Präsident Recep Tayyip Erdoğan erklärte in einem Interview mit dem katarischen Sender Al Jazeera, dass ein EU-Beitritt für Türkiye keine Priorität mehr habe. Ankara habe die Tür für eine Mitgliedschaft zwar nicht geschlossen, doch wenn die EU Türkiye weiterhin ablehne, sei aus seiner Sicht letztlich die EU der Verlierer.
Diese Aussage legt nahe, die EU-Türkiye-Beziehungen nicht allein aus der Perspektive des bisherigen Beitrittsprozesses zu betrachten, sondern auch vor dem Hintergrund einer sich verändernden Weltordnung. Denn in den vergangenen zwanzig Jahren hat sich nicht nur Türkiye verändert, sondern auch das internationale System, in dem das Land agiert. Krieg, geopolitischer Wettbewerb, Energiesicherheit, Migration und der Aufstieg einer multipolaren Ordnung machen die geografische Lage und die wachsenden Kapazitäten von Türkiye für die EU zunehmend relevant.
Dennoch wird der Blick auf Türkiye in einigen politischen Kreisen innerhalb der EU weiterhin von ideologischen Debatten und politischen Denkmustern vergangener Jahrzehnte geprägt. Engere Beziehungen zu Türkiye stehen jedoch nicht im Widerspruch zur europäischen Idee, ebenso wenig sollte die wachsende strategische Autonomie von Türkiye automatisch als Abkehr von Europa verstanden werden. Die entscheidende Frage ist daher nicht, wie sehr Türkiye die EU braucht, sondern welche strategischen Chancen der EU entgehen könnten, wenn sie Türkiye weiterhin auf Distanz hält.
Das Problem sind alte politische Denkmuster
In Teilen der europäischen Politik hat sich gegenüber Türkiye über Jahrzehnte eine Haltung verfestigt, die stark von den politischen Auseinandersetzungen der Vergangenheit geprägt ist. Bei bestimmten politischen Akteuren und in Teilen einzelner Mitgliedstaaten wird Türkiye noch immer vor allem durch ideologische Kategorien betrachtet, obwohl sich sowohl Türkiye als auch das internationale Umfeld grundlegend verändert haben.
Türkiye hat über viele Jahre erhebliche politische und institutionelle Anstrengungen für eine EU-Mitgliedschaft unternommen. Gleichzeitig wurde die Glaubwürdigkeit dieser Perspektive durch politische Signale aus einigen europäischen Hauptstädten geschwächt. Besonders die Diskussion über eine „privilegierte Partnerschaft“ vermittelte den Eindruck, dass eine Vollmitgliedschaft unabhängig vom Verlauf des Prozesses grundsätzlich unerwünscht sein könnte.
Das Problem liegt deshalb nicht in der europäischen Idee oder der EU als Institution. Es liegt vielmehr in einer politischen Denkweise innerhalb Europas, die Türkiye teilweise noch durch die Kategorien vergangener Jahrzehnte betrachtet.
Doch die Welt, in der diese Vorstellungen entstanden sind, existiert nicht mehr.
Die Welt wartet nicht auf die EU
Die geopolitische Ordnung hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten fundamental verändert. Krieg ist auf den europäischen Kontinent zurückgekehrt, die internationale Ordnung wird zunehmend multipolar und die strategische Aufmerksamkeit der Vereinigten Staaten richtet sich stärker auf den Indo-Pazifik. Gleichzeitig gewinnen China, Indien, die Golfstaaten und andere Akteure wirtschaftlich und politisch an Bedeutung.
Hinzu kommen Energieunsicherheit, Migration, fragile Lieferketten und technologische Konkurrenz. Unter diesen Bedingungen kann Außenpolitik nicht allein danach organisiert werden, welche Staaten politisch möglichst ähnlich sind. Strategische Kooperation bedeutet gerade, unterschiedliche Interessen miteinander in Einklang zu bringen.
Türkiye ist dafür ein besonders wichtiger Fall.
Türkiye von heute ist nicht mehr Türkiye von 2005
Türkiye hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten erheblich verändert. Seine diplomatische Reichweite, Infrastruktur, Verteidigungsindustrie und außenpolitische Handlungsfähigkeit sind deutlich gewachsen. Ankara unterhält heute intensive Beziehungen auf dem Balkan, im Schwarzmeerraum, im Kaukasus, in Zentralasien, im Nahen Osten, am Golf und in Afrika.
Diese Entwicklung wird von manchen politischen Kreisen in Europa noch immer als eine Abkehr vom Westen interpretiert. Doch diese Vorstellung folgt einer Logik, die einer multipolaren Welt immer weniger gerecht wird.
