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Gemeinsame Bedrohung, neue Annäherung: Berlins Kurswechsel in Syrien und in der PKK-Frage
Der Ukraine-Krieg erschüttert Europas Sicherheitsarchitektur und Berlin blickt neu auf Ankara. Wird aus jahrelanger Distanz eine strategische Zweckgemeinschaft zwischen Deutschland und Türkiye?
Gemeinsame Bedrohung, neue Annäherung: Berlins Kurswechsel in Syrien und in der PKK-Frage
Gemeinsame Bedrohung, neue Annäherung: Berlins Kurswechsel in Syrien und in der PKK-Frage / Foto: Reuters / Reuters
vor 9 Stunden

Nach den turbulenten Jahren der 2010er scheinen sich die deutsch-türkischen Beziehungen erneut in einer Phase strategischer Neujustierung zu befinden. Der russisch-ukrainische Krieg, der sich nicht nur vertieft, sondern auch deutlich länger andauert als viele in Europa erwartet hatten, wirkt dabei wie ein geopolitischer Katalysator. Er verändert die sicherheitspolitischen Prioritäten Europas grundlegend und eröffnet damit auch zwischen Ankara und Berlin die Möglichkeit einer neuen Dynamik. Zugleich markierte die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten einen weiteren Einschnitt. Seine Außenpolitik erschütterte das transatlantische Gefüge und verstärkte in Europa die Debatte über strategische Autonomie, Verteidigungsfähigkeit und neue Partnerschaften. In dieser veränderten Lage rückt Türkiye für Deutschland unweigerlich wieder stärker ins Blickfeld.

Dabei darf nicht übersehen werden, dass selbst in Zeiten politischer Spannungen stabile Konstanten fortbestanden. Dazu zählen die dauerhafte Präsenz der türkischen Diaspora in Deutschland, die engen wirtschaftlichen Verflechtungen sowie die anhaltende Rolle von Türkiye als eines der beliebtesten Reiseziele deutscher Touristen. Dennoch war das vergangene Jahrzehnt von wachsender normativer Entfremdung geprägt.

Gemeinsame Bezugspunkte in Fragen von Werten, Institutionen und politischer Kultur nahmen ab, während politische Gegensätze zunahmen. Gegen Ende der 2010er erreichten die Beziehungen – ohne vollständig zu brechen – einen spürbaren Tiefpunkt. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob der russisch-ukrainische Krieg, die sicherheitspolitischen Umbrüche in Europa sowie die Entwicklungen in Syrien eine neue strategische Annäherung zwischen Deutschland und Türkiye einleiten.

Historische Verbündete, historische Rivalen: Türkiye, Deutschland und Russland

Die deutsch-türkischen Beziehungen reichen weit zurück. Bereits im späten 19. Jahrhundert entwickelten sich enge Kontakte zwischen Kaiser Wilhelm I. und Sultan Abdülhamid II., die später in einer militärischen Allianz im Ersten Weltkrieg mündeten. Seit den 1960er-Jahren prägt zudem die türkische Arbeitsmigration das bilaterale Verhältnis. Aus den damaligen Anwerbeabkommen entstand eine türkische Diaspora, die heute mehrere Millionen Menschen umfasst und zahlenmäßig die größte migrantische Gemeinschaft in Deutschland bildet.

Hinzu kommen tief verwurzelte Handelsbeziehungen sowie die Tatsache, dass Türkiye seit Jahrzehnten zu den beliebtesten Reisezielen deutscher Touristen zählt. Wollte man die deutsch-türkischen Beziehungen von ihren historischen Anfängen bis in die Gegenwart vollständig nachzeichnen, müsste man eine Vielzahl politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Variablen berücksichtigen.

Blickt man jedoch noch weiter zurück, zeigt sich, dass sowohl die deutsch-russische als auch die türkisch-russische Rivalität historisch älter ist als das moderne deutsch-türkische Verhältnis. Die Außenpolitik des Deutschen Reiches unter Otto von Bismarck war maßgeblich von dem strategischen Grundsatz geprägt, einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden. Hintergrund war die Furcht vor einer gleichzeitigen Konfrontation mit Frankreich im Westen und dem Russischen Reich im Osten, wobei insbesondere das demografische und militärische Potenzial Russlands als langfristige Bedrohung wahrgenommen wurde. Diese strategische Spannung kulminierte im 20. Jahrhundert im deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Rahmen des Unternehmens Barbarossa, der schließlich in einer verheerenden Niederlage endete.

