Das Wissen, dass die gesellschaftliche Entwicklung im Laufe der Zeit immer positiv verläuft, erweist sich als historischer Irrtum. Die Menschheit, die weitgehend unter westlicher Vorherrschaft steht, glaubt, der Dunkelheit des Mittelalters entkommen zu sein, mit der Aufklärung die Herrschaft der Vernunft begründet zu haben und schließlich mit der modernen Demokratie ein „goldenes Zeitalter“ erreicht zu haben, in dem jedes Individuum gleichgestellt ist.
Dies ist jedoch lediglich eine optische Täuschung, die durch eine chronologische Fortschrittsvorstellung erzeugt wird. Dass politische Strukturen ihre Hülle wechseln, bedeutet nicht, dass sich ihr exklusiver Kern verändert hat. Die Ähnlichkeit zwischen dem antiken Athen, das als Wiege der westlichen Demokratie gilt, und dem heutigen „modernen“ Österreich ist in Wirklichkeit der konkreteste Beweis dafür, dass die Menschheitsfamilie auf der Stelle tritt.
Die Realität jenseits der Statistiken
Eine brisante Nachricht, die auf jüngsten Daten der Statistik Austria basiert, führt uns diesen Irrtum vor Augen: Im Jahr 2024 besaßen 40 Prozent der in Österreich geborenen Babys nicht die österreichische Staatsbürgerschaft. Vor nur 20 Jahren lag dieser Anteil noch bei 20 Prozent. Die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger stellt dazu die entscheidende Frage: „Wie stark ist die Legitimität gewählter Vertreter, wenn in manchen Regionen mehr als 50 Prozent der Bevölkerung im wahlfähigen Alter kein Wahlrecht haben?“.
Diese Zahlen dokumentieren nicht nur einen demografischen Wandel, sondern den schleichenden Zusammenbruch der „Repräsentationslegitimität“, eines Grundpfeilers der Demokratie. Dieser Anstieg von 20 Prozent auf 40 Prozent innerhalb von zwei Jahrzehnten ist ein politisches Alarmsignal, das zeigt, dass fast die Hälfte der Gesellschaft zu „modernen Schattenbürgern“ geworden ist, die kein Mitspracherecht über ihre eigene Zukunft haben.
Dieses Bild erinnert an die griechische Demokratie vor 2500 Jahren. Die von Westlern als ideales Regierungsmodell gepriesene griechische Demokratie existierte ebenfalls durch den Ausschluss nicht nur von Sklaven und Frauen, sondern auch von Ausländern aus den Herrschaftsmechanismen. Das im 5. Jahrhundert v. Chr. in Athen errichtete System wird noch heute in Lehrbüchern als „Herrschaft des Volkes“ verherrlicht. Doch blickt man hinter die Kulissen, zeigt sich kein Denkmal der Gleichheit, sondern ein „Club der Privilegierten“. Um in Athen an Entscheidungsprozessen teilzunehmen, reichte es nicht aus, frei zu sein; man musste auch männlich sein und beide Elternteile mussten Athener sein.
Von „Metöker“ zu modernen Ausländern
Diese enge Definition drängte einen riesigen Teil der Gesellschaft aus dem System. Die „Metöken“ (ansässige Ausländer), die die Wirtschaft der Stadt schulterten, den Handel betrieben und zum intellektuellen Leben beitrugen, waren Objekte der Entscheidungen, aber niemals deren Subjekte. Sie zahlten Steuern und vergossen ihr Blut in Kriegen, konnten aber über die Zukunft Athens kein einziges Wort mitreden. Ihre Position bewies – zusammen mit Sklaven und Frauen –, dass „Demokratie“ in Wahrheit die Vorherrschaft einer Minderheit von 10–15 Prozent über die restlichen 85 Prozent war. Perikles’ Bürgerrechtsgesetz von 450 v. Chr. verlieh dieser Exklusion einen rechtlichen Schutzschild.
Obwohl die westliche Welt heute behauptet, dieses antike Erbe abzulehnen, erzählen die Realitäten in den Straßen Österreichs und insbesondere Wiens eine ganz andere Geschichte.
Modernes Wien: Leben im Schatten des Passes
Wien steht fast jedes Jahr an der Spitze der Listen der lebenswertesten Städte der Welt. Doch für wen ist diese „Lebensqualität“? Angesichts aktueller Daten sehen wir, dass sich Wien in eine moderne „Stadt der Metöken“ verwandelt hat. Mehr als ein Drittel der Stadtbevölkerung (bei Erwachsenen in einigen Bezirken über 40 Prozent) ist aufgrund des fehlenden österreichischen Passes vollständig vom demokratischen Prozess ausgeschlossen.
