Die Zahl der islamfeindlichen Straftaten in Deutschland sinkt, doch das ist kein Grund zur Entwarnung. Im ersten Halbjahr 2026 registrierten die Behörden 231 Delikte, im Vergleich zu 489 im Vorjahreszeitraum ein deutlicher Rückgang. Die Bundesregierung weist jedoch darauf hin, dass es sich um vorläufige Zahlen handelt, die durch Nachmeldungen noch steigen können. 33 der erfassten Fälle wurden im Internet verübt, 44 als Volksverhetzung eingestuft, 13 betrafen das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Hinzu kamen elf Gewaltdelikte, neun Fälle von Nötigung oder Bedrohung und drei Sachbeschädigungen.
Nur vier Prozent der Betroffenen melden Diskriminierung
Doch die offiziellen Zahlen bilden nur die Spitze eines Eisbergs. Die CLAIM-Allianz, ein Zusammenschluss von über 50 zivilgesellschaftlichen Akteuren, dokumentierte erst vor wenigen Wochen für das Jahr 2025 bundesweit 4.096 antimuslimische Vorfälle – strafbare wie nicht strafbare. Das bedeutete im Schnitt mehr als elf Taten pro Tag. Das sind zugleich 33 Prozent mehr als im Vorjahr 2024. Die Dunkelziffer wird weitaus höher liegen: Denn laut einer Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte melden in Deutschland nur vier Prozent der Betroffenen eine erlebte Diskriminierung. 75 Prozent der befragten Musliminnen und Muslime berichten von rassistischen Diskriminierungserfahrungen in Behörden. Deshalb betont CLAIM: „Antimuslimischer Rassismus ist kein Randphänomen, sondern ein strukturelles Problem“.
Islamfeindlichkeit in der Mitte der Gesellschaft angekommen
Ein genauer Blick auf die Zahlen zeigt, dass insbesondere Frauen betroffen sind: In 64,5 Prozent der dokumentierten Fälle waren Frauen die Zielscheibe. Besonders muslimisch erkennbare Frauen mit Kopftuch werden zur Angriffsfläche für Beleidigungen, Bedrohungen und körperliche Übergriffe. In Dresden versuchte beispielsweise eine Seniorin, einer 14-Jährigen gewaltsam das Kopftuch herunterzureißen. In Düsseldorf schlug ein Unbekannter einer kopftuchtragenden Frau mit der Faust ins Gesicht, sie verlor kurzzeitig das Bewusstsein. Eine muslimische Familie in Berlin-Zehlendorf wird seit Jahren von ihrem Nachbarn mit rassistischen Hassnachrichten terrorisiert, mindestens 15 Anzeigen blieben erfolglos. In Nordrhein-Westfalen erhielten mehrere Moscheegemeinden Bombendrohungen mit explizit antimuslimischem und antipalästinensischem Inhalt.
Diese Fälle sind kein Randgeschehen. Sie stehen stellvertretend für eine Entwicklung, die zeigt, dass Islamfeindlichkeit längst zu einem strukturellen Problem geworden ist und dass sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Die Zahlen und Studien sprechen hier eine klare Sprache. Ob Motra-Monitor, der von der CDU/CSU aufgelöste „Unabhängige Expertenkreis Muslimfeindlichkeit“, die Mitte-Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung oder andere Studien – sie alle belegen, was viele nicht hören wollen: Antimuslimische Vorurteile sind kein Phänomen des äußersten Randes. Sie sind fester Bestandteil der gesellschaftlichen Mitte. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung sieht den Islam nicht als Bereicherung, sondern als Bedrohung und handelt teilweise auch danach.
Statistiken weichen oft voneinander ab
Die Angriffe auf Moscheen, ihre Dokumentation sowie statistische Erfassung sind Teil dieser Entwicklung. Die Polizei zählte beispielsweise 2024 insgesamt 79 Übergriffe gegen Moscheen. Doch auch hier weichen die Zahlen je nach Erfassungsmethode voneinander ab: Die Organisation #brandeilig dokumentierte 96 Angriffe für das gleiche Jahr, die islamische Religionsgemeinschaft DITIB zählte dagegen in einer eigenen Erhebung für das Jahr 2024 insgesamt 175 Angriffe. Diese Diskrepanz zeigt ein Problem auf: Die amtliche Statistik erfasst lediglich strafrechtlich relevante Vorfälle nach enger Definition, während die Lebensrealität der Betroffenen oft eine andere ist.