Auch aus türkischer Perspektive nimmt Russland historisch eine zentrale Rolle als Rivale ein. Betrachtet man die letzten ein bis zwei Jahrhunderte des Osmanischen Reiches, so zeigt sich, dass kaum ein anderer Akteur häufiger militärischer Gegner war. Viele der schwersten militärischen Niederlagen wurden in Kriegen gegen das Zarenreich erlitten. Auch im Kalten Krieg blieb die Bedrohungswahrnehmung in Ankara über Jahrzehnte stark vom nördlichen Nachbarn geprägt. Selbst in jüngerer Zeit kam es im zweiten Teil der 2010er-Jahre im Kontext des Syrienkriegs zu einer schweren Krise zwischen Türkiye und Russland, die beide Länder an den Rand einer direkten militärischen Konfrontation führte. Insgesamt lässt sich daher feststellen, dass Russland in unterschiedlichen historischen Konstellationen und Intensitäten über viele Jahrzehnte hinweg ein gemeinsamer oder paralleler Rivale für Deutschland und Türkiye war.

Ein geopolitischer Wendepunkt: Europa zwischen Russland und Amerika

Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine wird in weiten Teilen Europas nicht nur als isolierter Konflikt wahrgenommen, sondern als mögliches Vorspiel einer weiteren Serie russischer Expansionen. In dieser Lesart beginnt die Bedrohung in der Ukraine, setzt sich potenziell über Polen fort und könnte langfristig auch zentrale europäische Staaten wie Deutschland betreffen. Zahlreiche Politiker und Sicherheitsexperten vertreten diese Einschätzung. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz hat deutlich gemacht, dass ein erheblicher Teil der politischen Führung in Deutschland und Europa den Krieg als Teil einer größeren strategischen Auseinandersetzung interpretiert. Man mag einwenden, dass solche Szenarien auch dazu dienen, die eigene Bevölkerung von der Notwendigkeit anhaltender Unterstützung für die Ukraine zu überzeugen. Ebenso plausibel ist jedoch, dass es sich um eine genuine Bedrohungswahrnehmung handelt, die in europäischen Hauptstädten sehr ernst genommen wird.

Diese sicherheitspolitische Alarmstimmung gewinnt zusätzlich an Schärfe durch die Haltung der Vereinigten Staaten unter Donald Trump. Im Kontext des Ukraine-Krieges, aber auch in Fragen wie Grönland oder bei handelspolitischen Auseinandersetzungen, trat Washington gegenüber europäischen Staaten nicht wie ein klassischer Verbündeter auf, sondern eher wie ein strategischer Rivale. Die asymmetrische Natur der transatlantischen Beziehungen wurde dadurch sichtbarer denn je. Vor diesem Hintergrund lässt sich argumentieren, dass in den deutsch-türkischen Beziehungen ein kritischer Wendepunkt überschritten wurde. Die in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren zu beobachtende Abkühlung scheint einer vorsichtigen strategischen Neubewertung zu weichen. Der Grund ist schlicht: Europa nimmt Russland als wachsende Bedrohung wahr und erkennt zugleich, dass eine dauerhafte Abschreckung ohne substanzielle amerikanische Unterstützung nur schwer aufrechtzuerhalten wäre.

Genau hier rückt Türkiye ins Blickfeld. Als geografisch zentraler Akteur, als historischer Partner innerhalb der NATO und als Staat, der in den vergangenen Jahren militärische Handlungsfähigkeit demonstriert hat, gewinnt Türkiye für zahlreiche europäische Hauptstädte an strategischer Bedeutung. Die Modernisierung der Streitkräfte, die Operationserfahrungen in unterschiedlichen Regionen sowie der Ausbau der eigenen Verteidigungsindustrie werden zunehmend als Faktoren wahrgenommen, die in einer sich verändernden Sicherheitsordnung nicht ignoriert werden können.

Sollte Russland aus dem Krieg gegen die Ukraine als klarer Gewinner hervorgehen und seinen Einfluss weiter nach Osteuropa oder gar in Richtung Balkanraum ausdehnen, wäre dies zweifellos eine massive Herausforderung für Europa. Doch eine mögliche russische Expansion betrifft nicht nur die europäische Sicherheitsarchitektur. Auch aus türkischer Perspektive würde ein solches Szenario neue strategische Risiken erzeugen. Eine weitergehende Kontrolle Russlands über Schwarzmeergebiete – insbesondere nach der Annexion der Krim – würde zwangsläufig die sicherheitspolitische Alarmstufe in Ankara erhöhen. Die geopolitische Gleichung wäre damit nicht nur für Berlin, sondern auch für Ankara komplexer und potenziell instabiler.

Vor diesem Hintergrund erscheint eine engere deutsch-türkische Kooperation weniger als politische Option denn als Ausdruck gemeinsamer Interessen. Berlin hat seine strategische Kalkulation bereits angepasst. In der Syrienfrage ist eine vorsichtigere Abstimmung mit Ankara erkennbar, ebenso eine kritischere Neubewertung der Unterstützung für die SDG und die PKK. In einer Phase wachsender Unsicherheit verschieben sich Prioritäten sichtbar. Es wäre daher keineswegs überraschend, wenn Deutschland sowohl in Syrien als auch im östlichen Mittelmeerraum sowie in Fragen rund um Griechenland und Südzypern die türkischen Positionen zunehmend ernster nimmt und seine Haltung weiter zugunsten Ankaras rekalibriert.