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Wie effektiv ist die deutsche Wiederaufrüstung wirklich? Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Deutschland erhöht seine Verteidigungsausgaben massiv, um auf neue Sicherheitsrisiken zu reagieren und zugleich wirtschaftliche Impulse zu setzen. Doch ein großer Teil der Mittel fließt ins Ausland oder an wenige Großkonzerne.
Wie effektiv ist die deutsche Wiederaufrüstung wirklich? Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Wie effektiv ist die deutsche Wiederaufrüstung wirklich? Zwischen Anspruch und Wirklichkeit / Foto: Reuters / Reuters

Deutschland hat angekündigt, seine Verteidigungsindustrie zu unterstützen, um auf wachsende Sicherheitsbedenken zu reagieren und zugleich der schwächelnden Wirtschaft Impulse zu geben. Zu diesem Zweck wurden großvolumige Investitionspläne auf den Weg gebracht. Es stellt sich jedoch die Frage, ob die Verteidigungsindustrie in Deutschland infolge dieser Investitionspläne tatsächlich an Dynamik gewonnen hat. Inwieweit haben diese Investitionen zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit beigetragen und zugleich messbare positive Effekte auf die schwache wirtschaftliche Entwicklung entfaltet?

Deutschlands Industrie und Sicherheit unter Druck

Deutschland versucht seit einigen Jahren, mit erheblichen Herausforderungen fertigzuwerden. In den vergangenen fünf Jahren blieb das Wirtschaftswachstum sehr begrenzt. In der Industrie gingen 300.000 Arbeitsplätze verloren. Hohe Energiepreise, veränderte Lieferketten und Länder wie China und Türkiye, die sich rasant industrialisieren, haben die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie geschwächt.

Gleichzeitig verändert sich heute auch das sicherheitspolitische Umfeld Deutschlands. In einem Land, dessen Verteidigungsarchitektur in hohem Maße von den USA abhängt und das einige der größten US-Stützpunkte in Europa beherbergt, beginnt sich die Wahrnehmung von Sicherheit zu wandeln. Die Annahme, dass die amerikanische Unterstützung für die europäische Verteidigung künftig nicht mehr so stark sein könnte wie früher, hat Berlin dazu veranlasst, die lange vernachlässigte Verteidigungsindustrie und die Militärausgaben wieder auf die politische Agenda zu setzen. Andererseits ist auch die deutsche Verteidigungsstruktur seit Jahren mit erheblichen Problemen konfrontiert. Die Bundeswehr stand in den vergangenen zehn Jahren immer wieder wegen des schlechten Zustands ihrer Ausrüstung im Fokus der Öffentlichkeit.

Als Antwort auf all diese Probleme wurden in Deutschland in den vergangenen drei Jahren umfassende Reformen in der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik vorgenommen. Der für 2026 geplante Verteidigungshaushalt Deutschlands ist inzwischen auf 108,2 Milliarden Euro angewachsen. Berlin hat zugesagt, deutlich stärker in die heimische Produktion von Verteidigungsgütern zu investieren.

Berlin investiert massiv in militärische Aufrüstung

In diesem Rahmen wurden sehr große Investitionspakete angekündigt. Bundeskanzler Merz erklärte, dass in den kommenden Jahren insgesamt Hunderte Milliarden Dollar für Verteidigungsausgaben verwendet werden sollen. Die Regierung hat sich verpflichtet, zwischen 2026 und Ende 2029 insgesamt 550 Milliarden Euro für Verteidigung auszugeben, sofern die Militärhilfe für die Ukraine mit eingerechnet wird. Mit dieser Politik will Deutschland einerseits den Produktionssektor und die Wirtschaft beleben und andererseits die Verteidigungsfähigkeit des Landes stärken.

Deutschland ist damit auf Platz vier der weltweit größten Verteidigungsausgeber vorgerückt – hinter den USA, China und Russland. 2022, als der russische Präsident Wladimir Putin seine großangelegte Invasion der Ukraine begann, lag Deutschland noch auf Platz sieben. Doch genau hier beginnt die eigentliche Frage: Wie wirksam sind diese groß angelegten Investitionen tatsächlich, wenn es darum geht, die Wirtschaft in Bewegung zu setzen und die Verteidigungsfähigkeit zu steigern?

