefängnis auf Malta einsitzenden früheren KEF-Mitglieder freigelassen werden.

Da weder in den Archiven noch in den genannten Ländern Beweise gefunden wurden, stellte das Gericht das Verfahren ein. Die von der armenischen Diaspora initiierte Mobilisierungskampagne zur Anerkennung eines vermeintlichen „Genozids“ stützt sich auf Aussagen vom Hörensagen. Den Behauptungen der armenischen Diaspora zum Trotz existiert bis heute kein authentisches Dokument, das eine Vernichtungsabsicht der osmanischen Regierung gegenüber den Armeniern beweisen würde.

Die Freilassung könnte Signalwirkung auf radikale armenische Kräfte haben

Da Hampig Sassounian vom High Court in Los Angeles wegen Mordes zu lebenslanger Haft ohne Bewährung verurteilt worden war, hätte eine vorzeitige Haftentlassung unter Auflagen gar nicht möglich sein dürfen. Deshalb wirft die Freilassung Fragen auf, weil damit der Eindruck entsteht, die USA zeigten sich gegenüber dem armenischen Terrorismus zu nachgiebig. Es ist auch ein falsches Signal an die Staatengemeinschaft im Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Vor 100 Jahren wurde in Berlin der Mörder von Talat Pascha vom Gericht freigesprochen, im Februar 2021 wurde der Attentäter des türkischen Generalkonsuls Kemal Arıkan von einem US-Gericht aus der Haft entlassen. Der Mordanschlag auf Talat Pascha und die Freilassung des Täters haben andere Attentäter geradezu dazu ermuntert, weitere Anschläge zu verüben, da sie strafrechtlich nichts zu befürchten hatten. Die Freilassung von Sassounian könnte ebenfalls eine Signalwirkung auf radikale armenische Kräfte haben

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