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Italien: Staatsanwaltschaft befragt mutmaßlichen Sarajevo-Scharfschützen
Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Bosnien-Krieg ermittelt die Mailänder Justiz gegen einen mutmaßlichen „Wochenend-Scharfschützen“. Der 80-Jährige soll während der Belagerung Sarajevos auf Zivilisten geschossen haben.
Italien: Staatsanwaltschaft befragt mutmaßlichen Sarajevo-Scharfschützen
Italien: Staatsanwaltschaft befragt mutmaßlichen Sarajevo-Scharfschützen / Foto: AP / AP
vor 2 Stunden

Mehr als 30 Jahre nach dem Ende des Bosnien-Krieges ist Medienberichten zufolge in Italien ein Verdächtiger von der Justiz wegen seiner mutmaßlichen Beteiligung am „Scharfschützen-Tourismus“ befragt worden. Die Mailänder Staatsanwaltschaft verdächtigt den Norditaliener, einen heute 80-jährigen früheren Lkw-Fahrer, des „Totschlags, erschwert durch niederträchtige Motive“, wie die italienische Nachrichtenagentur Ansa am Montag berichtete. Die Befragung erfolgte im Zuge einer seit Oktober laufenden Ermittlung zu „Wochenend-Scharfschützen“ während der Belagerung von Sarajevo durch bosnische Serben.

Die Mailänder Staatsanwaltschaft hatte ihre Ermittlung zu den „Kriegstouristen“ im vergangenen Jahr auf der Grundlage einer Anzeige des Journalisten Ezio Gavanezzi eingeleitet. Grundlage dafür waren die Vorwürfe in dem Dokumentarfilm „Sarajevo Safari“ des slowenischen Regisseurs Miran Zupanic aus dem Jahr 2022. Die ehemalige Bürgermeisterin von Sarajevo, Benjamina Karic, hatte nach der Ausstrahlung des Dokumentarfilms in Bosnien schon damals Anzeige erstattet.

Dabei geht es um den Verdacht, dass Waffennarren aus Italien und anderen Ländern während des Bosnien-Krieges in den Jahren 1993 bis 1995 den damaligen bosnisch-serbischen Streitkräften Geld bezahlt hatten, um einige Tage auf Zivilisten schießen zu können. Die Zeitung „Il Giornale“ berichtete im vergangenen Jahr, dass die „Wochenend-Heckenschützen“ bosnisch-serbischen Streitkräften bis zu 100.000 Euro pro Tag zahlten, um auf bosnische Zivilisten zu schießen.

Verdächtiger prahlte mit „Menschenjagd“

Der Verdächtige, den italienische Medien als Jagdanhänger mit Faschismus-Nostalgie beschreiben, soll öffentlich damit geprahlt haben, auf „Menschenjagd“ gegangen zu sein. Die Ermittler kamen ihm Journalisten zufolge durch Zeugen auf die Spur, darunter Bewohner seines Dorfes in Norditalien.

„Den Zeugenaussagen zufolge erzählte er seinen Freunden in der Dorfkneipe von seinen Erlebnissen während des Balkankriegs“, sagte die an den Recherchen beteiligte Journalistin Marianna Maiorino der Nachrichtenagentur AFP.

Der Verdächtige selbst sagte der Lokalzeitung „Messaggero Veneto“, er sei während des Krieges in Bosnien gewesen, aber „beruflich, nicht zur Jagd“. Sein Anwalt sagte Journalisten am Montag, sein Mandant habe Fragen von Staatsanwaltschaft und Polizei beantwortet und „seine völlige Unschuld erneut bekräftigt“.

Die vierjährige Belagerung der bosnischen Hauptstadt Sarajevo durch die bosnischen Serben unter Führung des damaligen bosnischen Serbenführers Radovan Karadzic gehört zu den dramatischsten Ereignissen des Bosnien-Krieges. Unter dem Dauerbeschuss von Heckenschützen und der serbischen Artillerie auf den umliegenden Hügeln wurden in der von der Außenwelt abgeschnittenen Stadt von April 1992 bis November 1995 etwa 11.500 Männer, Frauen und Kinder getötet und mehr als 50.000 Menschen verletzt.

Die Bilder der hungernden Einwohner einer europäischen Großstadt schockierten die westliche Öffentlichkeit, doch gelang es dem Westen über Jahre nicht, den bosnischen Bürgerkrieg zu beenden. Die in Sarajevo stationierten UN-Blauhelme hatten zugeschaut, wie die serbischen Milizen wahllos in die Stadt feuerten – wie im Februar 1994. Die 44-monatige Belagerung endete erst, als die bosnisch-serbischen Kräfte aus dem Umland vertrieben wurden.

Der vom UN-Sicherheitsrat eingerichtete Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien verurteilte Karadzic und seinen Armeechef Ratko Mladic wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen zu lebenslanger Haft. Beide sitzen bis heute im Gefängnis. Auch der damals für die Region Sarajevo zuständige General der serbischen Streitkräfte, Stanislav Galic, wurde von dem Gericht wegen „Terrors gegen die Zivilbevölkerung“ in der bosnischen Hauptstadt zu lebenslanger Haft verurteilt.

QUELLE:TRT Deutsch und Agenturen