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Abschied von Amerika: Wie Merz Europa neu ausrichtet
Kanzler Merz hat auf der Münchner Sicherheitskonferenz den Bruch mit Trump ausgesprochen und Europa auf neuen Kurs gebracht: mehr Eigenständigkeit, neue Partner wie Türkiye und erstmals Gespräche über einen europäischen Atomschirm.
Abschied von Amerika: Wie Merz Europa neu ausrichtet
Bundeskanzler Friedrich Merz / Foto: Reuters / Reuters
vor 11 Stunden

Als Friedrich Merz Mitte Februar die Münchner Sicherheitskonferenz eröffnete, spürte jeder: Dies wird keine gewöhnliche Rede. Der Bundeskanzler sagte, was lange nur hinter vorgehaltener Hand zu hören war: Trumps Amerika ist kein verlässlicher Partner mehr. Und: Europa muss sich neu aufstellen, auch mit Partnern wie Türkiye, Indien und China.

„Zwischen Europa und den Vereinigten Staaten hat sich eine Kluft, ein tiefer Graben aufgetan“, sagte Merz und räumte ein, dass US-Vizepräsident JD Vance mit eben dieser Diagnose vor einem Jahr „in der Beschreibung recht“ gehabt habe. Allerdings verbarg sich hinter der scheinbar zustimmenden Geste eine deutliche Distanzierung. Denn der „Außenkanzler“ zog eine klare Grenze zur Trump-Regierung: „Der Kulturkampf der MAGA-Bewegung ist nicht unserer“, stellte er unmissverständlich klar und erntete dafür Applaus.

Empirische Studien unterstreichen diese Entfremdung. Laut Allensbach sehen 65 Prozent der Deutschen die USA als größte Gefahr für den Weltfrieden, 2024 waren es erst 24 Prozent. Das Vertrauen in die USA ist eingebrochen. Es ist diese tiefe Verunsicherung, die Merz’ Kurswechsel antreibt. „Die internationale Ordnung, die auf Rechten und Regeln ruhte, sie gibt es so nicht mehr“, diagnostizierte der Kanzler in München. Was folgte, war der Versuch, aus der Not eine Tugend zu machen: „Wir legen den Schalter im Kopf um“, forderte Merz und meinte damit einen fundamentalen Perspektivwechsel. Europa müsse „Vorkehrungen für die neue Zeit treffen“, die von Macht- und Großmachtpolitik geprägt sei.

Atomschirm ohne Amerika: Kann Europa sich selbst schützen?

Die vielleicht bedeutendste Ankündigung der Rede betraf den sensibelsten Bereich der Sicherheitspolitik. „Ich habe mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron erste Gespräche über europäische nukleare Abschreckung aufgenommen“, erklärte Merz. Ein Satz, der in seiner Tragweite gar nicht überschätzt werden kann. Seit Jahrzehnten ruht die nukleare Garantie für Deutschland auf amerikanischen Atomwaffen, im Rahmen der NATO-Teilhabe. Dass ein deutscher Kanzler nun öffentlich über Alternativen spricht, markiert eine gewaltige Zäsur.

Allerdings ist der Weg zu einem europäischen Atomschirm steinig. Nicht nur innerparteilicher Widerstand erschwert das Vorhaben. Auch mit Frankreich gibt es nicht nur in dieser Frage grundlegende Differenzen: Macron bietet an, den französischen Schutzschirm auszuweiten, doch Paris besteht auf alleiniger Entscheidungsgewalt, was für Berlin inakzeptabel ist.

Hinzu kommen gewichtige praktische Hürden. Wie eine Studie der Münchner Sicherheitskonferenz zeigt, wäre der Aufbau eigenständiger europäischer Nuklearkapazitäten nicht nur völkerrechtlich problematisch, sondern würde Jahre dauern und Milliardensummen verschlingen. Allein die nötigen Kommando- und Kontrollstrukturen sowie Frühwarnsysteme würden immense Kosten verursachen. Unionsfraktionschef Jens Spahn warnte: „Wenn morgen Wahlen wären, würde Farage in UK gewinnen und Le Pen in Frankreich. Ich weiß nicht, ob ich mich auf die beiden verlassen möchte.“

Zwischen Aufrüstung und Trauma

Während die nukleare Debatte noch in den Kinderschuhen steckt, vollzieht sich im konventionellen Bereich bereits eine massive Aufrüstung. Deutschland hat seine Verfassung geändert und will die Bundeswehr „schnellstmöglich zur stärksten konventionellen Armee Europas machen“. Konkret bedeutet das: Mehrere hundert Milliarden Euro Investitionen, neue Großprojekte bei Luftabwehr, Satellitentechnik und Präzisionswaffen. Erst kürzlich wurde bekannt, dass die Bundeswehr für ihre neue Brigade in Litauen „Kamikaze-Drohnen“ im Wert von über vier Milliarden Euro bei deutschen Start-ups bestellen will.

