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65 Jahre Anwerbeabkommen: Eine Geschichte, die Deutschland verändert hat
Am 30. Oktober 1961 unterzeichneten Türkiye und Deutschland ein Abkommen, das das Gesicht der Bundesrepublik für immer verändern sollte. Ein Rückblick auf 65 Jahre, die von Aufbau, Aufstieg und offenen Wunden erzählen.
65 Jahre Anwerbeabkommen: Eine Geschichte, die Deutschland verändert hat
65 Jahre Anwerbeabkommen: Eine Geschichte, die Deutschland verändert hat / Foto: DPA

Als am 30. Oktober 1961 das deutsch-türkische Anwerbeabkommen in Bonn-Bad Godesberg unterzeichnet wurde, sprach vieles für einen nüchternen wirtschaftlichen Zweck. Die Bundesrepublik befand sich im Wirtschaftswunder, die Industrie boomte, und nach dem Bau der Berliner Mauer im August desselben Jahres wurde die Arbeitskräftelücke im Westen noch drängender. Zuvor hatte Deutschland bereits Anwerbeverträge mit Italien, Spanien und Griechenland geschlossen. Nun folgte Türkiye.

Die erste Generation: Koffer, Kohle und der Traum von der Rückkehr

Die Männer und Frauen, die in den folgenden Jahren kamen, trugen Koffer und Hoffnungen. Sie sollten zunächst nur befristet bleiben, zwei, drei Jahre, dann durch neue Arbeitskräfte ersetzt werden. In den Zechen des Ruhrgebiets, an den Hochöfen, in den Automobilwerken und Textilfabriken schufteten sie für den Traum, wohlhabend nach Anatolien zurückzukehren. Bis zum Anwerbestopp 1973 kamen rund 900.000 Menschen aus Türkiye in die Bundesrepublik. Die Bundesregierung und die inländischen Unternehmen erkannten bald, dass das Rotationsprinzip nicht funktionierte. Angelernte Arbeiter ließen sich nicht beliebig austauschen, und so unterstützten die Betriebe den Familiennachzug. Aus den befristeten Gästen wurden dauerhafte Nachbarn, Arbeitskollegen, Freunde und ja, auch Familienmitglieder.

Die Erinnerung an diese Zeit und die damit verbundene Aufbauleistung ist für die türkischstämmige Gemeinschaft bis heute zentral. Im Gespräch mit unserer Redaktion betont Gökay Sofuoğlu, Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD): „Beim 65. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens denke ich vor allem an die Verdienste der ersten Generation.“ Die Menschen hätten damals ihre Familien und ihr Leben in Türkiye gelassen und Deutschland aktiv zum Wirtschaftswunder verholfen. „Ohne sie wäre dieser Wohlstand, den wir seit Jahrzehnten genießen, nicht möglich gewesen.“ Sofuoğlu, selbst Sozialpädagoge, verweist darauf, dass die erste Generation nicht nur Arbeitskraft war, sondern Familien gründete und über Generationen hinweg die Gesellschaft prägte. „Ihre Geschichte ist deutsche Geschichte“, so der 64-Jährige.

Vom Gastarbeiter zum Mitgestalter: Eine Erfolgsgeschichte

Heute leben etwa drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland, ungefähr die Hälfte von ihnen besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Aus den einstigen Gastarbeitergenerationen ist eine Einwanderungsgeschichte geworden, die das Land in allen Bereichen geprägt hat. In der Wissenschaft stehen Namen wie Uğur Şahin, Fatma Deniz, Metin Tolan oder Hacı-Halil Uslucan, deren Forschungen Maßstäbe setzten. In der Politik, in Sicherheitsorganen, Medien, Kultur und Sport sind Menschen mit türkischen Wurzeln längst selbstverständlicher Teil der deutschen Öffentlichkeit. Sie stellen Staatssekretäre und Landtagspräsidenten, Bürgermeister und Landräte. In Baden-Württemberg regiert ein Ministerpräsident mit türkischen Wurzeln, und in Berlin könnte mit der Spitzenkandidatin der Wahlsiegerin bald eine Politikerin Regierungsverantwortung übernehmen, deren Familie aus Türkiye stammt. Im Sport prägte ein Nationalmannschaftskapitän die deutsche Elf, im Kino ein Regisseur von Weltrang. Dem Inlandsnachrichtendienst steht ein Jurist mit türkischen Wurzeln vor. Es sind nur einige Beispiele für eine Entwicklung, die längst keine Ausnahme mehr ist, sondern zur Normalität dieses Landes gehört.

Nicht ohne Grund würdigte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei der Festveranstaltung zum Jubiläum des Anwerbeabkommens in Berlin die türkische Arbeitskräfteeinwanderung als „Erfolgsgeschichte“. Deutschland sei durch die Migration aus Türkiye „kulturell, wirtschaftlich, wissenschaftlich und auch kulinarisch reicher geworden“.

