Chinas rasant wachsende Industriekapazität setzt heute nicht nur Europa, sondern auch die führenden Produktionsökonomien der Welt unter Druck. Von Elektroautos über Solarpaneele bis hin zu Maschinenbau und Chemie kämpfen ganze Branchen darum, sich gegen Chinas enorme Fertigungskapazitäten und niedrige Preise zu behaupten.
Doch aus europäischer Perspektive wird eine unbequeme Frage noch immer viel zu selten gestellt: Welche Rolle hat Europa, vor allem Deutschland, beim Entstehen von Chinas heutiger industrieller Stärke gespielt?
Denn Chinas Aufstieg allein mit Pekings staatlichen Subventionen, billigen Arbeitskräften oder einer langfristigen Industriepolitik zu erklären, lässt einen wesentlichen Teil der Geschichte aus. China hat nicht nur aus eigener Kraft gelernt. Über Jahrzehnte hinweg ging das Land Partnerschaften mit westlichen Unternehmen ein, kaufte sie auf, beobachtete Produktionsprozesse und verschaffte sich Zugang zum Know-how eines der fortschrittlichsten industriellen Ökosysteme der Welt.
Einer der wichtigsten europäischen Partner Chinas in diesem Prozess war Deutschland.
Berlins Priorität: Kein Konflikt mit China
Es war Mai 2013. Die Europäische Union war zu dem Schluss gekommen, dass chinesische Hersteller Solarpaneele auf dem europäischen Markt weit unter ihrem normalen Wert verkauften. Die Europäische Kommission bereitete Anti-Dumping-Zölle auf Solarpaneele aus China vor und begründete dies damit, dass diese Praxis den europäischen Produzenten schade.
Doch Brüssel stieß auf Widerstand aus der größten Volkswirtschaft Europas. Und Deutschland legte sein Veto gegen die zusätzlichen Zölle ein.
Deutschland unter Angela Merkel war nicht bereit, in einen umfassenden Handelskrieg mit China einzutreten. Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz wurden immer abhängiger vom chinesischen Markt; die möglichen Vergeltungsmaßnahmen Pekings hätten die mächtigsten Unternehmen der deutschen Industrie treffen können.
Das Ergebnis der folgenden Jahre ist bemerkenswert.
Laut Eurostat kamen 2024 98 Prozent der von der EU importierten Solarpaneele aus China. In Deutschland erreichte Chinas Anteil an importierten Photovoltaikprodukten 85,8 Prozent.
Deutschlands Zurückhaltung gegenüber China zeigte sich einige Jahre später erneut in der Huawei-Krise.
Trotz des massiven Drucks der USA, das chinesische Unternehmen aus Sicherheitsgründen aus der 5G-Infrastruktur auszuschließen, verhängte die Merkel-Regierung kein spezielles Verbot gegen Huawei und hielt die Tür zum deutschen 5G-Netz für das Unternehmen offen.
Während die Debatte anhielt, erklärte Chinas Botschafter in Berlin, Wu Ken, dass ein Ausschluss von Huawei „Konsequenzen“ haben werde. Dass er anschließend an die Millionen Fahrzeuge erinnerte, die deutsche Automobilhersteller in China verkauften, war kein Zufall.
Peking kannte die Schwachstelle von Berlins China-Politik sehr genau: die Abhängigkeit der deutschen Automobilindustrie vom chinesischen Markt.
Auch unter Olaf Scholz änderte sich diese Rechnung nicht grundlegend. Als die Europäische Kommission 2024 zu dem Schluss kam, dass in China produzierte Elektrofahrzeuge von unfairen staatlichen Subventionen profitierten, und zusätzliche Zölle vorbereitete, stellte sich Deutschland auf die Seite der großen Automobilhersteller gegen die Maßnahmen. Berlins Vorstoß blieb erfolglos. Die EU beschloss im Oktober 2024, auf Elektrofahrzeuge chinesischer Herkunft für fünf Jahre zusätzliche Ausgleichszölle zu erheben.
Der Wandel in Europas China-Politik hing daher lange Zeit in gewissem Maße vom Wandel der deutschen Kalkulation ab — und damit auch von den Interessen der mächtigen Automobilindustrie.
