Die Zahlen sind weithin bekannt, doch ihre Dramatik umso weniger: 1.600 Insolvenzen allein in der Industrie im Jahr 2025, so viele wie seit zwölf Jahren nicht mehr. Seit 2019 sind in Deutschland 400.000 Industriearbeitsplätze verloren gegangen. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) spricht offen von „klaren Anzeichen für eine De-Industrialisierung“ und warnt, mittelständische Betriebe würden ihre Produktion verlagern oder ganz schließen. „Die Gefahr ist real“, so DIHK-Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov. Dies ist mehr als nur eine konjunkturelle Abkühlung. Vielmehr haben wir es mit einem strukturellen Problem, das den Kern des deutschen Wirtschaftsmodells erschüttert, zu tun. Es stellt sich nicht die Frage, ob wir handeln müssen, sondern ob wir noch die Kraft und den Willen zum entschlossenen Gegensteuern aufbringen können.
Schwindende Perspektiven durch Insolvenzflut
Denn das Insolvenzbeben hat die gesamte deutsche Wirtschaft erfasst. Die nackten Statistiken des vergangenen Jahres zeichnen ein erschreckendes Bild: Mit rund 23.900 Firmenpleiten erreichte die Zahl, laut Creditreform, den höchsten Stand seit über einem Jahrzehnt. Bereits in den ersten neun Monaten 2025 beantragten rund 18.000 Unternehmen Insolvenz, der höchste Wert seit 2014. Diese Pleitewelle bedeutet konkrete Verluste: für Gläubiger Schäden in Höhe von geschätzten 57 Milliarden Euro und für etwa 285.000 Arbeitnehmer den Verlust ihres Arbeitsplatzes.
Die Analysen der Experten könnten kaum klarer sein. Als Hauptgründe für die schwindende Perspektive der Unternehmen in Deutschland nennen sie die hohen Kosten für Arbeit und Energie, eine überdurchschnittliche Steuerlast und eine „noch immer enorme Bürokratiebelastung“. DIHK-Chefanalyst Volker Treier nennt als Ursachen für die Insolvenzflut „hohe Kosten, schwache Nachfrage und große Unsicherheit“. Die Folge ist eine Abwärtsspirale: Jedes dritte Unternehmen plane bereits Investitionskürzungen, jedes vierte einen Stellenabbau. Die schwache Konjunkturprognose der DIHK von 0,7 Prozent Wachstum für 2026 bezeichnet Helena Melnikov selbst als „Minimalwert“ und „kein Aufschwung“.
Mittelstand und kleine Betriebe unter massivem Druck
Besonders beunruhigend ist die Schwäche in der Herzkammer unserer Wirtschaft: Der Mittelstand und kleine Betriebe ächzen unter der Last. „Viele Betriebe sind hoch verschuldet, haben Schwierigkeiten, neue Kredite zu bekommen und kämpfen mit strukturellen Belastungen wie hohen Energiepreisen oder umfangreicher Regulierung. Das setzt vielen Unternehmen massiv zu und kann ihnen das Genick brechen“, warnt Patrik-Ludwig Hantzsch von Creditreform. Diese Einschätzung unterstreicht er in der Jahresbilanz: Vor allem der Mittelstand stehe unter „massivem Druck“. Rund 81,6 Prozent aller Insolvenzen entfielen auf Kleinstunternehmen mit bis zu zehn Beschäftigten. DIHK-Analyst Treier macht die Dimension deutlich: 30 Prozent der Betriebe mit weniger als 20 Beschäftigten erwarten eine Verschlechterung. „Diese Unternehmen machen rund 85 Prozent aller Betriebe in Deutschland aus. Ihr Ausfall hätte gravierende Folgen für Beschäftigung und regionale Strukturen“.
Doch es geht um mehr als die nächsten paar Jahre. Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser warnt in der F.A.Z. vor einem langfristigen Absturz des Potenzialwachstums „gegen Null“, der in den 2030er Jahren sogar ins Negative kippen könnte, sollte es keine grundlegenden Strukturreformen geben. Die Drohkulisse sind „15 Jahre Stagnation“. Eine historisch beispiellose Phase des Stillstands, die unser Sozialsystem zur „tickenden Bombe“ werden ließe. Vor diesem Hintergrund wirken die politischen Debatten der letzten Monate oft wie Klein-Klein. Das Eingeständnis von DIHK-Präsident Peter Adrian ist vernichtend: „Ich bin schon etwas enttäuscht. (…) Im Koalitionsvertrag stehen ja auch viele Dinge: Bürokratierückbau, Senkung der Unternehmenssteuern, Entlastung bei der Stromsteuer für alle – vieles davon ist nicht gekommen oder zumindest nicht so, dass es die Unternehmen jetzt schon spüren“. Die Politik steht nun vor einer dreifachen Herausforderung, die sie gleichzeitig und entschlossen angehen muss: Entlasten, Investieren und Reformieren.
