Im NSS betrachtete Washington Europa nicht länger als Partner, sondern als einen Kontinent im Zivilisationsverfall. Daran knüpft die NDS nun an. Die USA hätten zu lange Zeit und Energie mit der Unterstützung ihrer europäischen Verbündeten vergeudet und so die eigenen Interessen und die ihrer eigenen Bürger vernachlässigt, so die Logik der Strategen um Donald Trump. Europa wird eher wie ein „Klotz am Bein” der Amerikaner gesehen, dem man sich endlich entledigen müsse. Diese historische Abkehr zwingt Europa zu einer schmerzhaften Einsicht, bietet aber auch Möglichkeiten zur Resilienz, Unabhängigkeit und Eigenständigkeit – auch wenn NATO-Generalsekretär Mark Rutte diese These vermutlich nicht teilen würde.
„America First“ wird nun auch militärische Realität
Der Rückzug der USA wird real. Die NDS formuliert die Grundsätze der zuvor veröffentlichten Nationalen Sicherheitsstrategie für die Praxisumsetzung aus und bestätigt den absoluten Bruch mit dem System, das der sogenannte Westen nach 1945 aufgebaut hat. Die Analyse vieler Beobachter, darunter Berthold Kohler von der F.A.Z., führt die dramatische Entfremdung direkt auf Donald Trump zurück. Während sich Amerika und Europa zuvor in einer Interessen- und Wertegemeinschaft wähnten, habe Trump, so Kohler, diese Bande zertrennt, „so wie er alles zerreißt und zerfetzt“. Damit vollzieht sich ein radikaler Paradigmenwechsel: Die jahrzehntealte Überzeugung, dass Kooperation besser sei als Konfrontation, wird ersetzt. In dieser Logik der Trumpisten kann ein Gewinn des Partners nur ein eigener Verlust sein, weshalb echte Kooperation nichts bringe und Politik fortan ausschließlich der rücksichtslosen Durchsetzung eigener Interessen zu dienen habe.
Zu lange hätten es US-Regierungen „selbstgefällige Bekenntnisse zur Verteidigung Luftschloss-artiger Abstraktionen wie der ‚regelbasierten internationalen Ordnung‘ vergeudet“, heißt es in dem Verteidigungsdokument. Die Botschaft an Europa ist unmissverständlich: Um die Sicherheit Europas müssen sich die Europäer fortan vorrangig selbst kümmern. Die USA bekennen sich zwar weiterhin zur NATO, betonen aber, dass die europäischen Verbündeten „die Führung gegen Bedrohungen übernehmen, die für sie schwerwiegender seien als für die USA – mit entscheidender, aber begrenzter Unterstützung der Vereinigten Staaten“.
China als Hauptherausforderer
Der Hauptrivale Washingtons ist klar: An der Spitze steht der Machtkampf gegen China, das als „zweitmächtigstes Land der Welt“ und „in puncto Macht den USA so nah wie kein anderer Staat seit dem 19. Jahrhundert“ steht. Die USA konzentrieren ihre militärischen Anstrengungen nun darauf, im Indo-Pazifik ein Kräftegleichgewicht zu bewahren und ihren Zugang zum „ökonomischen Gravitationszentrum der Welt“ zu sichern. Hinter dieser Fokussierung steht auch die nüchterne Erkenntnis, dass China militärisch aufgeholt hat. US-Kriegssimulationen endeten jüngst sogar regelmäßig mit einer Niederlage, und bei Schlüsseltechnologien wie KI-gesteuerten Drohnenschwärmen wird Peking teils als führend eingeschätzt.
