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Merz am Ende? Warum der Kanzler trotz sinkender Beliebtheit im Amt bleiben dürfte
Merz verliert an Zustimmung, doch die Union klammert sich an ihn. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Mangel an Alternativen. Der Kanzler bleibt – weil ein Wechsel noch riskanter wäre.
Merz am Ende? Warum der Kanzler trotz sinkender Beliebtheit im Amt bleiben dürfte
Merz am Ende? Warum der Kanzler trotz sinkender Beliebtheit im Amt bleiben dürfte / Foto: DPA

Die Umfragewerte von Friedrich Merz sind auf einem Rekordtief, die Kritik an seinem Führungsstil wächst, und in der Union mehren sich unzufriedene Stimmen selbst unter seinen Anhängern. Ist der Kanzler am Ende? Eher nicht, wenn man genauer hinschaut.

Ein Kanzler, der nicht mehr in seine Zeit passt

Zunächst lohnt ein Blick auf die Gesellschaft, in der Merz regiert. Deutschland ist heute diverser, pluraler und fragmentierter als je zuvor in seiner demokratischen Geschichte. Allein deshalb sinken die Beliebtheitswerte von Kanzlern im historischen Vergleich fast zwangsläufig: Es wird schwieriger, sich mit der Erscheinung, dem Kommunikationsstil und dem Handeln einer einzelnen Person zu identifizieren. Merz ist von diesem strukturellen Problem nicht ausgenommen – im Gegenteil, sein politischer Habitus wirkt oft, als lebe er in einer anderen Zeit oder einem anderen Land als viele Deutsche.

Hinzu kommt ein zweites, ebenso strukturelles Problem: Wer Reformen angeht, macht sich unbeliebt. Reformen erzeugen Verteilungswirkungen, sie sind mit Unsicherheit verbunden und verlangen persönliche Anpassungen. In einer alternden Gesellschaft, in der sich Menschen schwerer tun mit dem Umfang und der Geschwindigkeit weiterer Veränderungen, erzeugt das Verunsicherung und Ablehnung. Jede Person im Kanzleramt hätte diesen Gegenwind gespürt und auch für potentielle Nachfolger gilt dasselbe.

Die Prägung eines Kanzlers

Um Merz' aktuelle Lage zu verstehen, hilft ein Blick auf seine politische Biografie. Er wurde in der Ära Kohl sozialisiert, dessen Erbe er einst antreten wollte. Dann scheiterte er an Angela Merkel – eine Niederlage, die er offenbar als so tiefe persönliche Kränkung empfand, dass er sich für zwei Jahrzehnte aus der aktiven Politik zurückzog. In dieser Zeit machte er Karriere in einer US-Anwaltskanzlei, einem US-Hedgefonds und bei der Atlantik-Brücke. Diese Jahre prägten seinen Blick auf Deutschland und die Welt nachhaltig – transatlantisch, wirtschaftsliberal, an den Gewissheiten und Rezepten der 2000er Jahre orientiert.

Als er in die Politik zurückkehrte, war als sein Hauptziel erkennbar: Kanzler zu werden. Eine zweite Priorität bestand darin, die CDU, die Merkel in die gesellschaftliche Mitte geführt hatte, wieder nach rechts zu rücken und als klar konservative Kraft zu positionieren. Inhaltlich ging es ihm vor allem um die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Im Amt musste er jedoch erkennen, dass auch er nicht „durchregieren“ kann. Und schlimmer noch: dass der Investitionsbedarf ohne die Unterstützung von SPD, Grünen und sogar der Linken nicht zu finanzieren sein würde.

Der Bruch mit dem Wahlversprechen

Nach der Wahl musste der designierte Kanzler erkennen, dass sich die internen Reformnotwendigkeiten, der Investitionsstau und der Aufstieg der AfD nicht isoliert betrachten ließen. Vor allem die außenpolitischen Krisen – Russland, Trump, China, hohe Energiekosten, importierte Inflation – machten deutlich, dass all dies nur durch eine Aufhebung der Schuldenbremse zu finanzieren sein würde. Für viele Wählerinnen und Wähler erschien das als Bruch eines zentralen Wahlversprechens, was wohl auf Wunschdenken oder Abgehobenheit beruhte. Denn die Fakten hatten sich in wenigen Wochen vor und nach der Wahl nicht dramatisch verändert.