Den Standort Deutschland wieder wettbewerbsfähig machen
Die Forderungen aus der Wirtschaft sind klar: DIHK-Chefanalyst Treier verlangt ein „entschlossenes wirtschaftspolitisches Handeln“ mit einer „spürbaren Senkung der Stromsteuer, verlässlich niedrigen Energiepreisen und steuerlichen Entlastungen“. Es braucht einen radikalen Bürokratieabbau. Deutschland bremst sich selbst aus: mit Bürokratie, langwierigen Abstimmungen und hohen Abgabenlasten, wie das RWI Leibniz-Institut feststellt. Diese strukturellen Bremsen müssen dringend gelöst werden. Denn, so warnt die DIHK, die Zinssenkungen der EZB allein seien „kein Ersatz für dringend notwendige Reformen“. Es geht um die grundlegende Attraktivität des Standorts.
Investitionen für die Zukunft, nicht in die Vergangenheit
Das 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen war eine riesige Chance. Doch die Wirtschaftsweisen und Institute kritisieren, dass seine Wirkung verpuffe, weil die „Zusätzlichkeit“ der Ausgaben unterlaufen werde. Zwar hofft auch Creditreform, dass die geplanten Milliardeninvestitionen „den Anstieg der Insolvenzen bremsen“ könnten, sieht aber zusätzliche strukturelle Maßnahmen wie eine Entlastung bei den Stromkosten als dringend nötig an. Das Geld muss dort ankommen, wo es die Transformation und das Wachstum von morgen antreibt: in digitale Infrastruktur, Bildung, Zukunftstechnologien wie KI und Wasserstoff, und in die beschleunigte Energiewende.
So kritisiert auch Ex-Wirtschaftsweise Peter Bofinger eine falsche Schwerpunktsetzung: Während Milliarden in die Absenkung von Netzentgelten fließen, stünden für die gesamte Hightech-Agenda nur 4,5 Milliarden Euro zur Verfügung. Wir brauchen einen klaren Investitionsmasterplan, der Deutschland aus der „Mid-Tech-Falle“ führt, so der Experte.
Das Sozialsystem zukunftsfest reformieren
Kein Thema verdeutlicht die Notwendigkeit mutiger Reformen mehr als die Renten- und Sozialversicherungen. DIHK-Chef Peter Adrian bringt es auf den Punkt: „Die Sozialversicherungsbeiträge machen inzwischen mehr als 40 Prozent der Lohnaufwendungen aus. Wer morgens aufsteht und hart arbeitet, ist von unserem System nicht unbedingt begünstigt“. Die Einsetzung einer Rentenkommission darf, wie Adrian befürchtet, kein „Verschiebebahnhof“ werden. Wir brauchen eine ehrliche Debatte über längere Lebensarbeitszeiten, faire Eigenbeteiligungen und eine Stabilisierung der Beitragssätze.
Markus Söders Vorschlag geht an der Realität vorbei
In diesem Zusammenhang bedient CSU-Chef Markus Söder mit seinen Forderungen nach pauschal längeren Arbeitszeiten und Karenztagen bei Krankheit ein einfaches, aber gefährliches Deutungsmuster. Zwar zitiert er zutreffend den demographischen Wandel, doch seine Schlussfolgerung ist ein Trugschluss. Die Lösung kann nicht lauten, die Last einseitig denen aufzubürden, die bereits heute unter prekären Bedingungen arbeiten. Die eigentliche Frage lautet: Wer kann überhaupt noch bis 67 oder länger körperlich anstrengende Arbeit verrichten? Söders Vorschläge ignorieren die Realität von Millionen Beschäftigten, die bereits an ihrer Belastungsgrenze arbeiten. Statt an einem fundamentalen Pfeiler des Sozialstaats, der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, zu sägen, sollte die Debatte endlich dahin geführt werden, wo sie hingehört: zu einer radikalen Verbesserung der Arbeitsbedingungen, einem wirksamen Gesundheitsschutz und einer echten Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Alles andere ist sozialer Sprengstoff und wirtschaftlich kurzsichtig.
Warnungen ernst nehmen
Die größte Gefahr in dieser Krise ist die Resignation oder das Verharren in Symbolpolitik. Die Wirtschaft erwartet zu Recht Klarheit und Verlässlichkeit. „Für einen wirklichen Aufschwung fehlt der nötige Schwung“, stellt DIHK-Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov fest. „Die bisherigen Reformen kommen bei den Betrieben nicht an“. Es ist an der Zeit, dass die schwarz-rote Koalition diesen Schwung erzeugt, und zwar nicht durch isolierte Einzelmaßnahmen, sondern durch ein mutiges Gesamtpaket, das Entlastung, Zukunftsinvestitionen und generationengerechte Reformen verbindet.
Die Warnungen der Creditreform-Experten für 2026 sind eindeutig: Es sei nicht davon auszugehen, „dass die Insolvenzzahlen stagnieren oder zurückgehen“. Und weiter: „Die deutsche Wirtschaft verliert an Wettbewerbsfähigkeit. Hohe Kosten, Bürokratie und die anhaltende Konjunkturschwäche werden das Insolvenzgeschehen weiter antreiben“, warnt Creditreform-Hauptgeschäftsführer Bernd Bütow.
Die Warnsignale sind unübersehbar: Rekord-Insolvenzen, Unternehmensabwanderung und Wachstumsstillstand. Aus dem leisen Alarm ist ein durchdringender Schrillalarm geworden. Aber wer hört ihm noch zu? Und wer unternimmt endlich etwas dagegen?



