Doch die größte Herausforderung ist nicht die Finanzierung, sondern das Personal. Trotz massiver Aufrüstung fehlen der Bundeswehr die Soldaten. Das Prestigeprojekt Litauen-Brigade offenbart die personellen Grenzen: Von den benötigten 1971 Soldaten meldeten sich nur 209 freiwillig, gerade einmal zehn Prozent. Die Politik reagiert mit gesenkten Anforderungen, zaudert aber, die Wehrpflicht zu reaktivieren.

Zudem wirft die militärische Aufrüstung Deutschland weitere Fragen auf, insbesondere bei den europäischen Nachbarn. In Frankreich und Polen mehren sich Warnungen vor einer deutschen Dominanz. Wolfgang Ischinger, der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, berichtet von Gesprächen, in denen „alte Vorbehalte wieder hochkommen – die Sorge vor deutscher Dominanz“. Auch Foreign Affairs prognostiziert, Deutschland könne vor 2030 „eine militärische Großmacht“ werden, mit unabsehbaren Folgen für Europas Gleichgewicht. Möglicherweise weckt die Aussicht auf eine deutsche Militärmacht nicht nur bei den europäischen Nachbarn, sondern auch jenseits des Atlantiks historische Erinnerungen und mit ihnen längst überwunden geglaubte Traumata.

Innenpolitischer Richtungsstreit zum Umgang mit den USA

Hinter den Kulissen tobt dagegen ein innenpolitischer Richtungsstreit. Die SPD hat ein Strategiepapier vorgelegt, das eine fundamentale Neuausrichtung der Beziehungen zu Washington fordert. „Die transatlantischen Beziehungen sind nicht mehr doktrinär oder selbstverständlich“, heißt es darin. SPD-Chef Lars Klingbeil brachte es auf den Punkt: „Einen Sinneswandel der neuen US-Regierung zu erwarten, wäre naiv. Also müssen wir Europäer mehr Verantwortung für uns selbst übernehmen.“ Konkret schlug die SPD ein „Buy European“-Prinzip vor. Bei Rüstungsgütern solle europäischen Produkten der Vorzug gegeben werden.

Der Kanzler selbst wählte einen versöhnlicheren Ton. Auf dem CDU-Parteitag betonte er: „Wir geben diese Freundschaft nicht leichtfertig auf.“ Gleichzeitig reiste Merz an die Golfstaaten und nach Indien, was ein klares Signal der Diversifizierung ist.

Strategische Partnerschaft zwischen China und Deutschland

Ein weiterer Baustein dieser Neujustierung sowie des Multilateralismus ist Merz’ aktuelle Reise in die Volksrepublik China. Ein Besuch, der ausdrücklich im Zeichen der von ihm diagnostizierten „Ära der Großmächte“ steht. Berlin sucht neue strategische Spielräume. Merz wirbt für „Partnerschaft, Wettbewerb und De-Risking“ zugleich: Dialog über den Ukraine-Krieg und globale Sicherheitsfragen, Kooperation bei Klima- und Handelsfragen, aber Abbau einseitiger Abhängigkeiten, etwa bei seltenen Erden und Zukunftstechnologien. Dass der Besuch erst jetzt zustande kommt, ist kein Zufall. Eigentlich wollte Merz bereits im Oktober nach China reisen. Doch nach scharfen Vorwürfen von Außenminister Johann Wadephul, der Peking Aggression im pazifischen Raum attestierte, kühlten die Kontakte spürbar ab. Wadephul wurden keine hochrangigen Gesprächspartner mehr in Aussicht gestellt, die Reise wurde schließlich abgesagt. Umso größer ist nun das politische Gewicht des Treffens. China erscheint damit nicht nur als Markt, sondern als machtpolitischer Faktor, ohne den sich die künftige Weltordnung nicht gestalten lässt.

