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Gott, Öl und Raketen: Die theopolitische Falle am Golf
Völkerrechtswidrig, planlos, asymmetrisch: Die USA und Israel wollten einen schnellen Sieg – doch der Iran führt einen anderen Krieg. Eine Analyse der geopolitischen, wirtschaftlichen und theopolitischen Folgen für Deutschland und Türkiye.
Gott, Öl und Raketen: Die theopolitische Falle am Golf
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vor 11 Stunden

Knapp vier Wochen nach dem überraschenden Militärschlag der USA und Israels gegen den Iran zeichnet sich ein klares Bild ab: Was als schneller, entscheidender Schlag gegen das sogenannte „Mullah-Regime“ geplant war, hat sich zu einem zähen, asymmetrischen Konflikt entwickelt, dessen Ende nicht absehbar ist. Die anfängliche Euphorie in Washington und Tel Aviv über die erfolgreiche Tötung des religiösen Führers Ali Chamenei sowie zahlreicher Eliten aus der Führungsspitze des Staatsapparats und des Militärs ist einer zunehmend planlosen Realität gewichen. Diese „völkerrechtswidrige Aggression“, so der Völkerrechtler Leon Seidl vom Max-Planck-Institut, entfaltet nun verheerende ökonomische, geopolitische und humanitäre Folgen, die besonders in Europa und Türkiye zu spüren sind.

Ein Krieg ohne Plan

Kurz nachdem die USA und Israel Ende Februar ihre Militärschläge gegen die Regierung in Teheran aufnahmen, sagte Merz noch, jetzt sei „nicht der Moment, unsere Partner und Verbündeten zu belehren“. Vielleicht lag es auch daran, dass der Kanzler seine damals bevorstehende Audienz bei Trump in Washington nicht unnötig strapazieren wollte. Allerdings hatte der Bundeskanzler noch letzten Sommer von der „Drecksarbeit“ gesprochen, die Israel für Deutschland und Europa ausführe. Nach seiner Rückkehr aus den Vereinigten Staaten warnte Friedrich Merz jedoch, dass „ein endloser Krieg“ nicht im deutschen Interesse liege. Doch die Warnung verhallte ungehört in Washington. Inzwischen ist die Kritik an der fehlenden Strategie der USA lauter geworden. Merz selbst stellte Mitte März fest, dass es „offensichtlich keinen gemeinsamen Plan“ gebe, „wie dieser Krieg schnell zu einem überzeugenden Ende gebracht werden“ könne. Diese Planlosigkeit scheint kein Zufall zu sein, sie ist strukturell. Der Kölner Politikwissenschaftler Thomas Jäger analysierte gegenüber Focus Online: Die USA hätten einen Krieg begonnen, „den die Iraner nicht führen“.

Was bedeutet das aber genau? Die USA und Israel haben einen Krieg nach ihrem eigenen Verständnis begonnen, einen klassischen, konventionellen Krieg mit klaren Frontlinien, Luftüberlegenheit, zentralen Kommandostrukturen und dem Ziel, durch die Zerstörung militärischer sowie militärisch nutzbarer Schlüsselinfrastruktur und die Tötung der Führungsspitze einen schnellen Sieg zu erzwingen. Die Iraner aber führen diesen Krieg nicht nach den klassischen Regeln. Der Iran verfolgt eine Strategie der asymmetrischen Kriegsführung. Marinekommandeur Alireza Tangsiri der Revolutionsgarde machte dies auf seinem X-Account deutlich: „Kein Schiff, das mit den Iran-Invasoren in Verbindung steht, hat das Recht, durch die Straße von Hormus zu fahren“. Die Golfstaaten, auf deren Territorium US-Militärbasen stationiert sind und die ein enges Verhältnis zu Israel unterhalten, bekommen die Folgen dieser asymmetrischen Kriegsführung u.a. durch die überaus effektive Drohnenarmee des Iran ebenfalls zu spüren.