Strategische Autonomie ist nicht gleichbedeutend mit strategischer Trennung von der EU.
Türkiye muss sich nicht zwischen Europa und anderen Regionen entscheiden. Im Gegenteil: Gerade seine Fähigkeit, gleichzeitig mit Europa, Zentralasien, dem Nahen Osten, Afrika und den Golfstaaten intensive Beziehungen zu unterhalten, erhöht seinen strategischen Wert.
Ein stärkeres Türkiye muss deshalb keine Herausforderung für die EU darstellen. Es kann auch ein stärkerer Partner sein.
Gegenseitige strategische Bedeutung
Hier liegt der Kern von Präsident Erdoğans Argument, dass die Distanz zu Türkiye auch für die EU mit Kosten verbunden ist.
Türkiye ist eine bedeutende NATO-Militärmacht und liegt an der Schnittstelle zwischen Europa, dem Schwarzen Meer, dem Kaukasus, dem Nahen Osten und dem östlichen Mittelmeer. Viele der zentralen sicherheitspolitischen Herausforderungen der EU befinden sich damit entweder in unmittelbarer Nachbarschaft von Türkiye oder in Regionen, in denen Ankara über erheblichen Einfluss verfügt.
Ähnliches gilt für Energie und Migration. Türkiye verbindet europäische Märkte mit dem Kaukasus, Zentralasien und dem Nahen Osten. Gleichzeitig ist eine nachhaltige europäische Migrationspolitik ohne eine enge Zusammenarbeit mit Ankara nur schwer vorstellbar.
Auch in den Bereichen Verteidigungsindustrie, Handel, Infrastruktur, Lieferketten und Technologie besteht erhebliches Kooperationspotenzial.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, wer wen mehr braucht. Entscheidend ist, warum zwei Akteure mit so vielen gemeinsamen strategischen Interessen ihre Möglichkeiten nicht umfassender nutzen sollten.
Strategischer Realismus in einer multipolaren Welt
Die EU diskutiert heute selbst intensiv über strategische Autonomie. Gerade deshalb gewinnt die Beziehung zu Türkiye zusätzlich an Bedeutung.
Eine europäische strategische Autonomie ist langfristig nur schwer vorstellbar, wenn das Potenzial eines Landes mit der geografischen Lage, militärischen Kapazität, Bevölkerung, industriellen Basis und regionalen Vernetzung von Türkiye nicht angemessen berücksichtigt wird.
Einige politische Kräfte innerhalb Europas betrachten Türkiye jedoch weiterhin durch ideologische Kategorien und Konfliktlinien vergangener Jahrzehnte. Während sich die geopolitische Realität fundamental verändert, bleibt ihre Türkiye-Politik teilweise in einer Welt verankert, die so nicht mehr existiert.
Das ist nicht nur eine verpasste Chance für Türkiye. Es kann zunehmend auch zu einer verpassten strategischen Chance für die EU werden.
Eine neue Beziehung für eine neue Welt
Die Zukunft der EU-Türkiye-Beziehungen muss deshalb nicht allein von der Frage abhängen, wann neue Beitrittskapitel eröffnet werden. Schon heute gibt es zahlreiche Bereiche, in denen beide Seiten ihre Zusammenarbeit vertiefen können: die Modernisierung der Zollunion, Visaerleichterungen, Verteidigung und Sicherheit, Energie, Technologie, Forschung, Universitäten und die grüne Transformation.
Gleichzeitig sollte die Perspektive einer zukünftigen Mitgliedschaft nicht endgültig geschlossen werden. Die internationale Politik verändert sich zu schnell, um langfristige Möglichkeiten kategorisch auszuschließen.
Vor allem aber braucht die Beziehung eine Perspektive, die der neuen geopolitischen Realität entspricht. Pro-europäisch und pro-türkisch zu sein, ist kein Widerspruch. Die europäische Idee zu unterstützen bedeutet ebenso wenig, Türkiye auf Distanz halten zu müssen, wie die Vertretung türkischer Interessen bedeutet, Europa als Gegenpol zu betrachten.
Die Welt wird multipolarer, fragmentierter und strategisch anspruchsvoller. Gerade deshalb werden Staaten und Institutionen wichtiger, die unterschiedliche Regionen, Märkte und politische Räume miteinander verbinden können.
Türkiye gehört zu diesen Akteuren.
Ein stärkeres Türkiye und eine stärkere EU sind deshalb keine Gegensätze. In der Welt, die gerade entsteht, können sie sich vielmehr gegenseitig strategisch stärken.