Die Mehrheit derjenigen ohne Wahlrecht (54 Prozent) lebt seit mehr als zehn Jahren in Österreich. Diese Menschen sind keine „Gäste“, sondern integrale, aber „zum Schweigen gebrachte“ Bestandteile der Gesellschaft. Dennoch kodiert die österreichische Demokratie sie weiterhin als „Ausländer“. Zehntausende junge Menschen, die in Wien geboren wurden und ihr ganzes Leben dort verbracht haben, aber aufgrund des Passes ihrer Eltern als „Ausländer“ gelten, sind der stärkste Gegenbeweis für den „Fortschrittsanspruch“ des Westens. Sie wachsen mitten im 21. Jahrhundert als eine „Geisterklasse“ auf, die Identitätsprobleme hat sowie Pflichten besitzt, aber keine Rechte.
Diese Menschen arbeiten wie ihre antiken Namensvettern in den Krankenhäusern der Stadt, fahren Busse, backen Brot und zahlen Steuern – oft mindestens die Hälfte ihres Einkommens. Doch wenn es darum geht, an die Wahlurne zu gehen oder über den Park, die Schule oder das Budget ihres eigenen Viertels zu entscheiden, sagt man ihnen: „Ihr gehört nicht hierher“. Der einzige Unterschied zwischen einem Händler, der vor 2500 Jahren nicht auf den Marktplatz von Athen gelassen wurde, und einem Gewerbetreibenden, der heute in Wien Steuern zahlt, aber nicht wählen darf, besteht darin, dass sich der Grund für den Ausschluss von der „Blutlinie“ zur „Passfarbe“ entwickelt hat.
Diese Kluft, die Soziologen als „Demokratiedefizit“ bezeichnen, ist in Wirklichkeit das mit modernem Recht maskierte Kastensystem der Antike. Zudem beschränkt sich dieser Ausschluss nicht nur auf das aktive Wahlrecht (Wählen); diese Gruppe ist auch vollständig vom passiven Wahlrecht (gewählt zu werden) ausgeschlossen. So wie ein Metöke im antiken Athen, egal wie weise er war, niemals das Rednerpult der Versammlung betreten konnte, sind heute in Österreich Millionen von Menschen in der Klasse der „Regierten“ gefangen.
Rechtliche Mauern und die Wächter der Privilegien
Das politische Klima in Österreich gleicht einer Theaterbühne, die diese antike Exklusion mit modernen Argumenten legitimiert. Parteien wie die rechtspopulistische FPÖ und die konservative ÖVP definieren die Staatsbürgerschaft und das damit verbundene Wahlrecht nicht als „Recht“, sondern als „Belohnung“ nach einem endlosen Loyalitätstest. Für sie ist Demokratie ein heiliges Ritual, an dem nur „WIR“ teilnehmen dürfen.
Die SPÖ und die liberale NEOS sehen die Lösung in der Erleichterung der Einbürgerung, wirken jedoch oft so, als würden sie den Preis für Koalitionen mit der ÖVP zahlen. Die größte Stütze dieses Ansatzes der politischen Eliten (mit Ausnahme der Grünen) ist das Urteil des österreichischen Verfassungsgerichtshofs (VfGH) aus dem Jahr 2004. Das Gericht hob den Versuch des Landes Wien auf, Ausländern auf kommunaler Ebene das Wahlrecht zu gewähren, mit der Begründung, dass Demokratie nur an die Staatsbürgerschaft gebunden sein könne. Dieses Urteil zeigt, wie sehr das moderne Recht auf „antiken“ Fundamenten fußt und fungiert als Siegel, das den Reflex der Privilegiensicherung in die Gegenwart trägt.
Der Sieg des Status Quo
Historisch betrachtet zeigt sich, dass sich in der westlichen Welt lediglich die Techniken des Ausschlusses geändert haben. Die Politik, die im antiken Griechenland über Sklaverei und Abstammung geführt wurde, setzt heute denselben exklusiven Charakter unter den Namen „Nationalstaatssouveränität“ und „Staatsbürgerschaftsgesetze“ fort. Die Zeit ist kein Automat, der soziale Gerechtigkeit verbessert; vielmehr ist sie ein Prozess, der den Machthabern fortschrittlichere Hüllen bietet, um ihre Privilegien zu verbergen.
Die von den Wahlen ausgeschlossenen Massen in Wien sind der Beweis dafür, dass die Demokratie nicht universell geworden ist, sondern eine interne Solidarität einer bestimmten Wohlstandsgruppe bleibt. Die „Freiheit“, die vor 2500 Jahren in Athen auf der Arbeit der Metöken basierte, befindet sich heute im selben ethischen Vakuum wie der „Wohlstand“ in Wien, der auf der Arbeit der Migranten beruht.