Es mag sein, dass die USA auf einen Krieg setzen, den sie zwar militärisch-technologisch dominieren können. Aber sie haben ihn gegen einen Gegner begonnen, der ihn nicht auf dem Schlachtfeld entscheiden will, sondern durch Zermürbung, wirtschaftliche Schockwirkung und regionale Eskalation. Genau das sehen wir gerade: Der Krieg dauert nun seit Wochen an, die Weltwirtschaft gerät ins Wanken, und Washington scheint keinen Ausstiegsplan zu haben. Während Washington also auf klassische militärische Überlegenheit setzt, agiert Teheran zunehmend unkonventionell. Trump wiederhole einen „Putin-Fehler“, so Thomas Jäger und sei „überoptimistisch hineingegangen“ in die Annahme eines schnellen Regimezusammenbruchs. Diese Fehleinschätzung ist die Grundlage für die nun eskalierende Krise.

Energiekrieg und Wirtschaftsschock: Deutschland in der Falle

Die Sperrung der Straße von Hormus durch den Iran, eine seit langem angekündigte Hauptabwehrmaßnahme, hat die globale Energieversorgung getroffen. US-Energieminister Chris Wright musste eingestehen, dass die USA auf die militärische Sicherung dieser Wasserstraße „nicht vorbereitet“ seien. Die Folgen sind in Deutschland dramatisch spürbar. Der Ökonom Torsten Schmidt vom RWI-Institut warnt, dass die Inflation bei einem länger andauernden Krieg auf bis zu sechs Prozent steigen könnte: „Dann ist das Wirtschaftswachstum weg, Deutschland würde in das vierte Jahr der Rezession rutschen.“

Neben den explodierenden Energiepreisen trifft der Krieg die deutsche Industrie in einer strukturellen Schwächephase. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) spricht bereits von einem „absoluten Krisenmodus“. Steigende Rohstoffpreise, unterbrochene Lieferketten und ein verschärfter globaler Wettbewerb setzen das industrielle Rückgrat des Landes unter Druck. Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Thomas Röwekamp (CDU), mag zwar einen deutschen Militäreinsatz in der Straße von Hormus für denkbar halten, doch die Bundesregierung bleibt vorerst bei ihrer Linie: Das ist „nicht unser Krieg“, stellte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) klar. Inzwischen haben sich auch Bundeskanzler Merz und Außenminister Johann Wadephul (CDU) dieser Einschätzung angeschlossen. Für die gebeutelte Wirtschaft aber nützt diese politische Haltung nichts, denn gerade sie spürt längst die Folgen des Krieges. Die Energiepreisexplosion ist längst beim Endverbraucher angekommen – und die weiteren Folgen (Lieferkettenstörungen, Inflation und Kaufkraftverlust) werden mit ziemlicher Sicherheit nicht auf sich warten lassen.

Theopolitik als Kriegsursache

Dieser Konflikt ist mehr als ein klassischer Krieg um Öl und regionale Vorherrschaft. Er ist auch ein religiös aufgeladener, theopolitischer Krieg. Ein Krieg, der nicht nur mit Raketen, sondern auch mit biblischen Verheißungen geführt wird. Die Rede von einem „Groß-Israel“, wie sie der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und insbesondere der US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, mit Verweis auf biblische Verheißungen (Genesis 15) ins Spiel brachten, zeigt die messianische Aufladung des Konflikts auf israelischer sowie christlich-extremistischer und evangelikaler Seite. Huckabee, ein prominenter Vertreter der christlich-evangelikalen Rechten in den USA, ließ im Februar 2026 keinen Zweifel an seiner Vision: Auf die Frage, ob Israel Anspruch auf das Gebiet „von Ägypten bis zum Euphrat“ habe, antwortete er: Es ginge in Ordnung, wenn sie das alles nehmen. Ähnlich radikal äußerte sich der US-Kriegsminister Pete Heghseth, der den Islam als „Feind“ bezeichnete.

