Meinung
WELT
4 Min. Lesezeit
Warum richtet sich der Blick des Westens so intensiv auf Türkiye?
Eine auffällige Diskrepanz in der Veröffentlichungszahl von DW Türkçe wirft Fragen auf: Warum richtet sich ein erheblicher Teil westlicher Medienaufmerksamkeit so intensiv auf Türkiye – und welches Bild wird dabei vermittelt?
Warum richtet sich der Blick des Westens so intensiv auf Türkiye?
Deutsche Welle (DW) / Foto: Monika Skolimowska/dpa

In den vergangenen Tagen hat ein in sozialen Medien verbreiteter Beitrag zur Berichterstattung von DW Türkçe in Türkiye für Aufmerksamkeit gesorgt. Demnach habe der staatlich finanzierte deutsche Auslandssender Deutsche Welle im Jahr 2025 über seinen deutschsprachigen Account rund 26.000 Inhalte veröffentlicht – während der türkischsprachige Account mehr als 191.000 Beiträge publiziert habe.

Ein Blick auf diese Zahlen legt nahe, dass ein erheblicher Teil der redaktionellen Kapazitäten auf Türkiye ausgerichtet ist. Die Differenz ist bemerkenswert – ja, rekordverdächtig. Während Follower des deutschsprachigen Kanals vergleichsweise selektiv informiert werden, sehen sich Nutzer des türkischsprachigen Angebots mit einer regelrechten Informationsflut konfrontiert.

Angesichts der Tatsache, dass der deutsche DW-Account bereits im September 2008 und der türkische im Juli 2009 eingerichtet wurden, ist diese Entwicklung keineswegs überraschend. Denn nicht nur Deutsche Welle, sondern zahlreiche global agierende westliche Medienhäuser haben in den vergangenen Jahren ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf Türkiye gerichtet. Auffällig ist dabei, dass in vielen Beiträgen – jenseits routinemäßiger Nachrichten – eine überwiegend negative Perspektive dominiert.

Türkiye erscheint in diesen Darstellungen häufig als Ort von Gewalt, Autoritarismus, wirtschaftlicher Krise, ethnischer Spaltung oder gesellschaftlicher Diskriminierung. Die Intensität dieser einseitigen Berichterstattung ist so hoch, dass diejenigen, die sich ausschließlich über diese Kanäle informieren, kaum in der Lage sind, sich ein differenziertes Bild von Türkiye zu verschaffen.

Gleichzeitig hat Türkiye in zahlreichen Bereichen beachtliche Entwicklungen vollzogen. Während viele westliche Demokratien mit strukturellen Krisen ringen und an globalem Einfluss verlieren, tritt Türkiye zunehmend als eigenständiger und handlungsfähiger Akteur auf.

Der Versuch, Türkiye zu überdecken

Die intensive mediale Fokussierung lässt sich aus drei Perspektiven analysieren.

Erstens steht sie in direktem Zusammenhang mit dem geopolitischen Aufstieg von Türkiye. Anstatt reflexhaft auf bekannte Argumentationsmuster zurückzugreifen – etwa die Frage, warum so viele Menschen nach Europa reisen oder dort arbeiten –, lohnt sich ein nüchterner Blick auf strategische Entwicklungen.

Insbesondere im Verteidigungssektor hat Türkiye erhebliche Fortschritte erzielt. Unter der Führung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan ist das Land zu einem wichtigen Akteur in internationalen Vermittlungsprozessen geworden. Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und einer zunehmend distanzierten Haltung der USA gegenüber Europa hat Türkiye mit seiner Balancepolitik an strategischer Bedeutung gewonnen.

Als zweitgrößte Armee innerhalb der NATO nach den Vereinigten Staaten und mit einer rasant wachsenden Verteidigungsindustrie – deren Exportvolumen von rund 280 Millionen US-Dollar im Jahr 2002 auf inzwischen über 10 Milliarden US-Dollar gestiegen ist – hat sich Türkiye in der globalen Sicherheitsarchitektur sichtbar positioniert.

Wer jedoch primär westliche türkischsprachige Medienangebote konsumiert, erfährt von dieser Entwicklung oftmals wenig. Ohne ergänzende Informationsquellen bleibt die Wahrnehmung verzerrt. Das wirft medienethische Fragen auf – insbesondere im Hinblick auf das Recht der Öffentlichkeit auf ausgewogene Information.

Die Panik der Konkurrenz

Zweitens handelt es sich um einen Ausdruck globaler Medienkonkurrenz. Internationale öffentlich-rechtliche Anbieter wie DW Türkçe, BBC Türkçe oder VOA Türkçe sind seit Jahrzehnten im türkischen Informationsraum präsent. Die BBC startete bereits 1939 mit türkischsprachigen Sendungen, die Deutsche Welle in den 1960er Jahren – zunächst über Radio.

Neu ist jedoch, dass türkische Medien ihrerseits in den vergangenen 15 bis 20 Jahren zu global agierenden Akteuren geworden sind. Diese Entwicklung hat das bisherige Gleichgewicht verschoben. Dass westliche Medien ihre türkischspr

Dass westliche Medien ihre türkischsprachigen Angebote ausbauen und die Produktionsintensität weiter steigern, kann daher als strategische Reaktion im Rahmen dieses Wettbewerbs verstanden werden. Wo über lange Zeit eine weitgehend unangefochtene Deutungshoheit bestand, ist inzwischen ein intensiverer Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit, Reichweite und Einfluss entstanden. Informationsintensität wird dabei zunehmend selbst zu einem machtpolitischen Instrument.

Historische Vorurteile und mentale Kontinuitäten

Der dritte Faktor ist ideologischer Natur. Historisch gewachsene Vorurteile – teils über zwei Jahrhunderte tradiert – prägen in Teilen westlicher Diskurse noch immer das Bild eines „rückständigen“ oder „unfertigen“ Türkiye.

Dass dieses Land heute in zahlreichen Politikfeldern eigenständig agiert und geopolitisch an Gewicht gewonnen hat, scheint in manchen Redaktionen noch nicht vollständig angekommen zu sein. Die Diskrepanz zwischen tradierten Denkmustern und gegenwärtiger Realität erzeugt Reibung – und nicht selten eine narrative Schieflage.

Das betrifft nicht nur Deutsche Welle, sondern auch andere internationale Medienhäuser. Objektive, faktenbasierte Berichterstattung ist ein legitimer Anspruch jeder Öffentlichkeit. In Türkiye existiert eine pluralistische Medienlandschaft mit regierungskritischen ebenso wie regierungsnahen Stimmen.

Von global agierenden Medien darf erwartet werden, dass sie dieser Komplexität gerecht werden. Eine dauerhafte Überbetonung negativer Narrative führt weder zu politischer Bewusstseinsbildung noch zu Meinungspluralität, sondern lediglich zu Vertrauensverlust.

Es ist daher an der Zeit, dass westliche Medienhäuser ihre Perspektiven überprüfen und sich von eingefahrenen Deutungsmustern lösen. Journalistische Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch Informationsüberflutung, sondern durch Ausgewogenheit, Kontextualisierung und analytische Tiefe.