Neue Sicherheitsarchitektur: Ohne Ankara wankt Europas Verteidigung

Bei allen transatlantischen Spannungen und innereuropäischen Debatten darf jedoch ein Akteur nicht übersehen werden: Türkiye. Ohne den NATO-Partner bliebe jede neue Sicherheitsarchitektur auf dem Kontinent unvollständig. Kanzler Merz selbst betonte bereits im Mai 2025, die Republik Türkiye schütze „einen Raum im Nato-Gebiet, der von seiner strategischen Relevanz gar nicht hoch genug eingeschätzt werden könne“, und bezeichnete sie als „extrem wertvollen, wichtigen Nato-Partner“. In seiner Rede bei der Münchner Sicherheitskonferenz nannte er Türkiye dann auch explizit als eines der Länder, die beim Knüpfen eines „starken Netzes globaler Partnerschaften“ eine „Schlüsselrolle spielen“ sollen.

In Ankara verfolgt man die Debatten um eine geostrategische Autonomie Europas genau und pocht selbstbewusst auf die eigene Unverzichtbarkeit. Außenminister Hakan Fidan stellte unmissverständlich klar: „Wenn die europäische Sicherheitsarchitektur neu geformt werden soll, ist das ohne Türkiye nicht möglich“. Präsident Recep Tayyip Erdoğan warnte jüngst ebenfalls, dass jedes neue Sicherheitssystem, das die Republik Türkiye ausschließe, scheitern werde. Die türkischen Streitkräfte gehörten zu den leistungsfähigsten der NATO und seien „mehr als ein Partner, der nur am Verhandlungstisch redet“.

Diese Einschätzung teilt auch der ehemalige türkische Staatspräsident Abdullah Gül. In einer Analyse zur aktuellen Lage argumentiert er, eine glaubwürdige europäische Sicherheitsarchitektur müsse „vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer reichen“ und sowohl Türkiye als auch Großbritannien einschließen. „Türkiye ist eine natürliche Säule der europäischen Sicherheit, ohne sie bleibt das Gebäude unvollständig“. Die Einbindung Ankaras sei daher nicht nur Partnerschaftspflege, sondern ein Gradmesser für Europas Willen zu einer schlagkräftigen Sicherheitspolitik.

Ein schwieriger Balanceakt

Fest steht: Die transatlantischen Beziehungen werden sich grundlegend verändern. „Außenkanzler“ Merz selbst räumte ein, dass man „in Zukunft häufiger als in der Vergangenheit unterschiedlicher Meinung sein“ werde. Die Frage ist nur, ob diese Differenzen konstruktiv ausgetragen werden können oder ob die transatlantische Partnerschaft, also ob der Westen als politische Einheit, eines Tages endgültig Geschichte wird.

Was Merz in den letzten Wochen vorlegte, ist ein schwieriger Balanceakt: Abgrenzung von Trump, ohne die USA insgesamt zu verlieren; Aufrüstung, ohne die Nachbarn zu erschrecken; Führungsanspruch, ohne Hegemonie. Ob dieser Spagat des „servant leading“ gelingen kann, ist die alles entscheidende Frage. Die internationale Presse verfolgte beispielsweise die Rede von Merz auf der Münchner Sicherheitskonferenz sehr aufmerksam. Am prägnantesten brachte es wohl die „Neue Zürcher Zeitung“ auf den Punkt. Sie titelte: „Deutschland entdeckt die Machtpolitik für sich.“ Ein Satz, der wie ein Leitmotiv über dem gesamten Unternehmen Merz stehen könnte. Doch genau hier liegt das Risiko. Die Entdeckung der Machtpolitik mag in Berlin als längst überfällige Realpolitik gefeiert werden, aber in Paris, Warschau oder Brüssel klingen solche Worte anders. Sie wecken jene historischen Erinnerungen, die der Kanzler eigentlich zu vermeiden hofft.

Die Antwort darauf, ob Merz’ Drahtseilakt gelingt, wird nicht in Washington oder Berlin allein entschieden. Sie wird in den Hauptstädten Europas fallen – von Paris bis Warschau, von London bis Ankara –, in denen man die neue deutsche Wortwahl genauestens analysiert. Und nicht zuletzt in Moskau und Peking, die genau beobachten, ob Europa aus dieser Zeitenwende gestärkt oder gespalten hervorgeht. Denn in der neuen Ära der Großmachtpolitik, die Merz so nüchtern analysiert hat, zählt vor allem eines: Stärke. Ob Europa sie besitzt, wird sich allerdings erst in den kommenden Monaten zeigen.