Die seit einer Woche andauernden Proteste junger Menschen in Frankreich für bessere Lernbedingungen an Schulen haben an einem nationalen Aktionstag ein neues Ausmaß erreicht. An zahlreichen Gymnasien und Universitäten kam es am heutigen Dienstag zu Blockadeaktionen. In Paris und vielen Großstädten formierten sich Protestzüge, denen sich erstmals auch Gewerkschaften anschlossen. Bei den Protesten sind auch Lehrkräfte und Eltern dabei – auch um sich schützend vor ihre Kinder zu stellen.
Die Polizei mobilisierte ein Großaufgebot und trat den demonstrierenden Jugendlichen in vielen Städten in schwerer Montur gegenüber. Sie sieht sich auf den Kundgebungen zunehmend dem Vorwurf von Polizeigewalt ausgesetzt, auf vielen Plakaten prangerten junge Leute den Einsatz von Tränengas an. „Setzt Tränengas gegen Vergewaltiger ein, nicht gegen Minderjährige“, hieß es auf einem Pappschild bei der Kundgebung in Marseille. Die Generalinspektion der Polizei ermittelt wegen Einsätzen, bei denen Demonstranten durch Beamte verletzt wurden.
Gymnasien und Hochschulen blockiert
Von 1.800 frankreichweit blockierten oder vorsorglich geschlossenen Gymnasien sprach die Gymnasialgewerkschaft USL am Mittag, außerdem seien 90 Prozent der Hochschulen blockiert. Nach Angaben des Bildungsministeriums fiel der Unterricht an 891 Gymnasien ganz oder teilweise aus. Landesweit wurden 150.000 bis 200.000 Demonstranten erwartet, berichtete der Sender BFMTV unter Verweis auf das Innenministerium. Alleine bei einem Protestzug in Paris, der am frühen Nachmittag starten sollte, wurde mit 20.000 bis zu 40.000 Teilnehmern gerechnet.
Auch in anderen Großstädten wie Lyon, Lille, Marseille, Toulouse, Bordeaux, Rennes und Straßburg sollte es Versammlungen geben. Schon im Vorfeld gerieten Demonstranten und Polizeikräfte aneinander. Beamte wurden mit Gegenständen und Feuerwerkskörpern beworfen, seitens der Ordnungshüter wurden Wasserwerfer und Tränengas eingesetzt. Empörung auch bei etlichen Politikern gibt es über das Durchgreifen der Polizei gegenüber den meist jugendlichen Demonstranten.
Innenminister findet Polizeieinsatz verhältnismäßig
Innenminister Laurent Nuñez rechtfertigte im Interview des Senders France Inter den Einsatz von Granaten zur Auflösung von Menschenansammlungen sowie Gummigeschossen bei den Demonstrationen. Wenn es zu Ausschreitungen komme, sei der Einsatz dieser Waffen „verhältnismäßig“. „Man kann hier nicht von polizeilicher Repression sprechen.“
Bei den vor einer Woche in Schulen im Großraum Paris gestarteten Protesten geht es den Schülerinnen und Schülern um Probleme, die sie schon seit langem beklagen. Viel zu viel Unterricht falle aus, Vertretungslehrer gebe es zu wenig, etliche Schulgebäude seien heruntergekommen und die Lernbedingungen müssten verbessert werden. Besonders in benachteiligten Stadtteilen fühlen die jungen Leute sich als Menschen zweiter Klasse und mit ihren Sorgen nicht ernst genommen.
Seit Beginn der Proteste wurden nach offiziellen Angaben bereits 215 Schülerinnen und Schüler, 700 Sicherheitskräfte und rund 100 Schulbeschäftigte verletzt. Zudem gab es rund 6000 Festnahmen, in erster Linie Minderjährige.
Premier stellt Verbesserungen an Schulen in Aussicht
Zwar rief Premierminister Sébastien Lecornu die Ministerien am Sonntagabend auf, konkrete Verbesserungen an den Schulen des Landes einzuleiten und den berechtigten Sorgen der Schüler Gehör zu geben. Und Bildungsminister Édouard Geffray schaltete am Montag eine Online-Plattform frei, wo Schüler ihre Forderungen und Probleme schildern können. Damit aber geben sich die jungen Menschen nicht zufrieden.
„Wir können diese Repression nicht nachvollziehen. Die überwiegende Mehrheit der Schüler verurteilt Gewalt und Sachbeschädigungen. Wir sind Pazifisten“, sagten die Schülerinnen Iris und Louane einem Reporter der Zeitung „Le Monde“ im westfranzösischen Rennes. „Wir wollen lediglich unseren Forderungen Gehör verschaffen. Das Ausmaß dieser Demonstration wird uns helfen zu zeigen, wie sehr diese Forderungen von vielen geteilt werden.“
Die massiven Proteste treffen Frankreich sieben Monate vor der Präsidentschaftswahl recht unvorbereitet. Die Regierung, die eigentlich gerade mit einem Sparhaushalt ringt, will nun einen Flächenbrand mit einer Ausdehnung der Proteste auf andere Bereiche wie etwa die Hochschulen verhindern. Die Sorge ist, dass die Proteste sich angefacht durch hohe Spritpreise und Lebenshaltungskosten auf andere Bereiche ausweiten könnten und so etwas wie ein zweiter Gelbwestenprotest entsteht.























