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Russland und Iran: Warum die Hilfe nur begrenzt sein wird
Im Westen wächst die Sorge vor einer russisch-iranischen Allianz im Golfkrieg. Tatsächlich versucht Moskau jedoch, zwischen eigenen geopolitischen Interessen, Beziehungen zu den Golfstaaten und Gesprächen mit den USA zu balancieren.
Russland und Iran: Warum die Hilfe nur begrenzt sein wird
Russland und Iran: Warum die Hilfe nur begrenzt sein wird / Foto: Reuters / Reuters
vor 9 Stunden

Die Lieferung von Informationen über Militärziele Russlands an den Iran im laufenden Golfkrieg laut der Washington Post hat im Westen viele Schlagzeilen produziert. Sogar von einem drohenden „Stellvertreterkrieg“ ist in einigen deutschen Berichten die Rede – als ob der Iran quasi für den Kreml gegen die USA und Israel Krieg führen könnte.

Tatsächlich spielt der Iran als Drohnenlieferant bei der Ukraine-Invasion und als Teil des sogenannten Nord-Süd-Transportkorridors für den Handel Russlands mit Indien eine große Rolle. Ein von der Regierung Trump angestrebter Regime-Change wäre nicht im Sinne Moskaus. Dennoch sind die nationalen Interessen zwischen Moskau und Teheran weder identisch, noch sind beide wirklich militärisch verbündet.

Sehr unterschiedlich ist vor allem das Verhältnis der beiden Staaten zur Regierung Trump, die einen wesentlich kremlfreundlicheren Kurs fährt als alle ihre Vorgänger. Putin sei gezwungen, möglichst lange die Ergreifung einer offiziellen Partei zu vermeiden, da Russland „trotz verschiedener Meinungsstreitigkeiten normale Beziehungen sowohl zum Iran als auch zu den Vereinigten Staaten und Israel unterhält“, stellt dazu der russische Nahostexperte Ruslan Suleimanov in einer Analyse fest.

Russlands Balancepolitik im Iran-Krieg

Für Moskau seien laut Suleimanov auch die Beziehungen zu den arabischen Golfstaaten wichtig, die nun wegen der dortigen US-Stützpunkte ins Fadenkreuz iranischer Drohnen und Raketen geraten sind. Sie würden als Wirtschaftspartner wegen der westlichen Sanktionen gebraucht. Das Handelsvolumen etwa zwischen Russland und den Vereinigten Arabischen Emiraten sei mehr als doppelt so hoch wie der Handel zwischen Moskau und Teheran.

So ist vor allem mit verbalem Protest und verdeckter, begrenzter Hilfe aus Russland für den Iran zu rechnen, solange der US-israelische Angriff andauert. Auch die mutmaßliche Lieferung von Zielkoordinaten war nicht für die Ohren der Öffentlichkeit bestimmt. Sie hat auch nicht die Schwelle überschritten, bei der Moskau seine verbesserten Beziehungen zu Washington riskiert. Angesprochen auf den Vorfall spielte selbst Donald Trump – sonst für emotionale Reaktionen bekannt – deren Bedeutung herunter und bezeichnete sie als „unerheblich“. Die russischen Zeitungen Kommersant und RBK schreiben sogar von einem darauf folgenden Anruf Trumps bei Putin, um sich über den Golfkrieg auszutauschen.

Russland wird die „roten Linien“, bei denen es die Beziehungen zu Washington ernsthaft riskiert, nicht wegen des Iran überschreiten. Moskau könne und wolle dem Iran aktuell keine direkte militärische Unterstützung leisten, schreibt dazu der aserbaidschanische Experte für russische Sicherheitspolitik Nurlan Aliyev im Expertenportal Riddle.

Überschreiten würde Russland diese Schwelle mit der raschen Lieferung effektiver Waffen, mit denen der Iran der US-israelischen militärischen Überlegenheit wirkungsvoll begegnen könnte. Umgekehrt hat auch der Iran mit seinen Drohnenlieferungen Russlands Kriegsführung in der Ukraine massiv unterstützt. Viel zitiert wird in diesem Zusammenhang die geplante russische Lieferung von Flugabwehrsystemen des Typs Verba, sogenannten MANPADS.