Ein Blick auf die Details des deutschen Verteidigungshaushalts zeigt, dass ein erheblicher Teil des Budgets für den Kauf von Waffen vorgesehen ist. Welche Waffensysteme sind das, und ist bereits klar, woher sie kommen werden? Ja, weitgehend ist das bekannt. Im Rahmen der Modernisierung der deutschen Streitkräfte wurden für die aus den USA zu beschaffenden F-35-Kampfflugzeuge rund 14 Milliarden Dollar eingeplant, für Patriot-Luftverteidigungssysteme weitere rund 7 Milliarden Dollar. Rechnet man Hubschrauber und Munition hinzu, dürften sich die Zahlungen für US-Produkte insgesamt auf mehr als 35 Milliarden Dollar belaufen.

Konventionelle Waffen statt technologischer Sprung?

Israel steht mit dem Verkauf des Arrow-3-Raketenabwehrsystems im Wert von rund 6,7 Milliarden Dollar an zweiter Stelle in dieser gewaltigen Lieferkette. Der Arrow-3-Vertrag war der größte einzelne Rüstungsexport in der Geschichte des Staates Israel.

Betrachtet man die einzelnen Ausgabenposten, wird deutlich, dass mehr als 35 Prozent des enormen deutschen Verteidigungsbudgets an amerikanische und israelische Unternehmen fließen. Dies wirft trotz des Umfangs der Verteidigungsausgaben die Frage auf, in welchem Maße die daraus resultierenden wirtschaftlichen Effekte tatsächlich in Deutschland verbleiben. Anders gesagt: Das Budget wächst, aber es ist noch nicht klar, wie viel davon tatsächlich die deutsche Industrie, deutsche Hersteller und die technologische Leistungsfähigkeit Deutschlands stärkt.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass ein erheblicher Teil des Budgets vor allem in traditionelle Verteidigungsgüter fließt. Ein Regierungsinsider äußerte die Sorge, das Verteidigungsministerium gebe „eine riesige Menge Geld“ für konventionelle Waffen wie gepanzerte Fahrzeuge und Kampfflugzeuge aus.

Rüstungsboom als Ausweg für die Industrie?

In Deutschland zeigt sich zudem, dass viele Unternehmen angesichts der Abschwächung der Automobilproduktion ihre bestehende Infrastruktur für die Verteidigungsindustrie nutzen wollen. Zahlreiche Firmen suchen daher nach Möglichkeiten, in die Rüstungsindustrie einzusteigen. Vor allem die Schwäche traditioneller Produktionssektoren macht die Verteidigungsindustrie zu einem neuen Ausweg. Doch auch hier gibt es ein wesentliches Problem: Ein sehr großer Teil des für die Verteidigung bereitgestellten Budgets fließt nur an bestimmte Großunternehmen.

Dabei geht der allgemeine Trend in der Verteidigungsindustrie in jüngster Zeit eher in Richtung Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen. Denn die innovativsten Technologien kommen heute oft nicht mehr von etablierten Großkonzernen, sondern von Start-ups und flexiblen Technologieunternehmen. Dennoch fließt in Deutschland nur ein sehr kleiner Teil dieses großen staatlichen Budgets an KMU und Start-ups. Nach Einschätzung von Moritz Schularick, dem Präsidenten des Kiel Instituts, sind seit 2022 mehr als 95 Prozent der deutschen Verteidigungsausgaben in „traditional legacy procurement“ geflossen. So verfügt Rheinmetall allein im Bereich Munition und Modernisierung gepanzerter Fahrzeuge über ein gewaltiges Auftragsvolumen von etwa 30 bis 40 Milliarden Euro, während Airbus für neue Eurofighter-Flugzeuge und Systeme rund 15 Milliarden Euro erhält. In der Marine unterzeichnet TKMS (ThyssenKrupp Marine Systems) Verträge über 5,5 Milliarden Euro für U-Boote der nächsten Generation, und der Elektronikkonzern Hensoldt sammelt Ausschreibungen für Radarsysteme im Wert von mehr als 3 Milliarden Euro ein. Dieses Bild zeigt, dass sich mehr als 70 Prozent der Verteidigungsausgaben direkt auf nur vier oder fünf strategische Unternehmen konzentrieren.

