Klaus Motoki Tonn, SIY Certified Teacher, Entrepreneur & Creative Mind, Gründer und Director von shifthappens, CEO & Gründer von Lumen Partners    

Spätestens seit der Global Player Google mit seinem Programm „Search Inside Yourself“ (SIY) Mitarbeiter und Unternehmen weltweit in Achtsamkeit und Selbstreflexion schult, sind die Themen Mindfulness und EQ (Emotional Intelligence) in Deutschland nicht nur in Yoga-Studios, Meditationszentren und bei App-Entwicklern ein Trend, sondern in aller Munde. Umso mehr, da die Pandemie unsere gewohnte, nach außen gerichtete Lebensweise einschränkt und uns dazu einlädt, sich mehr mit den inneren Prozessen auseinanderzusetzen. TRT Deutsch hat exklusiv mit Klaus Motoki Tonn gesprochen, einem der ersten, auch virtuell ausgebildeten, SIY-Trainern aus Deutschland.

Herr Tonn, worum geht es bei dem Mindfulness-Programm „Search Inside Yourself“ (SIY) von Google?

Search Inside Yourself (SIY) wurde ursprünglich als internes Training für Google-Mitarbeiter entwickelt und wird inzwischen als weltweites Corporate-Programm in Unternehmen unterrichtet. Die Basis ist neurowissenschaftlich fundiert. Emotionale Intelligenz (EQ) bildet den Kern und Mindfulness beschreibt die Anwendungen und Praktiken aus der Achtsamkeit. Das Ganze lässt sich als Tool für mehr Bewusstheit bei der individuellen Lebensführung sowie für eine gesunde Arbeitsumgebung einsetzen.

„Search Inside Yourself“ geht auf das gleichnamige Buch von Chade-Meng Tan zurück. Von einem Ingenieur für Ingenieure geschrieben, entstammt das Programm somit witzigerweise einer technischen, datenbezogenen Umgebung und untersucht, wie man in einem High-Performance-Unternehmen wie Google eine Achtsamkeitskultur etablieren kann. Bei Google legt man ja per se viel Wert auf Arbeitszufriedenheit: im Headquarter gibt es etwa an jeder Ecke warmes Essen, Kaffee und eine völlig freie Gestaltung der Arbeitszeit. Dennoch fehlte noch ein Baustein, den ich selbst schon früh für mich entdeckt habe: die Emotionale Intelligenz (EQ).

Wieso verlangt gerade die heutige Arbeitswelt nach so einem Thema?

Als vor 20 Jahren in Deutschland das Buch „Emotionale Intelligenz“ von Daniel Golemann erschien, mutete es tatsächlich noch merkwürdig an, in wirtschaftlichen Corporate-Umgebungen über EQ zu sprechen. Inzwischen gehört EQ bei LinkedIn zu den Top fünf Skills der Zukunft. Schon vor der Corona-Pandemie waren EQ und Resilienz hochaktuelle Themen und die Menschen durch das Informationszeitalter wahnsinnig gestresst. Ich bin der festen Überzeugung: im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz braucht der Mensch Emotionale Intelligenz, um mit sich und mit seiner Umwelt klarzukommen.

Ich selbst komme beispielsweise aus der Unternehmenskultur. Für unsere Agentur, die viel Strategie-Kommunikation macht, nutzen wir aus dem SIY-Programm vor allem das Thema „einander verstehen“ und die „Basis des Zuhörens“. Da geht es darum, wie wir uns besser verstehen können – auch persönlich. Der US-Autor Stephen Covey sagte einmal: „First seek to understand, then seek to be understood.“

Um uns verständlich zu machen, brauchen wir Emotionale Intelligenz. Eine gute Übung ist z.B., unserem Gegenüber einmal fünf Minuten nur zuzuhören, ohne zu reagieren und dem inneren Drang zu widerstehen, sofort etwas Schlaues sagen zu wollen. Das absichtslose Zuhören ist für viele etwas ganz Neues und zudem anstrengend.

Wie nützen uns solche Mindfulness-Praktiken in persönlichen Beziehungen und in der Arbeitswelt?

Wer Übungen wie die des absichtslosen Zuhörens ausprobiert, stellt schnell fest:

Wenn ich meinem Gegenüber die volle Aufmerksamkeit gebe, ermöglicht dies ganz neue Dinge. Wer mit Yoga oder Meditation vertraut ist, kennt dies bereits. Denn in dem Augenblick, in dem ich auch mir selbst diese volle Aufmerksamkeit in ihrer ganzen Qualität schenke, kann ich viel über mich selbst, meine Zustände und möglichen Stress erfahren. Ich lerne, wie es mir geht und was mir mein Körper gerade über meine Situation sagen will.

Dazu gibt es zahlreiche Studien, Übungen und Experimente. Ein Vorreiter war der Neurowissenschaftler Damasio, der aufzeigte, dass wir beim Pokern – noch bevor wir eine Ahnung haben, welches Kartendeck das Beste sein könnte – die Antwort bereits wissen, weil unsere Hände es verraten. Solche Erkenntnisse wenden wir beim Search Inside Yourself Leadership Institut (SIYLI) an, um z.B. das Management eines Unternehmens zu beraten, gute Entscheidungen zu treffen. Denn letzten Endes sind wir alle Leader unseres Lebens, auch im beruflichen Kontext – wenn wir z.B. Teams managen und uns fragen: Wie können wir dies gut tun?

Was können Sie noch über die SIY-Seminare erzählen und an wen richten sich diese?

Als inzwischen von Google unabhängiges Institut adaptiert SIYLI Mindfulness-Techniken für Corporate-Umgebungen und bildet Trainer aus, die den Unternehmen analoge sowie virtuelle Workshops, mitunter auch Online-Meditationen und Retreats, anbieten. Eines der erfolgreichsten Mitarbeiterprogramme, die wir je durchgeführt haben, fand mit über 10.000 Menschen bei SAP statt.