Doch der Weg dahin war kein Selbstläufer. Ahmet Furkan Katırcıoğlu, Generalsekretär der Union Internationaler Demokraten (UID), erinnert im Gespräch mit TRT Deutsch daran, dass die erste Generation „mit großen Hoffnungen aufgebrochen“ sei. Mit ihrem Schweiß habe sie die Grundlage für die heutigen Errungenschaften gelegt. „Heute übernehmen ihre Kinder und Enkel Verantwortung in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur und Kunst“, sagt der Elektroingenieur. Er betont zugleich: „Trotz dieser 65-jährigen Erfolgsgeschichte ist unser Einsatz gegen Rassismus, Diskriminierung und Chancenungleichheit noch nicht abgeschlossen.“ Für Katırcıoğlu ist die türkischstämmige Gemeinschaft längst nicht mehr nur Teil dieser Gesellschaft, sondern eine Generation, die „Verantwortung für die gemeinsame Zukunft übernimmt“.

Die Schattenseiten: Rassismus und die offenen Wunden

Diese Erfolgsgeschichte hat allerdings auch ihren Preis gehabt. Zu den dunklen Kapiteln der vergangenen 65 Jahre gehören leider auch die rassistisch motivierten Angriffe von Mölln 1992, Solingen 1993 und Hanau 2020, die Morde der rechtsextremen Terrorzelle NSU sowie die Anschläge auf Moscheen und die Angriffe auf Frauen mit Kopftuch. Bis heute erleben viele Menschen mit türkischen Wurzeln Diskriminierung im Alltag, bei der Wohnungssuche, Schule und Beruf.

Bundeskanzler Merz erinnerte bei dem Festakt in Berlin ausdrücklich auch an diese Verbrechen und bezeichnete die Angst vor dem Fremden als „Gift jeder freiheitlichen Gesellschaft“. Er verurteilte in diesem Zusammenhang auch den von der rechtsradikalen AfD propagierten Begriff der „Remigration“ als „Angriff auf das moderne Deutschland“. Diese klaren Worte sind wichtig, denn sie markieren eine Grenze: Die Geschichte der Einwanderung aus Türkiye ist somit auch eine Geschichte des Ringens um Anerkennung und um den Schutz von Minderheiten.

Dass dieser Prozess bis heute nicht abgeschlossen ist, zeigt der Blick auf den Alltag. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Natalie Pawlik (SPD), wies bei der Jubiläumsveranstaltung darauf hin, dass es nicht hinnehmbar sei, dass Menschen nach 65 Jahren immer noch gefragt würden, ob sie dazugehörten. „Wer 120 Prozent geben muss, um als 100 Prozent zu gelten, ist nicht schlecht integriert, sondern wird schlecht behandelt“, betonte sie.

Diese Erfahrung teilen viele. Ali Mete, Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG), sagt im Gespräch mit unserer Redaktion, die dritte und vierte Generation sei hier geboren und aufgewachsen, „dieses Land ist ihre Heimat“. Umso mehr bedauere er, dass Menschen trotz jahrzehntelanger Beiträge weiterhin Ausgrenzung, Vorurteile und Benachteiligung bei der Arbeits- oder Wohnungssuche erführen. „Es bedrückt uns zutiefst, dass auch heute noch viele das Gefühl haben, nicht als selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft anerkannt zu werden.“ Mete fordert deshalb: „Der Jahrestag sollte Anlass sein, die Lebensleistung der ersten Generation zu würdigen und gemeinsam entschlossen gegen jede Form von Hass und Ausgrenzung einzutreten.“ Politik, Medien und Zivilgesellschaft seien gleichermaßen gefordert, für ein respektvolles Miteinander, gleiche Teilhabe und Chancengleichheit zu sorgen. Für seinen Verband erklärt er: „Wir als IGMG werden uns weiterhin für ein Zusammenleben einsetzen, das auf gegenseitigem Respekt und Gerechtigkeit beruht.“

Mevlüde Genç und ihr Vermächtnis der Versöhnung

Inmitten dieser Wunden steht eine Frau, deren Haltung zum Vorbild wurde: Mevlüde Genç. Beim rassistischen Brandanschlag von Solingen im Mai 1993 verlor sie fünf Angehörige. Statt Hass zu predigen, setzte sie sich bis zu ihrem Tod im Jahr 2022 für Verständigung und Frieden zwischen Deutschen und Türken ein. Ihr Satz „Sevgi yaşatır, nefret öldürür“ („Liebe lässt leben, Hass tötet“) ist zum Mahnwort geworden. Dass sie ausgerechnet am 30. Oktober 2022 starb, dem Jahrestag des Anwerbeabkommens, wirkt im Rückblick wie eine stille Pointe der Geschichte.