Für Europa, Deutschland und Österreich hat diese Priorisierung eine direkte und weitreichende Konsequenz: Die Verantwortung für die konventionelle Verteidigung gegen Russland wird fast vollständig weitergereicht. Russland wird in der NDS als „eine anhaltende, aber beherrschbare Bedrohung“ vor allem für die östlichen NATO-Staaten eingestuft. Die Begründung ist ebenso klar wie für europäische Ohren ernüchternd: Die europäischen NATO-Staaten seien Russland „bezüglich der Wirtschaftsleistung, der Bevölkerungszahl und damit der latenten Militärmacht bei weitem“ überlegen. „Moskau ist nicht in der Lage, um die Vorherrschaft in Europa zu konkurrieren“, heißt es im Dokument. Folglich müssten sich die Europäer darum kümmern, Russland in Schach zu halten, während die US-Streitkräfte sich darauf konzentrieren, direkte Bedrohungen des amerikanischen Territoriums abzuwehren. Diese Aufgabenteilung bedeutet für Deutschland, Österreich und ihre Partner eine historische Lastenverschiebung. Sie macht die seit Jahren geforderte „strategische Autonomie“ Europas nicht länger zu einer politischen Option, sondern zu einer existenziellen Notwendigkeit.
Fokus auf die „Westliche Hemisphäre“ und die Grönland-Krise
Parallel zur Abkehr von Europa und der Fokussierung auf den Pazifik deklariert die NDS die gesamte „Westliche Hemisphäre“ – Nord- und Südamerika, die Karibik und Grönland – zur unantastbaren Einflusssphäre der USA. Man werde „die Interessen Amerikas in der gesamten westlichen Hemisphäre aktiv und furchtlos verteidigen“, heißt es, und sich den militärischen und wirtschaftlichen Zugang zu Schlüsselgebieten wie dem „Golf von Amerika(!)“, dem Panamakanal und Grönland sichern.
Genau diese abstrakte Formulierung erhielt durch die parallel eskalierende Grönland-Krise eine explosive und konkrete Bedeutung. Die Drohungen Präsident Trumps, die Insel notfalls militärisch zu annektieren, und die Ankündigung von Strafzöllen gegen europäische Länder, die sich widersetzen, offenbarten die ganze Brutalität der neuen „America-First“-Logik.
Diese Krise ist ein Lackmustest für den Zustand der transatlantischen Beziehungen und hat tiefe Verwerfungen in Deutschland und Europa offengelegt. In Deutschland forderten starke Wirtschaftsverbände wie der VDMA entschlossene Gegenmaßnahmen bis hin zum Einsatz der europäischen „Handels-Bazooka“ (Anti Coercion Instrument/ACI), während andere, etwa aus der Automobilindustrie, vor einer Eskalation warnten.
Die politische Führung dagegen schwankt: Bundeskanzler Friedrich Merz suchte einerseits das Deeskalationsgespräch mit Trump in Davos, betonte aber auch, man dürfe sich „nicht klein machen“. Schon vor Monaten kündigte Merz an, die „größte konventionelle Armee in Europa“ aufbauen zu wollen. Auf der anderen Seite mahnte CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Jens Spahn eine „besonnene Antwort“ an und verwies auf die anhaltende Abhängigkeit Europas von den USA.
Auf EU-Ebene zeigt sich ein gespaltenes Bild: Während Frankreichs Präsident Emmanuel Macron die US-Drohungen als „inakzeptabel“ verurteilte und von „zurückkehrendem Imperialismus“ sprach, drängte Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni auf Dialog und Deeskalation.
Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen für Deutschland
Die neue US-Strategie trifft Deutschland als exportorientierte Nation an einer verwundbaren Stelle. Die bereits verhängten US-Zölle haben deutliche Spuren hinterlassen: Die deutschen Exporte in die USA brachen in den ersten elf Monaten des Jahres 2025 um 9,4 Prozent ein, der Autoexport sogar um 17,5 Prozent. Der US-Markt sei „zum Risikogeschäft mutiert“, urteilen Wirtschaftsforscher, und die Planungssicherheit für Unternehmen sei dahin. Die im Grönland-Streit suspendierten US-Zölle schweifen wie ein Damoklesschwert über dem transatlantischen Handel. Sollten sie - angesichts der bekannten politischen Unberechenbarkeit Donald Trumps eine stets präsente Gefahr - tatsächlich fallen, wäre das der Startschuss für eine fatale Vergeltungsspirale. Die EU hatte bereits mit Gegenmaßnahmen im Wert von 93 Milliarden Euro gedroht. Ein offener Handelskrieg wäre dann nicht mehr eine Frage des ob, sondern nur noch des wann. Die Lage bleibt somit fragil und hängt vom nächsten impulsiven Federstrich oder einem Wutanfall im Weißen Haus ab.
