Die USA haben den Präsidenten Venezuelas, Nicolás Maduro, im Rahmen einer militärisch-nachrichtendienstlichen Operation festgesetzt und binnen weniger als 24 Stunden nach New York verschleppt, um ihn dort „vor Gericht zu stellen“. Zwar ist die Geschichte der Vereinigten Staaten, insbesondere in Lateinamerika, reich an Beispielen direkter und indirekter Interventionen, von der Unterstützung von Staatsstreichen bis hin zu Eingriffen in Wahlprozesse. Doch dieser Fall markiert eine qualitative Zäsur. Dass die Aktion unter der Administration von Donald Trump erfolgte und der Zusammenhang mit den enormen Ölreserven Venezuelas vom Präsidenten selbst offen eingeräumt wurde, unterscheidet sie deutlich von früheren Episoden verdeckter Einflussnahme. Noch aufschlussreicher ist jedoch die zeitliche Koinzidenz der Ereignisse.
Unmittelbar nach der Festsetzung Maduros erneuerte Trump öffentlich seine Ansprüche auf Grönland. Diese Abfolge legt nahe, dass der Vorgang in Venezuela nicht allein als innenpolitisches Signal oder als Botschaft an andere Staaten Lateinamerikas zu lesen ist. Vielmehr verweist er auf eine größere strategische Bewegung, nämlich den Versuch Washingtons, die internationale Ordnung, die es nach dem Zweiten Weltkrieg selbst entworfen und angeführt hat, grundlegend zu revidieren.
Die eigentliche Brisanz liegt damit weniger in Caracas als in Europa. Beunruhigt sein müssen nicht nur Länder südlich des Rio Grande, sondern auch jene auf der anderen Seite des Atlantiks, ausgerechnet die Partner, mit denen die USA die Nachkriegsordnung gemeinsam aufgebaut haben. Trumps Amerika signalisiert unmissverständlich, dass es das bestehende System in seiner jetzigen Form nicht mehr akzeptiert, seine Erträge erhöhen will und dafür bereit ist, Regeln zu ändern. Zugleich deutet Washington an, dass es auch gegenüber europäischen Verbündeten konkrete Forderungen erhebt und sie im Zweifel konfrontieren würde, sollten diese nicht erfüllt werden. Europa steht damit vor einem historischen Dilemma. Unter wachsendem Druck durch Russland, der sich unmittelbar aus dem Krieg in der Ukraine speist, und angesichts der fortbestehenden Abhängigkeit von amerikanischer militärischer Unterstützung in der kurzen und mittleren Frist sieht sich der Kontinent einer Ordnungsmacht gegenüber, die nicht länger Hüterin, sondern Revisionsakteurin der eigenen Nachkriegsordnung sein will.
Die amerikanisch geführte Weltordnung nach 1945
Nach 1945 wurde den europäischen Mächten klar, dass Stabilität nur durch eine dauerhafte Einbindung der USA möglich war. Mit dem Machtverlust Großbritanniens übernahmen die Vereinigten Staaten in einer Situation ausgeprägter Machtasymmetrie die Rolle der zentralen Ordnungsmacht. Wie John Ikenberry argumentiert, bestand die amerikanische Strategie nicht allein in Dominanz, sondern in der Schaffung einer Ordnung, die US-Macht absicherte und zugleich für andere akzeptabel blieb.
Die USA erklärten sich bereit, Europa zu schützen und revisionistische Mächte einzudämmen, knüpften dies jedoch an die Bedingung, dass die Ordnung nach ihren Regeln gestaltet wurde. Zugleich verband Washington seine Führungsrolle mit freiwilliger Selbstbindung durch Institutionen und Regeln. Diese Kombination machte die Nachkriegsordnung stabil und langlebig und trug sie über den Kalten Krieg hinaus.
Erst unter Barack Obama zeigten sich erste Tendenzen begrenzten Rückzugs; unter Donald Trump wurde mit „America First“ der Nutzen der bestehenden Ordnung offen infrage gestellt.