Damit ist eine Schaltstelle benannt, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft unterschätzt wird: die strategische Allianz zwischen christlich-evangelikalen Kreisen in den USA und dem radikalen Zionismus in Israel. Diese Koalition ist nicht neu, doch unter Trump hat sie eine neue Qualität erreicht. Evangelikale Christen unterstützen den israelischen Territorialexpansionismus nicht trotz ihrer Theologie, sondern wegen ihr. In ihrem Weltbild ist die Rückeroberung des „biblischen Landes“ eine Voraussetzung für die Wiederkunft Christi. Der Krieg gegen Iran wird hier nicht als politisches Kalkül gedeutet, sondern als göttlicher Auftrag.

Auf israelischer Seite nimmt man diese Unterstützung bereitwillig an. Von der Siedlerbewegung über religiös-zionistische Parteien bis hin zu Teilen der politischen Elite. Viele verstehen sich als Vollstrecker eines historischen Auftrags. Dass dies völkerrechtswidrig ist? Interessiert in dieser extremistischen Logik niemanden. Die Allianz aus amerikanischem Evangelikalismus und israelischem messianischem Zionismus hat die Region in einen Sog gerissen, dem selbst die arabischen Golfstaaten, die seit langem Partner Israels sind, nicht mehr entkommen.

Türkiye möchte Ruhe und Ordnung in der Region

Während Deutschland wie nahezu alle Staaten der Welt die wirtschaftlichen Kollateralschäden ausbaden muss, befindet sich die Republik Türkiye in einer noch heikleren Lage. Sie teilt eine 534 Kilometer lange Grenze mit dem Iran und hat ein existenzielles Interesse an der Stabilität des Nachbarstaates. Ankara hat von Anfang an eine klare Position bezogen: Man will sich aus dem Krieg heraushalten. Zugleich will Türkiye verhindern, dass sich der Konflikt zu einem schiitisch-sunnitischen Flächenbrand ausweitet – und jenen keine Angriffsfläche bieten, die genau darauf abzielen. Sowohl Präsident Recep Tayyip Erdoğan als auch Außenminister Hakan Fidan betonten, dass es ein wichtiges strategisches Ziel sei, Türkiye außerhalb dieses Krieges zu halten. Diese Neutralität ist jedoch zunehmend gefährdet. Raketen aus dem Iran wurden bereits über türkischem Territorium von NATO-Systemen abgefangen. Die Regierung in Ankara weigert sich jedoch, den Bündnisfall nach Artikel vier oder gar Artikel fünf zu beantragen, um nicht in den Kriegsstrudel gezogen zu werden. Zudem wird in Ankara die Möglichkeit eines False-Flag-Angriffs nicht ausgeschlossen.

Die türkische Sorge ist vielschichtig und nachvollziehbar. Ökonomisch ist Türkiye auf iranisches Gas angewiesen, und die explodierenden Energiepreise bedrohen die ohnehin fragile Wirtschaftslage – eine Hypothek für Ankara, wo spätestens Ende 2027 Präsidentenwahlen stattfinden sollen. Geopolitisch fürchtet Türkiye vor allem zwei Szenarien: die Entstehung eines separatistisch-völkisch-kurdischen Autonomiegebiets im Nordiran, ähnlich wie in Syrien, und eine massive neue Flüchtlingswelle, die auch Auswirkungen auf Europa und Deutschland hätte. Der Journalist Thomas Seibert fasst die türkische Haltung im Gespräch mit dem öffentlich-rechtlichen Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) folgendermaßen zusammen: So habe die Schwächung des Iran in früheren regionalen Konflikten zwar Türkiye in die Karten gespielt. Sollte das Regime in Teheran jetzt allerdings kollabieren, würde sich die türkische Befürchtung bewahrheiten, dass die Israelis in der Region schalten und walten könnten, wie sie wollten. Deshalb setzt Erdoğan alles daran, den Krieg schnell zu beenden, indem er gleichzeitig mit Washington und Teheran die Kanäle offenhält. Der türkische Chefdiplomat Hakan Fidan suchte dafür vorige Woche das Gespräch mit seinen Kollegen in den Golfstaaten.

