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Merz ordnet sein innerstes Machtzentrum neu
Macht entscheidet sich nicht im Kabinett, sondern im Vorzimmer. Der Abgang von Jacob Schrot aus dem Kanzleramt ist mehr als ein Personalwechsel – er legt die Schwächen im Machtmanagement von Friedrich Merz offen.
Merz ordnet sein innerstes Machtzentrum neu
Archivbild: Friedrich Merz, Unions-Kanzlerkandidat und Jacob Schrot, Büroleiter von Merz, kommen zur Fraktionssitzung der Unionsparteien. / Foto: DPA / DPA
9. Januar 2026

Gleich zu Beginn des Jahres 2026 hat sich das Personalkarussell in der deutschen Bundesregierung an einer entscheidenden Stelle gedreht. Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich von seinem engsten Mitarbeiter, dem Leiter seines Büros und gleichzeitig Beauftragten für den Aufbau des Nationalen Sicherheitsrates, Jacob Schrot, getrennt. Seine Nachfolge tritt der bisherige Bundesgeschäftsführer der CDU, Dr. Philipp Birkenmaier an. Birkenmaier ist ein enger Vertrauter des CDU-Generalsekretärs Linnemann und verfügt über langjährige Erfahrung in Regierung, Fraktion und Partei. Er hat in seiner früheren Funktion eng mit Merz als Vorsitzender der CDU Deutschlands zusammengearbeitet.

Personalabgang im Schatten interner Kritik

In der vom Sprecher der Bundesregierung veröffentlichten Erklärung wird das Einvernehmen der Trennung betont. Der 35-jährige Brandenburger Jacob Schrot, der schon in den letzten vier Jahren für Friedrich Merz gearbeitet hat und dessen Büro als Fraktionsvorsitzender mit der Arbeitsbezeichnung Stabschef geleitet hatte, will sich neuen Herausforderungen außerhalb der Bundesregierung zuwenden. Er lässt sich in der Pressemitteilung des Regierungssprechers aus Anlass seines Ausscheidens unter anderem mit den Sätzen zitieren: „Ich bin dem Bundeskanzler sehr dankbar für das in mich gesetzte Vertrauen. (…) Dem Bundeskanzler werde ich dabei eng verbunden bleiben.“

Die Personalie ist in den deutschen Medien breit kommentiert worden. Für einige Kommentatoren scheint sie überraschend gekommen zu sein, zumeist ist sie mit dem Unmut, der in der CDU CSU-Fraktion über das Management und die Arbeit der Bundesregierung vorherrscht und auch auf handwerkliche Fehler bei der Unterrichtung des Parlaments zurückgeht, in Verbindung gebracht worden.

Der Bundeskanzler, so heißt es zudem, wünsche sich mehr wirtschaftspolitische Kompetenz in seinem Umfeld. Dieses ist eine verklausulierte Formulierung. Merz selbst verfügt über die höchste wirtschaftspolitische Kompetenz in Deutschland. Was er braucht, sind reibungslose Abläufe innerhalb seiner Koalitionsregierung im Machtgefüge von Regierung, Partei, Fraktion, Verbänden und Öffentlichkeit.

Kanzlerbüro als innerster Machtkreis

Die interne Büroorganisation und die Zusammenarbeit eines Bundeskanzlers mit seinem Büroleiter sowie den Mitgliedern seines engsten Teams zählt zum Kernbereich des Regierungshandelns, der für Außenstehende nicht einsehbar ist. Dies führt bisweilen zu Spekulationen, die freilich nicht wirklich verifizierbar sind. Jeder Staats- und Regierungschef organisiert sein Umfeld und seine Beratung so, wie er es für richtig hält. Für Merz, wie für alle seine Vorgänger im Amt des Bundeskanzlers, gilt, dass neben der fachlichen Kompetenz, der Kommunikationsfähigkeit und dem politischen Fingerspitzengefühl vor allem Loyalität zu den wichtigsten Voraussetzungen zählt, um die Aufgabe eines Büroleiters erfüllen zu können.

Angela Merkel und auch Helmut Kohl haben die Anforderungen an die persönliche Loyalität in ihrem engsten Umfeld an die Spitze ihrer Anforderungen gestellt. Wer schwätzt und sich wichtig macht, muss gehen. Nach diesem Prinzip hat es in den letzten 30 Jahren so manchen Abgang gegeben. Wechsel auf der Position des Büroleiters sind indes eher die Ausnahme, denn diese Position ist die persönlich wichtigste. Merkel hat in den 16 Jahren ihrer Büroleiterin Beate Baumann die Treue gehalten, und umgekehrt hat Beate Baumann alles getan, um in einer Art symbiotischer Beziehung zu einem Alter Ego der Bundeskanzlerin aufzusteigen.