Ein weiteres Problem Deutschlands in diesem Prozess sind die schwerfälligen Beschaffungsverfahren und die träge Bürokratie. Anders gesagt: Das Budget ist vorhanden, aber der Beschaffungsprozess und die operative Einsatzfähigkeit der Systeme bleiben höchst problematisch. In einem 2023 für das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie erstellten Bericht wurde ausdrücklich betont, dass das militärische Beschaffungssystem reformiert und so ausgestaltet werden müsse, dass es Erprobung, schnelle Beschaffung und flexible Entscheidungen ermöglicht. Dem Bericht zufolge sind die bestehenden Beschaffungsregeln weder dem raschen technologischen Wandel noch den Bedingungen hochintensiver Konflikte angemessen.

Auch der Bundesrechnungshof weist auf jahrelange Verzögerungen beim Übergang von der Beschaffung zur tatsächlichen Fähigkeitserzeugung hin. So sind sechzehn Jahre nach der Bestellung der ersten K130-Korvette für die deutsche Marine zwar fünf Korvetten in Dienst gestellt worden, doch ist es von diesen Schiffen noch immer nicht möglich, Drohnen einzusetzen. Dabei gilt diese Fähigkeit inzwischen als grundlegende Notwendigkeit. Dieses Beispiel zeigt deutlich, wie langsam die Beschaffungsprozesse in Deutschland ablaufen und wie schwer es selbst ist, moderne, ja inzwischen standardisierte Technologien in den Prozess der Wiederaufrüstung zu integrieren.

Hinzu kommt, dass auch die Verteilung des Verteidigungsbudgets weit davon entfernt ist, ein wettbewerbsfähiges und innovatives Ökosystem zu schaffen. In Deutschland, Polen und dem Vereinigten Königreich entfallen zwischen 67 und 90 Prozent der gesamten militärischen Beschaffung auf die zehn größten Auftragnehmer.

Deutschlands Aufrüstung mit begrenzter Innovationswirkung

In den USA hingegen liegt der Anteil der zehn größten Auftragnehmer trotz eines insgesamt deutlich höheren Verteidigungshaushalts bei unter 40 Prozent. Dieser Unterschied verweist nicht nur auf die Größe des Budgets, sondern auf strukturelle Unterschiede in der Beschaffungsstrategie.

Ein weiteres Thema ist, wie viel des Verteidigungsbudgets überhaupt für Forschung und Entwicklung aufgewendet wird. Der Unterschied zwischen den USA und Europa zeigt sich nicht nur im Gewicht großer Unternehmen, sondern auch in der Forschungs-, Entwicklungs- und Gründungskapazität. Die öffentlichen Ausgaben für verteidigungsbezogene Forschung und Entwicklung sind in den USA sowohl absolut als auch als Anteil an den gesamten öffentlichen F&E-Ausgaben deutlich höher als in den europäischen Staaten.

Vor diesem Hintergrund erscheint Deutschlands Wiederaufrüstung auf den ersten Blick zwar als tiefgreifender Wandel, doch die Art und Verteilung der Ausgaben zeichnen ein deutlich komplexeres Bild. Ja, Deutschland erhöht seinen Verteidigungshaushalt erheblich. Ja, das Land vollzieht in der Sicherheitspolitik einen historischen Kurswechsel. Doch ein erheblicher Teil dieser Mittel fließt in ausländische Beschaffungen, insbesondere an Unternehmen aus den USA und Israel. Der im Inland verbleibende Anteil verteilt sich wiederum größtenteils auf bestehende Großunternehmen. Deshalb stärkt der Anstieg der Verteidigungsausgaben zwar kurzfristig bestimmte militärische Fähigkeiten, trägt aber bislang nur begrenzt zu einem breit angelegten industriellen Wandel und zum Aufbau eines technologiegetriebenen neuen Verteidigungsökosystems in Deutschland bei.