In der vergangenen Woche haben wir die zehnte Ausgabe des European Islamophobia Report (EIR 2024) veröffentlicht. Damit markieren wir ein Jahrzehnt systematischer, unabhängiger Forschung zu antimuslimischem Rassismus in Europa. Seit zehn Jahren dokumentiert der Bericht Entwicklungen, die lange geleugnet oder verharmlost wurden – und macht sichtbar, wie tief Islamophobie inzwischen in den politischen, medialen und institutionellen Strukturen Europas verankert ist.
In diesen zehn Jahren haben wir die Ergebnisse des Berichts Entscheidungsträgern in zentralen politischen Arenen vorgestellt: im Europäischen Parlament, bei der OSZE, den Vereinten Nationen, dem Europarat und im britischen Unterhaus. Heute dient der Bericht als zentrale Referenzquelle für antimuslimische Hassverbrechen im jährlich erscheinenden Hate-Crime-Report der OSZE. Für Wissenschaft, Zivilgesellschaft und internationale Organisationen ist er damit zu einem unverzichtbaren Bezugspunkt geworden.
Islamophobie als Strukturproblem
Seit seiner ersten Veröffentlichung im Jahr 2015 gilt der EIR als eines der maßgeblichen Werke zum Verständnis von Islamophobie – nicht als Randphänomen, sondern als strukturelles und politisches Problem. Er zeigt, wie antimuslimischer Rassismus öffentliche Debatten prägt, politische Entscheidungen beeinflusst und institutionelle Praktiken formt. Nach zehn Jahren Beobachtung lässt sich eine ernüchternde Feststellung nicht mehr vermeiden: Islamophobie in Europa ist nicht nur sichtbarer geworden. Sie ist institutionalisiert, rechtlich verfestigt und gesellschaftlich normalisiert.
Dieses zehnjährige Jubiläum ist daher zugleich ein Meilenstein und eine Warnung. Die Kontinuität des Berichts steht für wissenschaftliche Beharrlichkeit. Die Befunde des EIR 2024 jedoch zeichnen ein zutiefst alarmierendes Bild. Antimuslimischer Rassismus hat nicht abgenommen – er hat sich intensiviert und in nahezu allen Bereichen des öffentlichen Lebens normalisiert. Besonders auffällig ist im Jahr 2024, wie stark islamfeindliche Narrative inzwischen politische Entscheidungsprozesse prägen, außergewöhnliche Sicherheitsmaßnahmen legitimieren, mediale Deutungsrahmen bestimmen und demokratische Normen untergraben. Musliminnen und Muslime werden zunehmend durch Misstrauen, Versicherheitlichung und Ausschluss regiert – mit gravierenden Folgen für Grundrechte.
Der Krieg in Gaza bildete den zentralen politischen und diskursiven Kontext, der die Islamophobie im Jahr 2024 maßgeblich geprägt hat. In ganz Europa versäumten es Regierungen weitgehend, völkerrechtliche Prinzipien zu verteidigen oder massenhafte zivile Opfer klar zu verurteilen. Stattdessen wurden pro-palästinensische Demonstrationen kriminalisiert, Proteste verboten und Aktivistinnen und Aktivisten – überproportional häufig Musliminnen und Muslime – überwacht, eingeschüchtert und strafrechtlich verfolgt. Die öffentliche Debatte polarisierte sich zunehmend, muslimische Stimmen wurden delegitimiert oder pauschal unter Verdacht gestellt. Ereignisse wie die Ausschreitungen in Amsterdam verdeutlichten, wie irreführende politische Narrative von Mainstream-Medien verstärkt und instrumentalisiert wurden, um Solidarität mit Palästina mit Extremismus gleichzusetzen – und so ein Klima der Angst und Repression zu befördern.
Überwachung statt Gleichberechtigung
Staatliche Institutionen spielten eine zentrale Rolle bei der weiteren Verfestigung von Islamophobie. In Frankreich wurden administrative Kontrollmaßnahmen im Rahmen des MICAS-Systems massiv ausgeweitet und richteten sich unverhältnismäßig häufig gegen muslimische Familien und religiöse Autoritäten. Deutschland verband seine uneingeschränkte politische Unterstützung für Israel mit zunehmend restriktiven Migrations- und Polizeiregimen. In Dänemark wurde der Begriff des „Bruderismus“ politisch instrumentalisiert, um weitreichende Überwachungsmaßnahmen gegen muslimische zivilgesellschaftliche Organisationen zu rechtfertigen. Gleichzeitig offenbarte das umstrittene „Ghetto-Gesetz“, das derzeit vom Gerichtshof der Europäischen Union überprüft wird, wie rassialisierte Kategorien wie „nicht-westlich“ als Stellvertreter zur gezielten Ausgrenzung von Musliminnen und Muslimen fungieren.
Zu den zentralen Befunden des European Islamophobia Report 2024 gehören unter anderem:
Ein deutlicher Anstieg von Diskriminierung: Laut der EU-Grundrechteagentur (FRA) haben 47 Prozent der Musliminnen und Muslime in den vergangenen fünf Jahren Diskriminierung erfahren – ein Anstieg gegenüber 39 Prozent im Jahr 2016. Besonders betroffen sind muslimische Frauen, insbesondere jene, die religiöse Kleidung tragen.
Ein sprunghafter Anstieg von Hassverbrechen: Die britische Monitoringstelle Tell MAMA verzeichnete die höchste Zahl antimuslimischer Vorfälle seit Beginn ihrer Erhebungen. Vergleichbare Entwicklungen wurden auch in anderen europäischen Staaten gemeldet.
Die Normalisierung rechtsextremer Narrative: In Ländern wie Österreich und den Niederlanden konnten rechtsextreme Parteien ihren politischen Einfluss ausbauen, während Akteure der politischen Mitte zunehmend ausgrenzende Rhetorik zu Migration, Sicherheit und nationaler Identität übernahmen.
Mediale Stigmatisierung: Systematisch negative Darstellungen von Musliminnen und Muslimen in großen europäischen Medien verstärkten gesellschaftliche Ängste und legitimierten diskriminierende Politiken.
Druck auf Bildungseinrichtungen: Kopftuch- und Abaya-Verbote wurden in Frankreich, Italien, Dänemark und Teilen Russlands ausgeweitet. Muslimische Schülerinnen und Studierende berichteten zugleich von zunehmender Belästigung und Einschränkungen der akademischen Freiheit, insbesondere bei palästinabezogenen Äußerungen.
Zeit zu handeln
Der EIR 2024 schließt mit dringenden Handlungsempfehlungen. Europäische Regierungen müssen antimuslimischen Rassismus formell als Rassismus anerkennen und in nationale Aktionspläne gegen Rassismus aufnehmen. Terrorismusbekämpfungsmaßnahmen, die Musliminnen und Muslime unverhältnismäßig betreffen, müssen überprüft werden. Die Meinungs- und Versammlungsfreiheit ist konsequent zu verteidigen, die Allgemeine Politische Empfehlung Nr. 5 der ECRI zur Bekämpfung von antimuslimischem Rassismus vollständig umzusetzen. Schließlich braucht es eine nachhaltige Stärkung zivilgesellschaftlicher Koalitionen durch Finanzierung und institutionelle Zusammenarbeit.
Nach zehn Jahren Dokumentation ist die Botschaft des Europäischen Islamophobie-Berichts eindeutig: Ohne entschlossenes, koordiniertes und rechtsbasiertes Handeln wird antimuslimischer Rassismus weiterhin Demokratie, Gleichheit und sozialen Zusammenhalt in Europa untergraben.



