Mehr als nur Kapital nach China bringen
Doch Deutschlands Rolle beim Aufstieg Chinas beschränkte sich nicht darauf, handelspolitische Maßnahmen gegen Peking zu bremsen.
Es gab einen viel wichtigeren zweiten Kanal: die Übertragung industrieller Fähigkeiten.
Deutschland ist der europäische Staat, der am meisten in China investiert. Rund 2.000 deutsche Unternehmen sind dort heute aktiv. Die gesamten deutschen Investitionen in China haben mittlerweile 130 Milliarden US-Dollar überschritten.
Am Ende des Tages brachten deutsche Unternehmen nicht nur Kapital nach China. Sie brachten auch Automobiltechnik, Chemie, Maschinenbau, Automatisierungssysteme, Produktionsprozesse, Zulieferstandards und Managementwissen mit.
Dass ein Land fortschrittliche Batterien für Elektrofahrzeuge, Industrieroboter oder Präzisionsmaschinen herstellt, ist nicht allein dadurch möglich, dass es Patente besitzt. Auch qualifizierte Ingenieure allein reichen nicht aus. Ein wesentlicher Teil der Industrialisierung besteht aus dem Prozess des „Lernens durch Tun“ und des „Lernens durch Beobachtung“.
Auch in Chinas Entwicklungsgeschichte spielte dieser Prozess eine entscheidende Rolle.
KUKA: Der Verkauf von mehr als nur einem Unternehmen
Das symbolträchtigste Beispiel dafür ist KUKA.
Das in Augsburg ansässige Unternehmen war eine der großen Marken der deutschen Ingenieurgeschichte. 1973 entwickelte KUKA den KR FAMULUS, den weltweit ersten elektrisch betriebenen sechsachsigen Industrieroboter, und gehörte damit zu den Pionieren der modernen Industrierobotik.
Genau diese Technologie wurde für China strategisch wichtig.
Pekings Programm „Made in China 2025“ zielte darauf ab, China von einer kostengünstigen Produktionsbasis zu einem der weltweiten Führer in Robotik, Hochleistungsmaschinen, Elektrofahrzeugen und anderen Hightech-Sektoren zu machen. Dafür waren die Automatisierung von Fabriken und Industrieroboter von zentraler Bedeutung.
Der Aufbau dieses technologischen Know-hows von Grund auf hätte China Jahre, vielleicht Jahrzehnte gekostet.
Doch es gab einen anderen Weg: das Unternehmen zu kaufen, das diese Technologie entwickelt hatte.
2016 leitete der chinesische Haushaltsgerätegigant Midea eine Übernahmeoffensive für KUKA im Wert von rund 4,5 Milliarden Euro ein. Am Ende sicherte sich das chinesische Unternehmen eine überwältigende Mehrheit an KUKA.
Hat KUKA allein Chinas Robotik-Revolution ausgelöst? Natürlich nicht.
China hatte bereits große Mittel in Robotik investiert, eigene Ingenieure ausgebildet und heimische Unternehmen unterstützt. Doch die Kontrolle über ein Unternehmen wie KUKA bedeutete, dass sich über Jahrzehnte entstandenes ingenieurtechnisches Wissen, Produktionserfahrung und industrielle Beziehungen viel schneller erschließen ließen.
„In China, for China“
KUKA sollte nicht als Einzelfall betrachtet werden.
Volkswagen, BMW, Mercedes-Benz, BASF, Siemens und zahlreiche deutsche Maschinenbauer investierten über Jahre massiv in China. China wurde für die deutsche Industrie nicht nur zu einem riesigen Exportmarkt, sondern auch zu einem immer wichtigeren Produktionsstandort.
Die Strategie deutscher Unternehmen wurde im Laufe der Zeit zunehmend als „In China, for China“ beschrieben: in China für den chinesischen Markt produzieren, Lieferketten lokalisieren und Forschung, Entwicklung sowie Produktionskapazitäten ins Land verlagern.
Dieser Prozess erreichte erstaunliche Ausmaße.
Die wirtschaftliche Logik dahinter ist leicht nachvollziehbar. China bot einen riesigen Markt, eine ausgereifte Lieferkette und über viele Jahre hinweg hohe Gewinne.