Mögliche Szenarien: Ein Bürgerkrieg und seine fatalen Folgen

Das Redaktionsnetzwerk Deutschland skizziert vier mögliche Szenarien für das Kriegsende. Das erste Szenario: Trump steigt aus, überlässt Israel sich selbst und sucht vor den Zwischenwahlen einen gesichtswahrenden Abzug. Das zweite: Die USA und Israel beenden die Angriffe gemeinsam, nachdem das Atomprogramm weitgehend zerstört ist. Das Regime in Teheran bliebe geschwächt, aber an der Macht. Das dritte: Iran stimmt unter Druck einem neuen Deal zu, was innenpolitisch einen Machtkampf und womöglich einen Bürgerkrieg auslösen könnte. Und das vierte: ein von außen erzwungener Regimewechsel, der in der Geschichte des Nahen Ostens – von Irak über Libyen bis Syrien – stets in Chaos und Gewalt endete.

Das für Deutschland und die Türkiye furchtbarste ist der dritte Pfad: ein blutiger Bürgerkrieg nach dem Vorbild Syriens oder Libyens und eine dadurch ausgelöste massive Flüchtlingswelle. Bedenkt man, dass zwischen 30- bis 35 Millionen Iraner – knapp 40 Prozent der Bevölkerung – türkischstämmig sind, wäre ein solches Szenario für Ankara besonders brisant. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Amerikaner iranisch-kurdische Milizen im Nordirak bewaffnen, um die kurdischen Gebiete Irans zu destabilisieren. Ein Übergreifen dieser Unruhen auch auf die arabische Minderheit im Südwesten oder die Belutschen im Südosten könnte das Land in einen Flächenbrand verwandeln.

Für Deutschland würde dies nicht nur eine Verschärfung der Energiekrise bedeuten, sondern auch eine massive Fluchtbewegung auslösen. Unionsfraktionschef Jens Spahn warnte bereits eindringlich: „Es darf kein zweites 2015 geben“. In der Union bricht das „Trauma von 2015“ auf: Merz selbst sieht in der Verhinderung „unkontrollierter Migrationsbewegungen“ einen zentralen Grund für sein Drängen auf ein schnelles Kriegsende. Auch die Republik Türkiye, die bereits Millionen syrischer Flüchtlinge beherbergt, blickt mit Sorge auf eine Wiederholung dieser Erfahrung. Die Gespräche zwischen Außenminister Wadephul und seinem türkischen Amtskollegen Fidan über die Deeskalation und besonders Verhinderung eines neuen Flüchtlingsstroms zeigen, wie sehr dieses Szenario die Politik in Berlin und Ankara bereits jetzt bestimmt.

Strategisches Desaster für den Westen?

Was bleibt, ist die bittere Erkenntnis, dass die USA und Israel mit diesem völkerrechtswidrigen Krieg nicht nur einen strategischen Fehler begangen, sondern die Fundamente der westlichen Allianz erschüttert haben. Dass US-Präsident Trump die NATO öffentlich verhöhnte, ist nur ein Symptom dieser Fehlentwicklung. Der USA-Experte Thomas Jäger spricht von einem „Desaster vom ersten Tag an“. Deutschland, das sich nach anfänglicher Zurückhaltung nun von Washington klar distanziert, sucht verzweifelt nach einer Rolle jenseits der Kriegsparteien. Ankara versucht dagegen, auf einem schmalen Grat zwischen NATO-Verpflichtung und Eigeninteresse zu balancieren.

 

Der Krieg hat gezeigt, wie verletzlich die globalisierte Wirtschaft gegenüber einem gut vorbereiteten, asymmetrischen Gegner ist. Er hat gezeigt, dass theopolitische Visionen von einem „Groß-Israel“ oder einem ewigen Kampf gegen sogenannte „Terrorregime“ die Region in ein Chaos stürzen können, von dem am Ende nur die Profiteure des Chaos – allen voran Israel aber auch Russland und China – profitieren. Die Hoffnung, dass nach dem Ende der Kampfhandlungen eine „Friedensordnung“ aufgebaut werden kann, wie Merz sie beschwört, erscheint angesichts der offengelegten Zerstörungsfantasien der Kriegsparteien wie frommer Wunsch. Die Welt ist mit diesem Krieg ein Stück unsicherer, unberechenbarer und ärmer geworden.