Experten warnen vor Ausgrenzung und fordern mehr Kooperation
Neben der physischen Gewalt ist es vor allem die alltägliche Diskriminierung, die das Leben vieler Muslime prägt. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes verzeichnete im ersten Halbjahr 2025 allein 175 Beratungsanfragen im Zusammenhang mit islambezogener Diskriminierung. Islamfeindlichkeit ist allgegenwärtig: Am häufigsten betroffen ist aktuell der Arbeitsmarkt. Ali Paşa Akbaş, Vorsitzender der Union Türkisch-Islamischer Kulturvereine in Europa (ATIB), sieht insbesondere strukturelle Benachteiligungen mit Sorge. Musliminnen und Muslime würden nicht nur auf der Straße oder im Internet angefeindet, sagte er im Gespräch mit TRT Deutsch. Diskriminierung finde auch täglich am Arbeitsplatz, bei der Wohnungssuche und in Bildungseinrichtungen statt.
Akbaş plädierte deshalb für einen intensiveren Dialog mit Sicherheitsbehörden und Politik, um gemeinsame Strategien gegen Islamfeindlichkeit und Ausgrenzung zu entwickeln. Organisationen, die sich seit Jahrzehnten für den gesellschaftlichen Zusammenhalt engagierten, sollten dabei als vertrauenswürdige Partner wahrgenommen werden.
Im Kampf gegen strukturelle Benachteiligung seien jedoch alle gesellschaftlichen Akteure gefordert. „Nur im Miteinander von Staat, Politik, Zivilgesellschaft und Medien kann es gelingen, Ausgrenzung und Rassismus nachhaltig zu bekämpfen“, sagte Akbaş. Zugleich unterstrich er die Bereitschaft seiner Organisation, ihren Beitrag zu einer vertrauensvollen Zusammenarbeit zu leisten.
Kenan Aslan, Vorsitzender der Union Internationaler Demokraten (UID), sieht die Entwicklung ebenfalls mit großer Sorge. Die Zahlen seien ein alarmierendes Zeichen für die wachsende Bedrohung, der Musliminnen und Muslime in ihrem Alltag ausgesetzt seien, sagte der 45-Jährige im Gespräch mit unserer Redaktion. Besonders Vorfälle am Arbeitsplatz, im Bildungsbereich und bei öffentlichen Dienstleistungen seien besorgniserregend und gefährdeten den gesellschaftlichen Zusammenhalt nachhaltig.
Als multireligiöse Gesellschaft trage man gemeinsam die Verantwortung, die Würde des Menschen und den Schutz des Lebens zu wahren, betonte Aslan. Moscheen und Gebetsstätten seien „Symbole des Friedens, der Toleranz und der Religionsfreiheit“. Ihr Schutz müsse daher oberste Priorität staatlichen Handelns haben.
Von den Sicherheitsbehörden erwartet der UID-Vorsitzende einen deutlich stärkeren, präventiven und sichtbaren Schutz von Moscheen und anderen Gotteshäusern. Zugleich müssten politische Verantwortungsträger islamfeindliche Hasskriminalität konsequent, abschreckend und transparent verfolgen. „Denn eine Gesellschaft, in der Religionsfreiheit geachtet und geschützt wird, ist eine Gesellschaft mit Zukunft“, sagte Aslan.
Wie Medien zur Ausgrenzung beitragen
Ein wesentlicher Faktor für die Verbreitung antimuslimischer Ressentiments sind die Medien. Studien belegen, dass die Berichterstattung über den Islam und Musliminnen und Muslime oft stereotyp und negativ ist. Der Islam wird häufig mit Terrorismus und Bedrohung assoziiert, Musliminnen und Muslime werden als rückschrittlich, fremd oder homogen dargestellt. Diese mediale Schieflage trägt zur Normalisierung von Ausgrenzung bei und verschafft Positionen, die in der politischen Debatte längst salonfähig geworden sind, eine zusätzliche Bühne.
Kooperation Fehlanzeige
Die Zahlen zeigen: Islamfeindlichkeit ist in Deutschland allgegenwärtig. Auf der Straße, in Behörden, bei der Wohnungssuche, am Arbeitsplatz, in den Medien und in den Köpfen vieler Menschen. Die Dunkelziffer ist oftmals höher als die offiziellen Verlautbarungen es ahnen lassen. Wer das Problem nicht beim Namen nennt, trägt zu seiner Verfestigung bei. Doch es wäre fatal, in Resignation zu verfallen. Die Aufgabe der kommenden Jahre wird es sein, nicht nur Islamfeindlichkeit zu dokumentieren, sondern ihr mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln entgegenzutreten. Durch Aufklärung, Schutz der Betroffenen sowie eine Kultur der Kooperation und Achtung, die Teilhabe ermöglicht und keinen Raum für Hass und Ausgrenzung lässt.