Doch dieses Modell hatte langfristige strategische Kosten.
Eine Fabrik nach China zu verlagern bedeutet nicht nur, Kapital zu verlagern. Es bedeutet auch, Produktionsmethoden, Qualitätsstandards, Zulieferbeziehungen, Ingenieurwissen und die Kultur der Problemlösung mitzubringen. Lokale Beschäftigte, Ingenieure und Zulieferer werden mit der Zeit Teil dieses Ökosystems.
Technologietransfer geschieht nicht immer in Form einer Patentübergabe über den Tisch.
Oft reicht es, über Jahre hinweg in derselben Fabrik gemeinsam zu produzieren.
Der Schüler ist inzwischen zum Rivalen geworden
Zu Beginn dieser Beziehung waren die Rollen der beiden Seiten klar definiert.
China war ein großer und schnell wachsender Markt. Deutschland lieferte Autos, Maschinen, Chemieprodukte und fortschrittliche Produktionstechnologien. Deutsche Unternehmen verdienten enorm an Chinas Industrialisierung. Doch mit der Zeit veränderte sich die Natur dieser Beziehung.
Chinesische Unternehmen waren nicht länger nur Kunden, die deutsche Maschinen kauften. Sie begannen, dieselben Maschinen zu produzieren. Dann begannen sie, sie billiger zu produzieren. Sie entwickelten sich zu direkten Konkurrenten deutscher Unternehmen in den Bereichen Elektrofahrzeuge, Batterien, Solarenergie und zunehmend auch bei Maschinen und Automatisierung.
Heute produziert China rund ein Drittel der weltweiten Industrieproduktion. Von Maschinenbau über erneuerbare Energien bis hin zu Elektrofahrzeugen und Petrochemie sieht sich Europa inzwischen den Folgen von Chinas gewaltiger Produktionskapazität gegenüber.
Genau darin liegt das Paradox der deutschen China-Strategie.
Ein kurzfristig außerordentlich erfolgreiches Geschäftsmodell half langfristig dabei, Bedingungen zu schaffen, die Deutschlands eigene industrielle Überlegenheit untergruben.
Die wirtschaftlichen Kosten eines politischen Konflikts mit China waren für Berlin höher als für viele andere europäische Hauptstädte.
Während Frankreich, Italien, Spanien und andere europäische Länder stärkere handelspolitische Schutzinstrumente gegen Chinas Produktionsüberschuss forderten, blieb Deutschlands Reflex lange Zeit vorsichtiger.
Darum wurden die Debatten über Europas China-Politik oft nicht nur zwischen Brüssel und Peking geführt. Sie wurden auch zwischen Paris und Berlin ausgetragen.
Während Europa einerseits Chinas subventionierte Produktion und Handelspraktiken kritisierte, verdienten die stärksten deutschen Unternehmen andererseits Milliarden in China und investierten dort Milliarden mehr.
Dieser Interessenkonflikt machte es Europa jahrelang schwer, eine gemeinsame China-Politik zu formulieren.
Zu glauben, China habe seine heutige industrielle Kapazität unabhängig von der Außenwelt entwickelt, wäre irreführend. Deutschland war ein wichtiger Akteur dieser Geschichte.
Wie oben beschrieben, brachten deutsche Unternehmen Kapital nach China. Sie bauten Fabriken. Sie übertrugen Ingenieurwissen. Sie vermittelten Produktionsprozesse. Sie führten chinesische Zulieferer an globale Standards heran. Deutschland ließ zudem zu, dass einige strategische Technologieunternehmen unter die Kontrolle chinesischen Kapitals gerieten.
Berlin wiederum entschied sich häufig dafür, Konflikten aus dem Weg zu gehen, sobald wirtschaftliche Beziehungen zu China in Gefahr gerieten.
Deutschland hat jahrzehntelang stark vom Aufstieg Chinas profitiert — und steht nun vor den Folgen dieses Aufstiegs. Deshalb sollte Europa, wenn es heute über Chinas „Überkapazitäten“, staatliche Subventionen oder Industriepolitik klagt, nicht nur auf Pekings Handeln schauen. Es muss auch auf seine eigenen Fehler blicken.




