Deutsche verlieren das Vertrauen in die USA
Parallel zur Wirtschaft verläuft der Vertrauensverlust in der deutschen Bevölkerung: Lediglich jeder Achte (zwölf Prozent) bewertet die Arbeit Trumps positiv – ein neuer Tiefpunkt selbst im Vergleich zum Start seiner zweiten Amtszeit. Als vertrauenswürdigen Partner Deutschlands sehen die USA nur noch 15 Prozent der Menschen. Diese Stimmung speist sich nicht nur aus der Grönland-Frage, sondern auch aus dem Vorfall wie der von den USA angeführten Entführung des venezolanischen Präsidenten Maduro, die das Bekenntnis zu einer regelbasierten Ordnung auf eine weitere harte Probe stellte.
Auch in Österreich überwiegt Skepsis gegenüber Trump
Auch bei den österreichischen Nachbarn ist das Vertrauen in die USA unter Trump auf einem historischen Tiefpunkt angelangt. Laut einer Gallup-Umfrage standen im November 69 Prozent der Österreicher der US-Politik negativ gegenüber, nur 23 Prozent bewerten sie positiv. Nur unter FPÖ-Anhängern findet sich mit 49 Prozent eine nennenswerte Zustimmung für „Trumpismus“ auf österreichischem Boden. 56 Prozent der Befragten erkennen hier große inhaltliche Ähnlichkeiten. Insgesamt überwiegt die Sorge vor Destabilisierung: 62 Prozent der Österreicher sehen die US-Außenpolitik unter Trump als destabilisierend für die Welt.
Die Umfragen unterstreichen damit nicht nur die tiefe transatlantische Vertrauenskrise, sondern auch die politische Polarisierung, die der „Trump-Effekt“ selbst innerhalb europäischer Gesellschaften befördert.
Überdies wird das gestörte Verhältnis zu Washington in der offiziellen Sicherheitsdoktrin Österreichs als Risikofaktor benannt. Das Verteidigungsministerium in Wien stuft das „unilaterale Handeln“ der Trump-Administration und deren Ziel, die „Kohäsion der EU zu erschüttern“, als fundamentale Bedrohung ein. Die Analysten warnen, sich nicht in trügerischer Hoffnung zu wiegen. Stattdessen sieht sich Österreich in einer neuen, „imperialistischeren“ Weltordnung, in der es seine Resilienz gegen wirtschaftlichen Protektionismus und die drohende Marginalisierung auf der Weltbühne steigern muss.
Die neue US-Verteidigungsstrategie ist kein bloßes Positionspapier. Sie ist ein Siegel einer geopolitischen Revolution, die Europa aus seiner behaglichen Komfortzone stößt. Sie beendet die Ära, in der Amerika die letzte Garantie europäischer Sicherheit war. Für Deutschland und Österreich ist diese Zäsur besonders folgenschwer. Sie konfrontiert die beiden Nachbarländer mit der Wahl zwischen einer demütigen Anpassung an eine rauere Weltordnung und dem mutigen, aber steinigen Weg in eine ungewisse, aber eigenständigere Zukunft. Der schmerzhafte Abschied von alten Gewissheiten hat begonnen. Ob daraus eine neue europäische Stärke erwächst, hängt nun davon ab, ob der kontinentale Aufruf „Uyan Avrupa uyan!“ („Wach auf, Europa, wach auf!“), Gehör findet. Und genau hier, an dieser weltpolitischen sowie geostrategischen Weggabelung, könnte die Bedeutung eines engagierten und verlässlichen Partners wie Türkiye in neuem Licht erscheinen.


















