Das letzte Jahrhundert des Osmanischen Reiches sowie die Gründungsjahre der Republik Türkiye waren nicht nur von tiefgreifenden politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt, sondern auch von grundlegenden Veränderungen im Presse- und Verlagswesen. In dieser Zeit entwickelte sich Istanbul zu einem wichtigen Zentrum für Zeitungen und Zeitschriften in verschiedenen Sprachen und spielte somit eine zentrale Rolle in den internationalen Beziehungen des Imperiums und der jungen Republik.
Während die französisch- und englischsprachige Presse seit Beginn des 19. Jahrhunderts das osmanische Presseleben dominierte, trat die deutschsprachige Presse vergleichsweise spät auf den Plan. Dennoch übernahmen deutsche Zeitungen insbesondere seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine entscheidende Rolle in den osmanisch-deutschen und später türkisch-deutschen Beziehungen und wirkten nachhaltig im Schnittfeld von Diplomatie, Propaganda und wirtschaftlichen Interessen.
Fremdsprachige Presse und europäischer Einfluss
Die fremdsprachige Presse im Osmanischen Reich entwickelte sich vor allem im Zusammenhang mit den Kapitulationen und der diplomatischen Präsenz europäischer Mächte. Ab dem späten 18. Jahrhundert erschienen in Istanbul zahlreiche französisch- und englischsprachige Zeitungen, die vor allem bei den levantinischen Gemeinschaften, Minderheiten sowie bei Vertretern ausländischer Missionen eine breite Leserschaft fanden. Da Französisch lange Zeit als gemeinsame Sprache der osmanischen Bürokratie und Diplomatie galt, übten diese Publikationen einen besonders starken Einfluss aus.
Das Auftreten der deutschsprachigen Presse im osmanischen Kontext erfolgte hingegen erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Hauptgrund hierfür war, dass der politische und wirtschaftliche Einfluss Deutschlands im osmanischen Raum im Vergleich zu Frankreich und Großbritannien deutlich später an Bedeutung gewann. Vor allem während der Regierungszeit von Sultan Abdülhamid II. intensivierte Deutschland seine Beziehungen zum Osmanischen Reich durch Eisenbahnprojekte, militärische Kooperation und wirtschaftliche Investitionen, was sich auch im Pressewesen widerspiegelte.
Anfänge der deutschen Presse in Istanbul
Die ersten in Istanbul erscheinenden deutschsprachigen Zeitungen richteten sich primär an die in der Stadt lebende deutsche Gemeinschaft. Die in den 1890er Jahren gegründete Osmanische Post gehörte zu den Pionieren dieser Publikationen. Sie erschien zunächst zweimal monatlich und später täglich. Neben der Informationsversorgung der deutschen Kolonie blieb ihr Wirkungskreis jedoch begrenzt.
Das ab 1896 herausgegebene Konstantinopler Handelsblatt konzentrierte sich vor allem auf wirtschaftliche und kommerzielle Themen und verfolgte das Ziel, die osmanisch-deutschen Handelsbeziehungen zu fördern. Diese Zeitung diente insbesondere Kaufleuten, Bankiers und Industriellen als wichtige Informationsquelle und unterstützte die Aktivitäten deutschen Kapitals auf dem osmanischen Markt.
Diese frühen deutschsprachigen Zeitungen sind weniger als staatlich gelenkte Propagandainstrumente zu betrachten, sondern vielmehr als gemeinschaftsorientierte und wirtschaftlich fokussierte Publikationen. Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts und dem wachsenden politischen Einfluss Deutschlands im Osmanischen Reich lässt sich jedoch eine zunehmend systematische und strategische Pressepolitik erkennen.
„Osmanischer Lloyd“ als Machtinstrument
Die Ausrufung der Zweiten Konstitutionellen Monarchie im Jahr 1908 stellte einen Wendepunkt sowohl für das osmanische Pressewesen als auch für die deutsche Medienstrategie dar. Die zunehmende Kritik an Deutschland in der osmanischen Öffentlichkeit veranlasste die deutsche Regierung dazu, ein starkes publizistisches Instrument zur Verteidigung ihrer Interessen zu schaffen. In diesem Zusammenhang wurde mit Unterstützung des deutschen Außenministeriums sowie der Finanzierung durch große deutsche Banken und Industrieunternehmen die Zeitung Osmanischer Lloyd gegründet.
