Der Antrittsbesuch von Bundeskanzler Friedrich Merz am 25. und 26. Februar 2026 in der Volksrepublik unterstreicht den strategischen Wert Chinas in der Welt der Gegenwart, der durch die globalen Machtverschiebungen weiter gewachsen ist. Er beendet zugleich eine Phase der deutschen Chinapolitik, die durch wiederkehrende Kritik und die in den Vordergrund bugsierten Wahrnehmung Chinas als systematischen Wettbewerber in eine Sackgasse geraten war.
Zuletzt waren diese Probleme im Zusammenhang mit der Verschiebung der China-Reise des Bundesaußenministers Johann Wadephul sichtbar geworden und hatten durch die massiv vorgetragene Kritik von Wadephuls Amtsvorgängerin Annalena Baerbock dunkle Schatten auf die deutsch-chinesischen Beziehungen geworfen.
Merz hat vor diesem Hintergrund den diplomatischen Balanceakt zwischen dem Werben um China als Partner und der offenen Ansprache von Problemen bravourös bestanden und auf der Reise so gut wie alles richtig gemacht. Er war von Ministerpräsident Li Qiang mit militärischen Ehren empfangen und von Staatschef Xi Jinping im Staatsgästehaus zum Abendessen bewirtet worden. Er besuchte die Verbotene Stadt und am zweiten Tag seiner Reise in Hangzhou das Unternehmen Unitree Robotics sowie ein Werk von Siemens Energy. Als der Bundeskanzler in seinem abschließenden Statement von „tiefen Eindrücken“ sprach, so wird sich dies auf die Vorführungen humanoider Roboter bezogen haben.
Neue Kooperationen und Wiederaufnahme der Konsultationen
Die Herausforderungen zu Hause, von denen Merz sprach, die noch zu bewältigen seien, beziehen sich vor allem auf das deutsche Handelsbilanzdefizit mit China, das im Jahr 2025 knapp 90 Mrd. Euro erreicht hat. Die Einfuhren aus China, Deutschlands wichtigstem Handelspartner, beliefen sich auf 166,8 Mrd. Euro, während die deutschen Exporte nach China um fast 10 Prozent auf 79,9 Mrd. Euro gesunken sind. Das Handelsbilanzdefizit stieg damit im Vergleich zum Vorjahr (2024) um 20 Mrd. Euro. Das liegt vor allem an den weiter steigenden Importen aus China. Die chinesische Nachfrage schwächelt. Vor allem die deutsche Automobilindustrie leidet unter dem Wettbewerbsdruck. Den höchsten Anteil der aus China nach Deutschland importierten Güter haben Datenverarbeitungsgeräte, elektrische und optische Erzeugnisse sowie elektrische Ausrüstungen und Maschinen.
Die während der Reise abgeschlossenen Kooperationen, vor allem die Bestellung von weiteren bis zu 120 zusätzlichen Flugzeugen bei Airbus, waren vorbereitet und wurden als Erfolg verbucht, sind aber beim näheren Hinsehen aus der Logik der chinesischen Staatsführung vor dem Hintergrund der handelspolitischen Auseinandersetzungen zwischen China und den Vereinigten Staaten naheliegend, wenn Airbus gegenüber Boeing den Vorzug erhält. In einer gemeinsamen Presseerklärung wurden weiterhin Kooperationen beim Klimaschutz, Technologiepartnerschaften und Fragen der globalen Sicherheit vereinbart. Die seit längerer Zeit auf Eis liegenden Regierungskonsultationen sollen Ende des Jahres wieder aufgenommen werden.
Es war eine Wertschätzung der chinesischen Führung, den Bundeskanzler noch so unmittelbar vor dem Parteitag zu empfangen, aber die dabei gezeigten Bilder von der technischen Perfektion und den hohen Standards der chinesischen Produktion sowie das Lob des Gastes aus Deutschland konnten auch vom Gastgeber zur Selbstdarstellung genutzt werden. Merz war mit seinem Antrittsbesuch in China gewissermaßen im Zugzwang, da sein britischer Kollege Keir Starmer und der französische Präsident Emmanuel Macron schon vor ihm der chinesischen Führung ihre Aufwartung gemacht hatten.
Neuausrichtung der deutschen Chinapolitik
Merz hat zu Recht eine positive Rolle Chinas bei der Beendigung des Krieges in der Ukraine eingefordert. Sein Besuch zeigt, dass der für viele Jahre gerade aus Kreisen der deutschen Wirtschaft favorisierte Ansatz, wirtschaftspolitische Kontakte mit China losgelöst von geopolitischen Betrachtungen zu pflegen, obsolet ist. Chinas strategische Rolle ist gewachsen, und es kann bei allen politischen und wirtschaftlichen Kontakten nicht ausgeblendet werden, dass die chinesische Führung das Regime von Wladimir Putin stützt und stärkt. Diese Allianz ist strategisch angelegt und lässt sich lange zurückverfolgen. Noch im Windschatten des letzten Kalten Krieges, vor allem aber nach den Revolutionen des Jahres 1989, vollzog sich der Aufstieg Chinas, bei dem die wissenschaftlichen und technischen Kapazitäten des Landes, seine Energiereserven und Bodenschätze als Machtmittel eingesetzt und Zug um Zug seine materielle Abhängigkeit von fremden Ressourcen und Know-how reduziert wurden.
Die seit Langem erkennbare Absicht Chinas, die Machtentfaltung der Vereinigten Staaten nicht nur zu begrenzen, sondern ihr auf globalem Niveau als ebenbürtiger Spieler entgegenzutreten, zählt zu den wesentlichen Charakteristika des heutigen internationalen Systems. Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union, die in ihren wirtschaftlichen Ambitionen auch in Zukunft die Beziehungen zu China pflegen wollen – das lehrt der Besuch von Bundeskanzler Merz –, werden künftig noch stärker diese geostrategischen Aspekte mit ins Kalkül nehmen müssen.
Die Reise von Merz kann damit als nüchternes Anerkenntnis einer sich verändernden strategischen Lage Chinas durch die deutsche Staatsführung bewertet werden. Weder die Illusion vom Wandel durch Handel noch überzogene Belehrungen vom höheren moralischen Gelände aus sollten die deutsche Chinapolitik der Zukunft leiten. Nicht von ungefähr hat Merz bei seinem Besuch der Verbotenen Stadt als Eintrag in das Gästebuch ein Zitat von Friedrich Schiller genutzt: „Ich wünsche uns ein gutes Tempo, Kraft und Energie für das Jahr des Pferdes. Möge es ein Jahr der Zusammenarbeit und des Wachstums für Deutschland und China werden.“













