Das internationale System durchläuft derzeit nicht nur eine Phase vorübergehender Turbulenzen, sondern eine tiefgreifende und strukturelle Transformation.
Aufeinanderfolgende regionale Konflikte, eine sich verschärfende geopolitische Konkurrenz und die Unzulänglichkeit globaler Governance-Mechanismen zeigen deutlich, dass die bestehende Ordnung nicht mehr tragfähig ist.
Im Kern dieser Krisen und Unsicherheiten liegen die Mängel des vorherrschenden Paradigmas, der Institutionen, Mechanismen und Normen des nach dem Zweiten Weltkrieg errichteten internationalen Systems, die den Herausforderungen der Gegenwart nicht mehr gerecht werden – und darüber hinaus zur Vertiefung bestehender Probleme und Unsicherheiten beitragen.
Tatsächlich wird diese Realität auf internationalen Plattformen offen von westlichen Entscheidungsträgern und Intellektuellen ausgesprochen – also jenen Akteuren, die die gegenwärtige Ordnung einst mitbegründet haben.
Auf diesen Plattformen wird nicht nur über Krisen diskutiert, sondern auch über die Fähigkeit des internationalen Nachkriegssystems zur Normsetzung sowie über sein Engagement für gleichberechtigte Repräsentation und Legitimität.
Die Legitimitätskrise innerhalb des internationalen Systems entspringt im Kern einem Mangel an Repräsentation und dem Schwinden des Gerechtigkeitsempfindens.
In diesem Zusammenhang finden Kritiken an der Unterrepräsentation nicht-westlicher Perspektiven und am unverhältnismäßigen Einfluss bestimmter dominanter Mächte auf internationale Institutionen zunehmend breitere Resonanz.
Der Anstieg globaler Probleme wie Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Diskriminierung schwächt das Vertrauen in Staaten und die öffentliche Ordnung, erhöht die gesellschaftliche Verwundbarkeit und veranlasst breite Bevölkerungsschichten, die Legitimität des internationalen Systems grundlegend infrage zu stellen.
Hierbei handelt es sich nicht nur um einen politischen Streit, sondern auch um einen Zusammenbruch der Kommunikation. Denn das System verliert zunehmend die Fähigkeit, sich selbst zu erklären und zu legitimieren.
Vor diesem Hintergrund wurde das Leitthema des STRATCOM-Gipfel in Istanbul am Freitag und Samstag unter das Motto „Umbruch im internationalen System: Krisen, Narrative und die Suche nach Ordnung“ gestellt.
In diesem Rahmen werden wir die ordnungsstiftende und stabilisierende Rolle strategischer Kommunikation in einer Ära erörtern, die von wachsender globaler Unsicherheit und beschleunigter struktureller Desintegration geprägt ist.
Regionale Konflikte, globale Auswirkungen
Die Auswirkungen und sich abzeichnenden Realitäten des Konflikts, der mit den US-israelischen Schlägen gegen den Iran begann und nach den iranischen Vergeltungsmaßnahmen gegen Golfstaaten zu einem regionalen Krieg eskalierte, werden zweifellos einen zentralen Tagesordnungspunkt des diesjährigen STRATCOM-Gipfels bilden.
Dieser Konflikt, in dessen Verlauf essenzielle Infrastruktur und Energieanlagen in unserer Region direkt angegriffen wurden, hat eine multidimensionale globale Krise ausgelöst.
Mit tiefgreifenden Auswirkungen auf die internationale Sicherheit, die Energiesicherheit, die Handelsrouten, die globale Logistik und die Lieferketten hat diese Krise durch die weltweiten Spaltungen, die sie hervorgebracht hat, auch die Konstruktion von Legitimität auf internationaler Ebene infrage gestellt.
Dieser Gipfel – das größte internationale Zusammentreffen, das nach Ausbruch des Krieges weltweit organisiert wurde, eines der gravierendsten Probleme des 21. Jahrhunderts angesichts der Verwerfungen, die er erzeugt hat – bietet eine wichtige interaktive Plattform zur Erörterung der durch die Krise entstandenen geopolitischen Bruchlinien und ihrer Implikationen für den Bereich der Kommunikation.