Zwischen 1908 und 1918 entwickelte sich der Osmanischer Lloyd rasch zu einer der einflussreichsten deutschsprachigen Zeitungen in Istanbul. Die Zeitung richtete sich nicht nur an die deutsche Kolonie, sondern auch an osmanische Eliten und Intellektuelle. Aus diesem Grund erschien sie zweisprachig in Deutsch und Französisch. Ihre redaktionelle Linie zielte darauf ab, die wirtschaftlichen Investitionen Deutschlands im Osmanischen Reich positiv darzustellen, die militärische Zusammenarbeit zu legitimieren und das osmanisch-deutsche Bündnis zu stärken.
Während des Ersten Weltkriegs wurde der Osmanischer Lloyd zu einem zentralen Instrument der deutschen Kriegspropaganda. Die Zeitung veröffentlichte zahlreiche Berichte und Kommentare, die die militärische Stärke und Disziplin Deutschlands verherrlichten. In dieser Hinsicht stellt sie ein eindrucksvolles Beispiel für den strategischen Einsatz der Presse in den internationalen Beziehungen dar.
Unterbrechung der deutschen Presse
Der im Jahr 1918 unterzeichnete Waffenstillstand von Mudros führte zum Abbruch der politischen und militärischen Beziehungen zwischen dem Osmanischen Reich und Deutschland. Dies hatte unmittelbare Auswirkungen auf die deutschsprachige Presse. Aufgrund der Bestimmungen des Waffenstillstands mussten deutsche Soldaten und zivile Mitarbeiter das Land verlassen, deutsche Institutionen wurden geschlossen, und die deutsche Presse kam faktisch zum Erliegen.
Diese Unterbrechung dauerte bis zum Abschluss des türkisch-deutschen Freundschaftsvertrages im Jahr 1924 an, mit dem die bilateralen Beziehungen wieder aufgenommen wurden. In dieser neuen Phase versuchte Deutschland erneut, kulturellen, wirtschaftlichen und diplomatischen Einfluss in Türkiye zu gewinnen, wobei die Presse eine zentrale Rolle spielte.
Ein neues Kapitel in der Republikzeit: Türkische Post
In den frühen Jahren der Republik wurde in Istanbul die Zeitung Türkische Post herausgegeben, die zum wichtigsten Vertreter der neuen Phase der deutschsprachigen Presse wurde. Die Zeitung wurde 1926 auf Initiative des deutschen Botschafters in Ankara, Rudolf Nadolny, gegründet. Ihr ursprüngliches Ziel bestand darin, die wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit zu fördern sowie Nachrichten und Analysen über Türkiye, den Balkan und den Nahen Osten zu liefern.
In den Anfangsjahren verfolgte die Türkische Post eine relativ unpolitische Linie und richtete sich mit Beiträgen zu Handel, Wirtschaft, Kultur und Alltagsleben sowohl an die deutsche Gemeinschaft als auch an Kreise in Türkiye, die sich für Deutschland interessierten. Im Laufe der Zeit erschienen zusätzliche Beilagen zu wirtschaftlichen Märkten, Frauen- und Familienleben, wodurch die Zeitung ihre Wirkung ausweitete.
Nach 1933: Eine Zeitung im Zentrum der Propaganda
Die Machtübernahme der Nationalsozialistischen Partei in Deutschland im Jahr 1933 führte zu einem tiefgreifenden Wandel in der redaktionellen Ausrichtung der Türkische Post. Von diesem Zeitpunkt an entwickelte sich die Zeitung zu einem offenen Sprachrohr der nationalsozialistischen Ideologie und fungierte als eines der wichtigsten Propagandainstrumente Deutschlands in Türkiye.
Die Zeitung veröffentlichte zahlreiche Artikel, die das Hitler-Regime verherrlichten, und versuchte, ideologische Parallelen zwischen Atatürk und Hitler herzustellen, um die beiden Führer und ihre politischen Systeme einander anzunähern. Diese Publikationsstrategie zielte darauf ab, Türkiye enger an Deutschland zu binden und insbesondere während des Zweiten Weltkriegs ihre Neutralität zu sichern. Gleichzeitig verschärfte sich die Kritik an Großbritannien und Frankreich, während antikommunistische und antisemitische Inhalte deutlich zunahmen.
Schließung und historische Bewertung
Im Jahr 1944, als sich Türkiye den Alliierten annäherte und die Niederlage Deutschlands im Krieg absehbar wurde, wurde die Türkische Post geschlossen. Damit endete eine prägende Epoche der deutschsprachigen Presse in Türkiye. Nach rund einem halben Jahrhundert verschwanden die deutschsprachigen Zeitungen aus der osmanischen und türkischen Presselandschaft und traten von der historischen Bühne ab.


