Keine strategischen Luftabwehrsysteme

Der russische Nahostanalyst und Experte des Carnegie-Zentrums Nikita Smagin hält es jedoch für unwahrscheinlich, dass diese Waffenlieferung den Iran vor US-amerikanischen oder israelischen Luftangriffen schützen kann. Die Einsatzfähigkeit dieser Waffen, die erst ab 2027 geliefert werden sollen, sei begrenzt und ausschließlich gegen tief fliegende Luftfahrzeuge gerichtet. Man werde sie laut Smagin wegen der Art der Kriegführung wahrscheinlich nicht gegen Angriffe der USA oder Israels einsetzen können. Smagin glaubt sogar, dass Russland dem Iran MANPADS genau deswegen liefere, „weil diese in der modernen Kriegsführung nicht besonders gefragt sind“.

Die gleiche Meinung vertritt Nurlan Aliyev in seiner Analyse. „Insbesondere hat Moskau Teheran nach den israelisch-amerikanischen Luftangriffen im Jahr 2025 keine hoch entwickelten Luftverteidigungssysteme geliefert“, etwa die strategischen Luftabwehrkomplexe S-300 und S-400, die beispielsweise Türkiye von Russland erhalten hat. Nur solche Systeme würden das Machtgleichgewicht am Golf wesentlich verändern – und eine solche Lieferung ist derzeit nicht vorgesehen.

Es besteht auch keine entsprechende Verpflichtung Russlands gegenüber dem Iran, etwa durch ein Militärbündnis. Der russisch-iranische Partnerschaftsvertrag verpflichtet beide Partner lediglich, in einem Konflikt nicht gegen den jeweils anderen Staat Partei zu ergreifen. So wird Russland aufgrund seiner eigenen strategischen Interessen auch keine Kriegspartei im aktuellen Golfkrieg werden.

Vielmehr sieht Russland den Iran als Druckmittel in den Verhandlungen mit den USA über das aus eigener Sicht wesentlich wichtigere Thema: die Ukraine. Dort setzt Russland seine geballte Militärmacht mit voller Kraft ein. Der Erfolg in der Ukraine ist ein zentrales Ziel der russischen Militärpolitik. Dieser ist jedoch angesichts von vier Jahren Kriegsdauer ohne maßgeblichen militärischen Durchbruch vor allem von einer wohlwollenden Vereinbarung unter US-Vermittlung abhängig.

Kein Schutzpatron für Verbündete

Russland läuft zwar durch den neuen Golfkrieg Gefahr, einen Verbündeten im Nahen Osten zu verlieren. Dauern die Angriffe auf den Iran länger an, hat das für Moskau jedoch nicht ausschließlich Nachteile. So profitiert es vom begleitenden Anstieg der Ölpreise. Der Westen verspielt mit jedem Angriffstag erneut Glaubwürdigkeit, wenn er Russland im Bezug auf die Ukraine-Invasion deren Völkerrechtswidrigkeit vorwirft. Trump muss zudem für die Dauer seiner Angriffe darauf achten, Russland nicht zu sehr zu verärgern und zu einer wirkungsvolleren Unterstützung Irans zu provozieren. Westliche Munition wird massiv im Nahen Osten eingesetzt und steht in diesem Umfang nicht mehr für Lieferungen an die Ukraine zur Verfügung.

So muss Russland im neuen Golfkrieg vor allem darauf achten, die Balance zu wahren. Der eigene Partner in Teheran muss durch diplomatische Unterstützung und stark begrenzte Waffenlieferungen bei Laune gehalten und vor einem kompletten Zusammenbruch bewahrt werden. Ein solcher ist durch die Angriffe derzeit auch nicht in Sicht. Gleichzeitig darf Moskau die Zusammenarbeit mit den wichtigen Wirtschaftspartnern unter den arabischen Golfstaaten und mit dem Weißen Haus durch zu intensives Eingreifen nicht beschädigen.

Solange diese Balance gelingt, bleiben die russischen Eigeninteressen gewahrt, und Moskau wird durch das neue militärische US-Abenteuer im Nahen Osten keine bleibenden Schäden erleiden. Einen Ruf als wirkungsvolle Schutzmacht von Verbündeten wie dem Iran wird Russland so jedoch nicht bekommen. Doch dieser ist durch die schwache Reaktion Moskaus auf die US-Militärintervention in Venezuela oder den Sturz des syrischen Diktators Assad inzwischen ohnehin Geschichte.