Die Desinformationskampagnen und Taktiken der psychologischen Kriegsführung, die wir vor und während des Konflikts beobachten konnten, haben erneut die Bedeutung strategischer Kommunikation im Rahmen der nationalen Sicherheit verdeutlicht.
Dieser Gipfel ist daher von erheblicher Bedeutung, um die kommunikativen und narrativen Dimensionen der tiefen Bruchlinien zu adressieren, die der Krieg im internationalen System hinterlassen hat.
Die Herausforderung, vor der wir heute stehen, ist nicht allein eine Verschiebung der Machtverhältnisse. Es geht vielmehr auch um die Transformation globaler Narrative, Wahrnehmungen und der Prozesse der Informationserzeugung.
An diesem Punkt ist strategische Kommunikation nicht mehr nur ein ergänzendes Element der außenpolitischen Instrumente eines Staates, sondern ein in dessen Kern verankerter Machtmultiplikator.
In einer Ära, in der die Wahrheit von Desinformation überschattet wird, in der sich Informationen rasant verbreiten, Vertrauen jedoch ebenso schnell erodiert, ist Kommunikation nicht nur ein Übermittlungsprozess, sondern eine Frage der Legitimitätskonstruktion.
Andererseits erfordern die drängenden Probleme der Gegenwart – Kriege, Konflikte, irreguläre Migration, Ernährungssicherheit, Energieversorgung, Klimawandel und Desinformation im digitalen Raum – die Entwicklung eines neuen Kommunikationsverständnisses, das auf internationaler Kooperation und Vertrauen fußt.
Überholte Instrumente, Methoden und Konzepte erweisen sich als unzureichend, um diese Probleme zu erklären und zu lösen, und bereiten den Boden für neue Krisen.
An diesem Punkt ist es zweifellos notwendig, eine neue Kommunikationssprache und ein Vertrauensumfeld zu schaffen, das fair, transparent und inklusiv ist – geleitet von den Konzepten der Menschenwürde, der kollektiven Weisheit und der globalen Solidarität.
Genau hier kommt die strategische Kommunikation ins Spiel. Aus dieser Perspektive ist strategische Kommunikation nicht nur ein Instrument, sondern auch eine Verantwortung.
Die Errichtung einer gerechteren, inklusiveren und ausgewogeneren internationalen Ordnung kann nur durch die richtigen Kommunikationsstrategien gelingen.
Was wir heute brauchen, ist eine neue Kommunikationsethik, die auf Wahrheit statt Geschwindigkeit, auf Gerechtigkeit statt Macht und auf Menschenwürde statt Reichweite setzt.
Wir in Türkiye handeln im Bewusstsein dieser Verantwortung.
Die Maxime unseres Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan – „Die Welt ist größer als fünf“ – bringt genau dieses Verständnis auf den Punkt.
Dieser Ansatz ist nicht nur eine Kritik; er ist zugleich die Formulierung einer alternativen globalen Vision.
Die Vision von Türkiye
Türkiye hat sich in den vergangenen Jahren durch eine mehrdimensionale Außenpolitik und aktive Diplomatie als Regionalmacht etabliert und fungiert zugleich als ausgleichender und vermittelnder Akteur auf globaler Ebene.
In einer Phase, die vom Ende globaler Stabilität und der Verwandlung unserer Region in einen Feuerring geprägt ist, haben sich die außenpolitische Vision und die Chefdiplomatie unseres Präsidenten als entscheidend erwiesen.
Die Schwarzmeer-Getreideinitiative im Kontext des Russland-Ukraine-Krieges, die diplomatischen Engagements von Türkiye im Nahen Osten und seine Vermittlungsbemühungen in Afrika sind nur einige Beispiele seiner konkreten Beiträge zu Frieden und Stabilität.