Trumps Vorstellung einer neuen Weltordnung
Die Politik des „America First“, die Donald Trump zu Beginn als zentrales Leitmotiv propagierte, konnte zunächst als innenpolitisches Signal und als Teil einer Wahlkampfrhetorik verstanden werden. Nach seinem Wahlsieg änderte sich diese Wahrnehmung jedoch rasch. Trumps öffentliche Aussagen über Kanada und Grönland wirkten in Europa wie eine kalte Dusche. Sie machten deutlich, dass sich der Fokus der neuen amerikanischen Politik nicht allein auf China, Russland, Nordkorea oder Länder wie Venezuela richtete, sondern erstmals offen auch auf die europäischen Verbündeten jenseits jenseits des Atlantiks.
Trump erklärte damit unmissverständlich, dass er von anderen Staaten mehr Gegenleistungen verlangte, als dies frühere US-Präsidenten getan hatten. Gegenüber nicht verbündeten Ländern tat er dies offener, direkter und mit zunehmendem Druck, bis seine Forderungen erfüllt wurden. Neu war jedoch, dass diese Logik erstmals auch auf die engsten Partner der Vereinigten Staaten angewandt wurde. Forderungen, die bis dahin undenkbar erschienen, wurden plötzlich öffentlich formuliert. Die Idee einer Anbindung Kanadas an die USA, der Anspruch auf Grönland, steigende Zölle gegenüber europäischen Staaten sowie der Umgang mit dem Krieg zwischen Russland und der Ukraine, bei dem Europa aus zentralen Gesprächen ausgeklammert und faktisch sich selbst überlassen wurde, markieren eine Zäsur innerhalb der Nachkriegsordnung.
Vor diesem Hintergrund gewann auch die Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro eine neue Bedeutung. Dass Trump unmittelbar nach diesem Vorgang erneut seinen Anspruch auf Grönland bekräftigte, wurde weithin als Signal verstanden, dass es sich nicht um rhetorische Provokationen handelte, sondern um ernst gemeinte politische Positionen. Beunruhigt zeigten sich dabei nicht nur andere lateinamerikanische Staaten oder klassische Rivalen wie China und Russland, sondern in besonderem Maße die europäischen Staaten selbst.
Trump macht deutlich, dass die Vereinigten Staaten mit der von ihnen nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffenen Ordnung nicht länger zufrieden sind. Aus seiner Sicht bringt dieses System Amerika nicht mehr die Erträge, die ihm seiner Auffassung nach zustehen. Noch gravierender ist jedoch der Eindruck, dass Washington bereit ist, diese Ordnung zu dehnen oder sogar zu zerstören, um seine Forderungen durchzusetzen. Die Entführung Maduros kann in diesem Sinne als Demonstration gelesen werden, dass die USA auch den Einsatz ihrer militärischen Überlegenheit nicht mehr ausschließen.
Zusammengefasst zeigt sich ein tiefgreifender Bruch. Die Vereinigten Staaten entleeren die Zusagen, die sie nach 1945 gemacht haben, Schritt für Schritt ihres Inhalts. Sie signalisieren, dass sie ihre Rolle als ausgleichende Ordnungsmacht nicht mehr selbstverständlich wahrnehmen wollen, wie der Umgang mit dem Krieg in der Ukraine zeigt. Sie stellen infrage, ob sie sich weiterhin an selbst gesetzte Regeln binden müssen, und demonstrieren am Fall Maduro, dass sie bereit sind, diese Regeln zu überschreiten. Indem Trump diese Drohkulisse auf Grönland überträgt, raubt er den europäischen Verbündeten den Schlaf. Für Europa wird damit eine Frage unausweichlich, die lange undenkbar schien. Nicht mehr nur, ob die USA sich zurückziehen könnten, sondern ob sie im Extremfall selbst zum strategischen Gegner Europas werden könnten.













