In Israel sind nach Polizeiangaben dutzende ultraorthodoxe Juden festgenommen worden, nachdem sie das Anwesen des Vizepräsidenten des Obersten Gerichts gestürmt hatten. Die Protestler hätten „Ruhestörung begangen und das Haus und Eigentum“ des Richters Noam Sohlberg beschädigt, teilte die israelische Polizei am Donnerstag mit. Hintergrund des Vorfalls ist der Streit um die Wehrpflicht für ultraorthodoxe Juden.
Die Polizei wurde ihren Angaben zufolge am Mittwochabend zum Anwesen des Richters in der Siedlung Allon Schewut im besetzten Westjordanland gerufen. Die Polizisten hätten dort dutzende Verdächtige festgenommen. Sie seien zur Vernehmung abgeführt worden.
Bilder israelischer Medien zeigten zerbrochene Fenster und zerstörte Blumentöpfe am Eingang des Hauses sowie ein Auto mit einer eingeschlagenen Scheibe. Sichtlich erschüttert von dem Vorfall sagte Sohlbergs Frau Meira Sohlberg Reportern, dass sie und ihr Mann Kinder von Holocaust-Überlebenden seien. „Wie kann es sein, dass Juden einander so etwas antun?“ fragte sie.
Die Polizei erklärte: „Das Recht auf Protest darf nicht in Gewalt, Sachbeschädigung oder in Angriffe auf Amtsträger ausarten.“
Ultraorthodoxe Juden waren in Israel viele Jahre lang von der Wehrpflicht befreit. Das Oberste Gericht hob dann 2024 diese Ausnahmeregelung auf. In der Folge nahm die Polizei zuletzt verstärkt ultraorthodoxe Männer fest, die sich dem Wehrdienst entziehen wollten. Sohlberg plädierte wiederholt dafür, mit harter Hand gegen die Verweigerer vorzugehen.
Hunderttausende israelische Reservisten werden – seit Beginn des israelischen Vernichtungskriegs in Gaza – in dem Küstenstreifen, im Westjordanland und an der Grenze zum Libanon eingesetzt – zunächst entlang der Nordgrenze, seit Anfang Oktober auch mit Bodentruppen für die Invasion im Südlibanon.
Fast 1,3 Millionen Ultraorthodoxe in Israel
Die seit Israels Staatsgründung im Jahr 1948 geltende Ausnahmeregelung sorgt seit Jahren für Streit zwischen den Parteien. In Israel ist der Militärdienst verpflichtend. Männer müssen 32 Monate in der Armee dienen. Frauen werden für zwei Jahre einberufen. Jedoch können ultraorthodoxe Juden, die sich in einer religiösen Jeschiwa-Schule Vollzeit dem Studium der heiligen Schriften widmen, davon befreit werden.
Während die Ausnahmeregelung zur Zeit der Staatsgründung Israels nur rund 400 Jeschiwa-Studenten betraf, wurden auf ihrer Grundlage allein im vergangenen Jahr 66.000 ultraorthodoxe Juden im Alter zwischen 18 und 26 vom Militärdienst befreit. Frauen dieser religiösen Strömung sind automatisch vom Militärdienst ausgeschlossen.
Laut der israelischen Statistikbehörde zählen etwa 13 Prozent der jüdischen Bevölkerung Israels zu den Ultraorthodoxen, den sogenannten Cheredim. Das sind fast 1,3 Millionen Menschen bei einer Gesamtbevölkerung von zehn Millionen israelischen Staatsbürgern. Sie halten sich an eine strenge Auslegung der jüdischen Tradition und leben in Israel und anderswo weitgehend in abgeschiedenen Gemeinschaften.
Bereits im April hatte eine Gruppe ultraorthodoxer Wehrpflichtgegner das Haus des Chefs der israelischen Militärpolizei, Yuval Yamin, gestürmt und sich in seinem Garten verbarrikadiert. Die Regierung verurteilte zwar den Vorfall, doch ist Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zum Machterhalt auf die Unterstützung ultraorthodoxer Parteien angewiesen. Er hat sich immer wieder gegen die Wehrpflicht für Ultraorthodoxe ausgesprochen.