Was die Rolle von Türkiye als Mediator am stärksten untermauert, ist seine Fähigkeit, Vertrauen zwischen den Parteien aufzubauen.
In einem internationalen Umfeld, das zunehmend von Polarisierung geprägt ist, kommt einem Ansatz, der ausgewogene Beziehungen zu verschiedenen Akteuren pflegt und dabei die Empfindlichkeiten aller Seiten berücksichtigt, besondere Bedeutung zu.
Dieser Ansatz ermöglicht es Türkiye, sich nicht nur auf das Krisenmanagement zu konzentrieren, sondern auch auf die Entwicklung nachhaltiger Lösungen.
In einer Zeit, in der die Legitimität der internationalen Ordnung infrage gestellt wird, etabliert sich Türkiye als respektierter, ordnungsgestaltender Akteur, geleitet von einer menschenzentrierten Außenpolitik, die auf globalem Gewissen und Gerechtigkeitsempfinden basiert.
Von dieser Verantwortung geleitet, streben wir als Kommunikationsdirektion der Präsidentschaft an – inspiriert von Präsident Erdoğans Aufruf „Eine gerechtere Welt ist möglich“ –, die Stimme von Türkiye in dieser Transformationsphase deutlicher, wirksamer und zutreffender hörbar zu machen.
Der vor fünf Jahren in diesem Sinne ins Leben gerufene STRATCOM-Gipfel stellt eine greifbare Verkörperung dieser Vision dar.
Unser Ziel ist es, nicht nur die Perspektive von Türkiye zu vermitteln, sondern auch zur Entwicklung eines gerechteren, transparenteren und rechenschaftspflichtigeren globalen Kommunikationsökosystems beizutragen, indem wir unserer Verantwortung im Bereich der Kommunikation ebenso nachkommen wie in allen anderen Bereichen.
Der STRATCOM-Gipfel spiegelt sowohl die strategische Kommunikationsvision von Türkiye als auch seine institutionelle Kapazität wider.
STRATCOM ist nicht bloß ein Gipfel; er ist zugleich eine Marke, eine Ideenplattform und ein von Türkiye im Bereich der globalen Kommunikation entwickeltes Forum für den Austausch.
Mit dem Istanbuler Gipfel verfolgen wir das Ziel, Führungspersönlichkeiten, Diplomaten, Kommunikationsexperten, Wissenschaftler und Meinungsführer aus verschiedenen Regionen zusammenzubringen und eine multidimensionale Konsultationsplattform zur Zukunft des globalen Systems zu schaffen.
In diesem Sinne ist der STRATCOM-Gipfel nicht nur ein Forum zur Erörterung aktueller Herausforderungen, sondern auch eine Initiative, die darauf abzielt, die Kommunikationsparadigmen der Zukunft mitzugestalten.
Die Themen, die behandelt werden, erstrecken sich über ein breites Spektrum – von Global Governance bis Klimadiplomatie, von Digitalisierung bis zum Management der öffentlichen Meinung. Dies unterstreicht eine zentrale Realität: In der kommenden Ära wird Macht nicht nur durch militärische und wirtschaftliche Fähigkeiten definiert, sondern auch durch die Fähigkeit, Narrative zu formen, Bedeutung zu erzeugen und Vertrauen aufzubauen.
Letztlich steht die Welt an einer neuen Schwelle. Während etablierte Paradigmen sich auflösen, gewinnt die Suche nach Alternativen an dieser Schwelle an Dynamik.
In diesem Prozess positioniert sich Türkiye nicht als passiver Beobachter, sondern als aktiver Gestaltungsakteur.
Der STRATCOM-Gipfel ist einer der deutlichsten Ausdrücke dieser Entschlossenheit.
Wir sind überzeugt, dass diese Plattform nicht nur dazu beitragen wird, die Krisen der Gegenwart zu beleuchten, sondern auch zum Aufbau einer gerechteren, inklusiveren und ausgewogeneren internationalen Ordnung für die Zukunft.
