Glaube, Gemeinschaft und die Frage nach der Zugehörigkeit

Ein oft übersehener Teil der Geschichte der türkischen Arbeitsmigration ist der Aufbau religiöser Strukturen. Die Menschen aus Türkiye brachten ihren Glauben mit, und sie trafen auf eine Gesellschaft, in der muslimisches Leben kaum bekannt war. Eyüp Kalyon, Generalsekretär der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DİTİB), erinnert im Gespräch mit TRT Deutsch daran, dass Menschen muslimischen Glaubens aus Türkiye ihrer Religion in Deutschland „unter ganz anderen gesellschaftlichen Bedingungen“ begegnet seien.

Sie hätten anderen ihre religiösen Werte und Perspektiven erläutern müssen, was „nicht selten mit großen Herausforderungen verbunden“ gewesen sei. Über die Jahre hätten sie Moscheen errichtet, Gemeinden aufgebaut und ihren Glauben praktiziert. „Damit haben sie ein Fundament geschaffen, auf das sich heute rund sechs Millionen Musliminnen und Muslime in Deutschland stützen können.“ Ein sichtbares Ergebnis seien die 864 Moscheegemeinden der DİTİB, in denen der Glaube „in Freiheit und Frieden“ praktiziert werden könne. Der Theologe betont: „Dafür sind wir insbesondere der ersten Generation zu großem Dank verpflichtet.“ Sie habe nicht nur einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands geleistet, „sondern auch den Grundstein für das heutige muslimische Leben in unserem Land gelegt“.

Doch die Debatte um Zugehörigkeit ist damit nicht beendet. Gökay Sofuoğlu von der Türkischen Gemeinde fragt mit Blick auf 65 Jahre Einwanderungsgeschichte: „In was sollen sich junge Menschen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, eigentlich integrieren?“ Allein diese Frage zeige, dass türkiyestämmige Personen und andere Menschen mit Migrationsgeschichte für viele „immer noch kein selbstverständlicher Teil dieses Landes“ seien. Er erinnert auch an die politischen Versäumnisse der Jahrzehnte nach dem Anwerbestopp: Statt einer echten Integrationspolitik habe es die Rückkehrprämie der Kohl-Regierung gegeben, jahrelang Ausländerklassen und einen Ausländerbeauftragten, der „vielleicht gute Ideen, aber keine politische Unterstützung“ gehabt habe. „Heute können wir es zu etwas bringen in Deutschland“, sagt Sofuoğlu.

Vom Zuschauer zum Mitgestalter

Aus der Debatte um Zugehörigkeit ist längst eine Frage der Teilhabe geworden. Kamuran Dönmez, Generalsekretär der Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa (ATİB), formuliert im Gespräch mit TRT Deutsch, wie seine Generation diesen Anspruch versteht: „Wir sind nicht nur die Arbeitenden dieser Gesellschaft, sondern auch gleichberechtigte Individuen, die Verantwortung für die Gestaltung ihrer Zukunft tragen“, sagt der 64-Jährige. Sein Verband habe schon vor Jahrzehnten den Leitsatz geprägt: „Seyirci değil seçmen, işgücü değil, göçmen!“ („Zuschauer nein, Wähler ja; Arbeitskraft nein, Migrant ja.“).

Dieser Satz habe nichts an Aktualität verloren. Er meine, dass Menschen nicht nur als arbeitende Individuen gesehen werden dürften, sondern als Bürger mit Rechten, Pflichten und gesellschaftlicher Teilhabe. Dönmez weiter: „Die mit der Arbeit der ersten Generation begonnene Reise ist heute die Geschichte eines gemeinsamen Lebens und einer gemeinsamen Zukunft.“ Es sei „unsere gemeinsame Verantwortung gegenüber künftigen Generationen“, dass die türkische und die deutsche Gesellschaft auf der Grundlage gegenseitigen Respekts, gleicher Rechte, Demokratie und Solidarität zusammenarbeiteten. „Wir werden das Erbe der ersten Generation bewahren, die gesellschaftliche Teilhabe stärken und weiter Brücken der Freundschaft zwischen beiden Gesellschaften errichten“, so der fünffache Familienvater.

Die vergangenen 65 Jahre zeigen, was Einwanderung leisten kann, wenn sie gelingt. Sie zeigen aber auch, dass das Erreichte nicht selbstverständlich ist. Ob die nächsten 65 Jahre eine Erfolgsgeschichte bleiben, hängt davon ab, ob Bildungschancen gerechter werden, ob Diskriminierung wirksam bekämpft wird und ob Menschen mit Migrationsgeschichte endlich selbstverständlich dazugehören. Daran muss sich auch die Politik messen lassen.