SIY hat eine globale Reichweite: in Japan und Taiwan gehen derzeit neue Agenturen live. Weltweit gibt es über 700 Trainer, die das klassische Programm innerhalb von zwei Tagen oder vier Online-Abenden vermitteln. Darüber hinaus haben wir viel Gestaltungsspielraum: mit den Zutaten aus „Search Inside Yourself“ haben wir beispielsweise auch schon erfolgreich Dinner-Abende mit Pianist und Wein umgesetzt.

Ich selbst bin vom Standort Deutschland aus und auch in Portugal aktiv. Aktuell arbeite ich an neuen Formaten für die Bereiche Stress-Management und Growth Mindset. Wer sich für die Seminare interessiert, kann sich auf unserer Website nebst Blog informieren. Mit unseren offenen Seminaren und dem neuen B2C-Format „Adaptive Resilience“ richten wir uns auch an diejenigen, die nicht in großen Firmen arbeiten, sondern beispielsweise selbstständig sind oder sich einfach weiterbilden möchten.

Klaus Motoki Tonn Others

Wie sind Sie denn persönlich zu Ihrer Tätigkeit als Mindfulness-Trainer bei Google gekommen?

Ursprünglich aus der Kommunikation und Strategie kommend habe ich mich von Haus aus mit Mitarbeiterzufriedenheit in Unternehmen auseinandergesetzt, sowie auch damit, wie es gelingt, dass eine Strategie ankommt und umgesetzt wird. In der Regel scheitert dies nämlich entweder an einer guten Kommunikation oder an kulturellen Fragen.

Ein Management kann noch so sehr einfordern, dass sich die Organisation ändern soll – es bleibt erfolglos, wenn sich nicht zeitgleich auch die Kultur, die dahinter steht, ändert. Wie mit Projekten zur Digitalisierung: ohne Kultur dahinter drucken die Leute weiterhin Rechnungen aus und laden Daten auf den Aktenwagen anstatt über Slack zu kommunizieren. Solche kulturelle Change-Projekte erfordern viel Vertrauen und dieses lässt sich nur über eine gute Kommunikation etablieren. Widerstände entstehen vor allem dann, wenn Mitarbeiter den Wandel nicht verstehen oder unzufrieden sind.

Auch ganz persönlich hatte ich schon früh Zugang zu kontemplativen Praktiken: Als Kind einer Halbjapanerin kam ich mit vier Jahren in ein Dojo, um Judo zu machen und hatte dort erste Erfahrungen mit Techniken des Innehaltens.

Wie schaffen Sie es, Mindfulness auch nach den Seminaren nachhaltig in der Unternehmenskultur und bei den Mitarbeitern zu verankern?

Wir kreieren und moderieren im Programm z.B. Buddy-Freundschaften, die auf dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe und Fürsorge basieren. Die Teilnehmer helfen sich gegenseitig zu zweit oder in Gruppen über das Seminar hinaus, Routinen zu entwickeln, um emotional einzuchecken und herauszufinden, wie es dem Einzelnen geht und wie er vorankommt.

Im Anschluss an die Seminare mache ich außerdem Circle-Runden zur Wiederholung, wo die Teilnehmer monatlich einchecken und das Gelernte vertiefen können. Ein Thema ist zum Beispiel: Wie kann ich in der gegenwärtig unsicheren Situation Ruhe, Gelassenheit und Sicherheit finden, auch in mir selbst? Am Ende glauben wir an das Selbstpotenzial. Die Eigenverantwortung liegt bei uns. Wir geben dazu die Impulse.

Warum sorgt gerade die Corona-Pandemie, im inzwischen zweiten Lockdown, dafür, dass wir uns mit Selbstfürsorge auseinandersetzen müssen – auch in der Arbeitswelt?

Gerade in der digitalisierten Arbeits- und Unternehmenswelt, wo wir alle zuhause sitzen, ist unser Ausschnitt der Wahrnehmung in der Kommunikation stark verkürzt: Wenn wir telefonieren, sehen wir uns nicht, und wenn wir uns doch sehen, sehen wir immer nur einen Ausschnitt der ganzen Wirklichkeit – auch bei Zoom. Wir nehmen sprichwörtlich nicht wahr, wie es unserem Gegenüber geht: Ist unser Arbeitskollege unruhig, hat er gut geschlafen? Begrenzte Wahrnehmung erfordert umso mehr Aufmerksamkeit füreinander. Studien zeigen, dass Mitarbeiter davon ermüdet sind, von Zoom zu Zoom zu springen. Dabei wird schlichtweg keine Rücksicht auf natürliche Bedürfnisse genommen. White Spaces, die Sicherheitszonen, entfallen, wenn wir von Call zu Call springen. Die Leute sind gestresst und müde davon.

Gleichzeitig verlangen die Mechanismen der Unternehmenswelt von uns ständig, dass wir der Starke sein sollen, unsere Position verteidigen. Es geht um Karriere und Erfüllung unserer Ziele. Umso mehr ist eine Sprache notwendig, die zulässt, dass das Persönliche Einfluss in die Arbeitswelt erhält – ohne zu privat zu werden. Wenn die Arbeitswelt zu mir nach Hause ins Private kommt, in mein Wohnzimmer, meine eigentliche Schutzzone, obwohl wir in einer technischen Arbeitswelt agieren, muss sowohl unsere Sprache emotional agiler werden als auch unsere Fähigkeit, uns emotional wahrzunehmen. Das finde ich höchst spannend an dieser Zeit und ich empfinde es als Auftrag.