Der 15. Mai 2026 markiert den 78. Jahrestag der Nakba – der „Katastrophe“, die das palästinensische Volk bis heute nicht überwunden hat. Damals flohen oder wurden etwa 800.000 Palästinenser aus ihrer Heimat vertrieben. Hunderte Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht. Die Nakba ist kein abgeschlossenes Kapitel. Sie ist lebendige Gegenwart – in Gaza, im Westjordanland, im Libanon. Und sie wird fortgeschrieben, jeden Tag.
Während die israelische Armee den Süden des Libanon besetzt, ganze Dörfer dem Erdboden gleichmacht, Kinder tötet und Hunderttausende vertreibt, reagiert die internationale Gemeinschaft mit Zurückhaltung, wo entschlossenes Handeln nötig wäre. Kritik wird geäußert, doch entschlossenes Eingreifen oder spürbare Sanktionen bleiben die Ausnahme. Auch Deutschland steht in der Pflicht, eine aktivere europäische Haltung gegenüber der Gewalt in der Region zu fördern.
Der Nakba-Tag in Deutschland
Der Nakba-Tag wird in Deutschland jedes Jahr von Tausenden begangen – in Berlin, Hamburg, Köln und anderen Städten. Sie erinnern an die Vertreibung von 1948 und solidarisieren sich mit den Palästinensern in Gaza, im Westjordanland und in den Flüchtlingslagern des Libanon. Doch diese Erinnerung ist in Deutschland umkämpft. Demonstrationen werden regelmäßig von der Polizei begleitet, manchmal verboten. Redner und Teilnehmer sehen sich dem Vorwurf des Antisemitismus ausgesetzt – oft vorschnell, oft pauschal.
Die Aktivistinnen und Aktivisten fordern ein Ende der deutschen Waffenlieferungen an Israel, die Umsetzung des Völkerrechts und das Recht auf Rückkehr für palästinensische Flüchtlinge. Für viele von ihnen ist der Nakba-Tag nicht nur ein Tag des Gedenkens an die Vergangenheit, sondern vor allem ein Tag des Protests gegen das, was heute geschieht. Denn: „Das Recht auf Erinnerung und das Recht, Trauer und Betroffenheit zu äußern, sind grundlegende Elemente einer demokratischen Gesellschaft“. Diese Worte sind richtig. Leider kommen sie fast nur von einer einzigen Partei, die im Bundestag vertreten ist. Alle anderen Parteien schweigen zum Thema.
Nakba und deutsche Verantwortung: Ein ungebrochener Zusammenhang
In ihrer Rede zum Nakba-Tag 2025 erinnerte die Aachener Philosophieprofessorin Maria Reicher-Marek daran, dass die Nakba untrennbar mit der deutschen Geschichte verbunden sei: „Ohne Holocaust kein Israel, ohne Israel keine Nakba. Daher ist die Nakba untrennbar mit der Geschichte Deutschlands verbunden. Sofern wir eine besondere Verantwortung für die Opfer des Holocaust haben, haben wir diese Verantwortung also nicht nur für das jüdische Volk, sondern ebenso für das palästinensische“.
Ein Satz, der in Deutschland selten ausgesprochen wird. Und wenn doch, wird er allzu oft mit dem Vorwurf des Antisemitismus belegt – unabhängig von Inhalt und Intention. Die offizielle Erinnerungskultur in Deutschland ist bislang stark auf die eine Katastrophe konzentriert. Die andere findet darin kaum statt. Dabei ist die Nakba ein kollektives Trauma, das im historischen Kontext auch mit deutscher Verantwortung verbunden ist.
Doch Deutschland liefert weiter Waffen an Israel – nicht nur während des Völkermords in Gaza, sondern auch während des aktuellen Iran-Krieges. Allein in den ersten vier Wochen des Krieges genehmigte die Bundesregierung Exporte im Wert von 6,6 Millionen Euro. Das steht im Widerspruch zu den deutschen Exportrichtlinien, die Lieferungen in Kriegsgebiete grundsätzlich untersagen.
Die Bundesregierung beruft sich auf die besondere historische Verantwortung Deutschlands. Das oft benutzte Argument hat noch immer Gewicht, aber sollte nicht als Freibrief für jede israelische Militäroperation dienen. Solidarität mit Israel schließt Kritik an einzelnen Regierungshandlungen nicht aus. Viele Deutsche wünschen sich einen differenzierteren Kurs.
Ein klares Signal aus der Mitte der Gesellschaft
Eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag von Plan International ergab im September 2025: 80 Prozent der Bundesbürger fordern einen sofortigen Stopp der Waffenlieferungen an Israel. 57 Prozent halten den Völkermord-Vorwurf gegen Israel für gerechtfertigt. Das sind keine Randstimmen, sondern die Mitte der Gesellschaft. Die Politik täte gut daran, diese Stimmen ernst zu nehmen. Darauf deuten auch Umfragen hin.