Niemand hat Macht als „graue Eminenz“ seit den Zeiten von Friedrich Holstein so demonstriert wie Merkels Büroleiterin. Der Umstand, dass Beate Baumann Mitautorin der persönlichen Lebenserinnerungen von Merkel ist und bis heute deren Büro als Alt-Bundeskanzlerin leitet, besagt alles. Der bekannteste Büroleiter der Bundesrepublik ist der heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der zuerst über lange Jahre das Büro des niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder geleitet hatte und später zum Chef des Bundeskanzleramtes aufgestiegen war. Er wurde vom Beamten zum Politiker.

Büroleiter sind enorm einflussreich, teilweise einflussreicher als Bundesministerinnen und Bundesminister oder Kommissare. Büroleiter entscheiden, wer Zugang zum Chef bekommt und welche Informationen vorgelegt werden. Sie beeinflussen die Wahrnehmung von Personen und Sachverhalten durch ihre Kommentierung und stellen in der Kommunikation sicher, wie das Herrschaftswissen in die Kanäle der Administration eingespeist wird. Wer klug ist wie Beate Baumann, zeigt diesen Einfluss nicht nach außen, denn die Macht von Beamten ist nicht durch demokratische Wahlen legitimiert. Der Einfluss hängt von einer einzigen Personenbeziehung ab.

Machtambitionen im falschen Amt

Jacob Schrot hat schon nach einem knappen Dreivierteljahr im Bundeskanzleramt dieses Vertrauen nicht mehr gehabt. Er hatte großes vorgehabt. Schon als Schüler war er aus einem Wettbewerb „Ich kann Kanzler“ als Sieger hervorgegangen. Sein eigenes Machtstreben war auch nach außen sichtbar gewesen: ob beim Besuch im Oval Office oder bei internationalen Gipfeln - bei den Auslandsreisen von Merz war er stets im Bild. Dies entspricht nicht der eigentlichen Rolle von Büroleitern. Denn deren Aufgabe ist es, zu Hause dafür zu sorgen, dass alles am Schnürchen klappt, wenn der Chef sich außerhalb des Landes befindet.

Schrot hatte darüber hinaus die Herkulesaufgabe übernommen, den im Koalitionsvertrag vereinbarten nationalen Sicherheitsrat aufzubauen. Und er hat immer wieder auch einzelne Dossiers, wie beispielsweise den deutsch-französischen Nukleardialog, in der Verantwortung übernommen. Die Vielzahl dieser Aufgaben ist auch bei außergewöhnlicher Arbeitskraft nicht zu bewältigen. Die Zuständigkeit für den nationalen Sicherheitsrat wandert nun dorthin, wo sie eigentlich von Anfang an hätte sein müssen: beim außen- und sicherheitspolitischen Berater des Bundeskanzlers.

Neustart unter schwierigen Bedingungen

Dieser Aufbau ist nach wie vor leidend, denn mit den vom Deutschen Bundestag bislang bewilligten wenigen Planstellen kann der Aufbau eines echten nationalen Sicherheitsrats nicht gelingen. Es bleibt abzuwarten, ob die Aufbauaufgabe in neuer Verantwortung nun Fahrt aufnehmen wird. Die nationale und internationale Sicherheitslage erlauben keinen Aufschub in dieser Frage. Vor allem in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ist der Wechsel in der Leitung des Kanzlerbüros sehr begrüßt worden. Gerade in letzter Zeit hatten sich in politischen Kreisen Klagen über fehlerhafte Beratung und Abschottung des Bundeskanzlers gehäuft.

Der Kanzler der Bundesrepublik hat vom Grundgesetz her und in der politischen Praxis aufgrund seiner Richtlinienkompetenz eine starke Stellung. Koalitionsregierungen, die Dominanz der Parteien und die Rolle der Fraktionen im Deutschen Bundestag machen seine Aufgabe nicht einfach. Die Deutschen lieben den Konsens, sind aber nicht immer pragmatisch. Parteipolitische Profilierung auf Kosten der Regierungsarbeit, diesen Fallstrick hat Merz bereits in den ersten Monaten seiner Regierungstätigkeit kennenlernen müssen. Umso wichtiger ist eine effiziente und kommunikativ professionelle Aufstellung in seiner engsten Umgebung.