What you see is what you get

Es mag überraschen, dass nun ausgerechnet jene enttäuscht sind, die den inzwischen 70-jährigen Merz gewählt haben, weil sie ihn für den richtigen Kanzler hielten. Doch eigentlich sollte es nicht überraschen, denn Merz ist Merz: What you see is what you get. Seine Entsprechung von Merkels „Sie kennen mich“. Ein Bremer Parteikollege warf Merz kürzlich vor, er könne die CDU nicht wie ein Unternehmen führen. Dieser Vorwurf ließe sich ebenso auf den Stil seiner Kanzlerschaft übertragen. Mit Ansagen, die Menschen sollten länger arbeiten und weniger „blaumachen", gewinnt man keine Zustimmungswerte – man bestätigt nur das Bild eines Kanzlers, der näher am Vorstandstisch als an der Lebensrealität vieler Bürgerinnen und Bürger steht.

Auch sprachlich hat sich Merz zahlreiche Fehltritte geleistet. Seine Bemerkung über das „Stadtbild" bediente rechte Ressentiments und verschob das Sagbare in der politischen Kultur – ein Muster, das man aus anderen europäischen Demokratien mit Rechtsruck-Dynamiken kennt. Und seine transatlantischen Überzeugungen, von denen er ein Berufsleben lang überzeugt war, wurden von der Realität in Washington überrollt. Die Welt, in der Merz politisch sozialisiert wurde, existiert schlicht nicht mehr in der Form, die seinem Weltbild zugrunde liegt. Zu erwarten, dass das „lernende System“ als das er sich jüngst selbst bezeichnete, das alles neu justiert und verinnerlicht, wäre sehr ambitioniert.

Warum die Union trotzdem an ihm festhält

Trotz all dieser Probleme spricht wenig dafür, dass Merz kurzfristig gestürzt wird. Der Unterstützungsbrief der acht Ministerpräsidenten sowie zahlreiche Interviews und Äußerungen einflussreicher Unionspolitiker zeigen deutlich: CDU und CSU haben derzeit kein Interesse an einem Personalwechsel. Die Gründe sind pragmatisch, nicht sentimental oder Ausdruck von Überzeugung für die Person.

Eine Minderheitsregierung hätte kaum eine Chance, das ohnehin schon fragile Reformprogramm umzusetzen. Neuwahlen würden der Union nach aktuellem Stand mehr schaden als nützen. Und unter den potenziellen Nachfolgern zeigt derzeit niemand echten Appetit, die Verantwortung zu übernehmen. Selbst wenn jemand wollte, fehlte es an ausreichender Unterstützung – man denke etwa an Hendrik Wüst, der ein halbes Jahr vor den Wahlen in NRW andere Sorgen hat und dem obendrein die Rückendeckung durch Markus Söder fehlen würde. Und auch Söder selbst wäre aktuell kein mehrheitsfähiger Kandidat innerhalb der Union.

Ein wahrscheinliches, aber fragiles Überleben

Ein vorzeitiges Ende der Kanzlerschaft ist damit zwar nicht ausgeschlossen. Die Debatten um Merz' Person – befeuert auch durch gezielte externe Kampagnen und Falschinformationen in sozialen Netzwerken – könnten eine Eigendynamik entwickeln, die am Ende zu seinem Sturz oder Rücktritt führt, selbst wenn rational vieles dagegenspricht. Politische Erosion verläuft nicht linear und folgt auch nicht immer der Logik von Machtkalkülen; manchmal genügt eine kritische Masse an Unzufriedenheit oder ein weiter Fehltritt, um Dynamiken auszulösen, die sich nicht mehr kontrollieren lassen.

Wahrscheinlicher ist das Szenario, dass Merz die anstehenden Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern politisch übersteht. Die Ausgangslage dort ist mit dem Debakel der CDU in Sachsen-Anhalt nicht vergleichbar, sodass ein ähnlich dramatisches Ergebnis unwahrscheinlich erscheint.

Fazit

Merz' Kanzlerschaft steckt in einer strukturellen Vertrauenskrise, die tief in seiner politischen Biografie, seinem Führungsstil und objektiven Zwängen wurzelt. Es stand aber wohl auch noch kein Kanzler vor so vielen gleichzeitigen internen und externen Herausforderungen. Selbst die große Krisenmanagerin Merkel hatte das Glück, dass ihre Krisen nacheinander und nicht gleichzeitig passierten.

Doch strukturelle Schwäche bedeutet nicht automatisch politisches Ende. Solange die Union keine bessere Alternative sieht und die Kosten eines Wechsels höher erscheinen als die Kosten des Weitermachens, wird Merz im Amt bleiben – geschwächt, umstritten, aber vorerst ohne ernsthafte Alternative. Am Ende ist Merz vor allem eines: der Kanzler, den man bekam, weil man ihn seine Unterstützer als den gewählt haben, der er ist. Auch wenn er jüngst angekündigt hat, sich ändern zu wollen.