Das Misstrauen gegenüber den internationalen Partnern wächst. Laut ARD-„Deutschlandtrend“ vom März 2026 halten 78 Prozent der Deutschen die USA für keinen verlässlichen Partner, 69 Prozent sehen auch Israel kritisch. Eine Ende März 2026 durchgeführte Umfrage des German Institute for Global and Area Studies (GIGA) bestätigt diesen Trend: 71 Prozent der Befragten bewerten den Angriff auf Iran als völkerrechtswidrig. Eine deutliche Mehrheit lehnt eine militärische Beteiligung Deutschlands ab, während 69 Prozent einen vollständigen Stopp von Waffenlieferungen in den Nahen Osten befürworten.
Besonders bei jungen Deutschen unter 40 Jahren wächst die Kritik an der israelischen Politik. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung stimmen 28 Prozent der jungen Befragten der Aussage zu, dass ihnen „durch Israels Politik Juden immer unsympathischer“ würden – doppelt so viele wie 2021. Diese Entwicklung ist alarmierend. Sie zeigt, dass kompromisslose Unterstützung für Israels Regierungspolitik nicht automatisch dem Kampf gegen Antisemitismus dient, sondern ihn im Gegenteil befördern kann. Hier sind politische Bildung und Dialog gefragt, nicht blinde Loyalität gegenüber Regierungen, deren Vertreter von internationalen Gerichten gesucht werden.
Groß-Israel: Vom ideologischen Traum zur politischen Realität?
Ein weiteres Problem ist die zunehmend offene Territorialpolitik Israels. Das Ziel eines „Groß-Israel“ zwischen Nil und Euphrat, das von radikalen Kräften in der israelischen Regierung propagiert wird, ist keine Randmeinung mehr, sondern beeinflusst die Politik – etwa durch Siedlungsbau und Vertreibungen im Westjordanland oder die faktische Annexion weiter Teile des Libanon. Diese extremistische Ideologie ist längst in der israelischen Regierungsdoktrin angekommen. Auch hier wäre eine kritischere europäische Haltung wünschenswert – nicht als Fundamentalkritik an Israel, sondern als Ausdruck von Völkerrechtsbindung und Menschenrechtspolitik.
Immerhin gibt es zaghaften Gegenwind: Die EU verhängte nach langem Ringen Sanktionen gegen radikale israelische Siedler. Und mehrere europäische Länder – Irland, die Niederlande, Slowenien, Spanien und Island – boykottierten den Eurovision Song Contest (ESC), um ein Zeichen gegen Israels Gaza-Politik zu setzen. Die Bundesregierung nannte diesen Boykott einen „Skandal“. Man mag darüber streiten – doch der eigentliche Skandal bleibt das anhaltende Leid der Zivilbevölkerung in Gaza. Ärzte ohne Grenzen (MSF) hat Israel vorgeworfen, durch das absichtliche Zurückhalten von Lebensmitteln und Hilfsgütern eine „Unterernährungskrise erzeugt“ zu haben. Vor dem israelischen Vernichtungskrieg sei Mangelernährung im Gazastreifen „nahezu nicht existent“ gewesen, so die Organisation. Der Einsatz von Hunger als Kriegswaffe verstößt gegen das Völkerrecht und wird als Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit bewertet.
Was Deutschland jetzt tun kann
Deutschland könnte seine jahrzehntealte Position des ehrlichen Maklers im Nahen Osten wiedergewinnen: durch eine konsequente Anwendung der eigenen Rüstungsexportrichtlinien, durch Unterstützung für zivile Konfliktlösung und durch einen ehrlichen Dialog mit der palästinensischen Zivilgesellschaft – auch mit jenen, die am Nakba-Tag in Berlin auf die Straße gehen. Das Leid der Palästinenser darf nicht länger ignoriert werden – weder in Gaza noch im Westjordanland noch im Libanon. Wer den Nakba-Tag in Deutschland verbieten will, sollte sich fragen, ob er auch den Holocaust-Gedenktag verbieten würde. Beide sind Ausdruck historischer Verantwortung – nur die eine Katastrophe ist in der deutschen Erinnerungskultur präsent, die andere (noch) nicht.
Ein Ende des Schweigens – auch in Deutschland
Die Nakba jährt sich zum 78. Mal. Doch die Vertreibung geht weiter – nicht nur in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart. In Berlin, Hamburg und anderen deutschen Städten erinnern Tausende an dieses Unrecht. Sie fordern: Waffenstopp, Völkerrecht, Rückkehrrecht. Diese Forderungen sind nicht antisemitisch. Sie sind menschlich. Wer Waffen liefert, während Zivilisten sterben, sollte zumindest die Frage zulassen, ob dies mit den eigenen Werten vereinbar ist. Solidarität mit Israel und kritisches Hinterfragen seiner Politik sind kein Widerspruch – sondern eine Voraussetzung für eine ehrliche, zukunftsfähige Partnerschaft. Deutschland sollte den Mut haben, diesen schmalen Grat zu gehen. Und es sollte den Nakba-Tag als das anerkennen, was er ist: ein Tag des Gedenkens, der Trauer und des legitimen Protests – mitten in unserer demokratischen Gesellschaft.























