Tausende Filmschaffende haben sich am Donnerstag mit Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle solidarisiert. Tuttle war zuvor wegen ihres Umgangs mit israelkritischen Äußerungen bei der Filmpreis-Verleihung am Sonntag kritisiert worden, vor allem aus der CDU. Zu einer Ablösung der Intendantin kam es auf einer Aufsichtsratssitzung des Berlinale-Trägervereins aber nicht.
Anlass für die Sondersitzung der Trägergesellschaft war der Auftritt des syrisch-palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib, der bei dem Filmfestival mit einem Preis ausgezeichnet worden war. Er hatte in seiner Dankesrede der Bundesregierung vorgeworfen, „Partner des Völkermords in Gaza“ zu sein. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ die Veranstaltung deshalb aus Protest.
„Die Gespräche über die Ausrichtung der Berlinale werden in den kommenden Tagen zwischen der Intendantin, Tricia Tuttle, und dem Aufsichtsratsgremium fortgesetzt“, sagte ein Sprecher von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) nach den Beratungen der Nachrichtenagentur AFP. Aus Teilnehmerkreisen verlautete, die Gespräche unter Weimers Leitung im Berliner Kanzleramt seien „konstruktiv und offen“ verlaufen.
Dabei seien auch die Äußerungen gegen Israel vom Sonntag Thema gewesen, hieß es weiter. Vor der Aufsichtsratssitzung der Berlinale-Trägergesellschaft Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin (KBB) GmbH hatte es Spekulationen über eine mögliche Ablösung Tuttles gegeben.
Filmschaffende protestieren gegen mögliche Ablösung Tuttles
Vor der Krisensitzung hatten sich Hunderte Filmschaffende mit einem offenen Brief gegen eine mögliche Abberufung von Berlinale-Chefin Tuttle ausgesprochen. Sie verfolgten die Debatten mit großer Sorge, heißt es in dem Schreiben, das von einer Filmagentur verschickt wurde und knapp 700 Unterzeichner auflistet, darunter Regisseur Tom Tykwer („Babylon Berlin“), Schauspielerin Tilda Swinton und den früheren Jurypräsidenten Todd Haynes.
Nach Informationen der „Bild“-Zeitung könnte Tuttle ihren Posten vorzeitig verlassen. Die US-Amerikanerin leitet die Berlinale seit 2024. Weimers Sprecher und die Berlinale äußerten sich dazu nicht. „Es soll eine Aussprache zur Ausrichtung der Berlinale geben. Zu weiteren Spekulationen äußern wir uns nicht“, teilte ein Sprecher von Weimer mit.
„Keine dieser Aussagen stammt von der Festivalleitung“
Mehrere Filmschaffende schrieben in dem offenen Brief, keine der kritisierten Aussagen stamme von der Festivalleitung selbst. Ein internationales Festival sei kein diplomatisches Ereignis, sondern ein schützenswerter Ort der Demokratie. Seine Stärke liege darin, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten.
Auch ein Foto der Festivalleitung mit Filmschaffenden, auf dem eine palästinensische Flagge zu sehen gewesen sei, sei kritisiert worden. Sich mit Gästen fotografieren zu lassen, gehöre zur Praxis eines Festivals. „Wenn in einer außerordentlichen Sitzung über die Zukunft der Festivalleitung entschieden wird, steht mehr auf dem Spiel als eine Personalfrage. Es geht um den Umgang mit künstlerischer Freiheit und institutioneller Unabhängigkeit.“
„Wenn aus einzelnen Wortmeldungen oder symbolischen Deutungen personelle Konsequenzen abgeleitet werden, entsteht ein problematisches Signal: Kulturinstitutionen geraten unter politischen Erwartungsdruck“, heißt es in dem Schreiben. „Wenn jede Kontroverse institutionelle Konsequenzen nach sich zieht, wird aus Diskurs Kontrolle.“
İlker Çatak: „Würde nie wieder einen Film der Berlinale geben“
Regisseur İlker Çatak warnte vor den Folgen einer möglichen Abberufung. Seiner Meinung nach wäre ein solcher Schritt wahnsinnig kurzsichtig gedacht, wie er bei einer Vorstellung seines Politdramas „Gelbe Briefe“ in Berlin sagte. Der Film hatte bei der Berlinale gerade den Goldenen Bären gewonnen.
Falls Intendantin Tuttle gehen sollte, würde sich die Frage stellen, wer den Job machen würde, sagte Çatak. Er fragte auch, ob sich die Entscheidungsträger der Konsequenzen bewusst seien: „Ich würde nie wieder einen Film der Berlinale geben.“ Das würde auch für viele seiner Kolleginnen und Kollegen gelten. „Dann kann man die Berlinale gleich beerdigen.“
Die Deutsche Filmakademie warnte, sie seien erschrocken über den Versuch „der politischen Einflussnahme in Bezug auf die Leitung eines der bekanntesten und bedeutendsten Filmfestivals der Welt“. „Wir appellieren daher an die politisch Verantwortlichen, die Unabhängigkeit der Berlinale zu garantieren und zu respektieren und die Debatte mit Augenmaß zu führen.“
Berlinale-Mitarbeiter stellen sich hinter Tuttle
Auch mehr als 500 Beschäftigte der Berlinale stellten sich in einem gemeinsamen Statement hinter Tuttle. „Wir – das Team der Berlinale, egal ob fest angestellt, auf Vertrag, als Freelancer und kooperierende Institutionen – kommen aus ganz unterschiedlichen Ecken, aber in einer Sache sind wir uns absolut einig: Wir stehen voll und ganz hinter der großartigen Tricia Tuttle als unserer Intendantin.“, heißt es darin.
„Man kann es nicht anders sagen: Der KBB-Aufsichtsrat hätte keine bessere Wahl treffen können. Tricia ist klug, handelt fair und hat immer ein offenes Ohr. Niemand brennt mehr für die Werte, die dieses Festival für das Kino hier in Deutschland und weltweit so wichtig machen.“



















