Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat nach tagelangem Druck von Demonstranten Armeechef Olexander Syrskyj entlassen. Neuer Oberbefehlshaber werde Mychajlo Drapatyj, teilte Selenskyj am Dienstag auf seinem Telegram-Kanal mit.
Der Präsident hatte zunächst trotz Kritik an seinem seit 2024 eingesetzten Oberkommandierenden festgehalten, nachdem er vorige Woche den populären Politiker Mychajlo Fedorow als Verteidigungsminister entlassen hatte. Der erst 35 Jahre alte Fedorow hatte danach seinen Konflikt mit dem noch zu Sowjetzeiten ausgebildeten Syrskyj öffentlich gemacht. Dabei ging es maßgeblich um einen Richtungsstreit in der Kriegsführung. Fedorow stand vor allem für die auch im Westen gelobten Einsätze ukrainischer Drohnen gegen russische Ziele.
Ausdrücklich dankte Selenskyj dem scheidenden General und würdigte seine militärischen Verdienste. Der Präsident hatte angesichts fortdauernder Proteste gegen die Entlassung von Fedorow seit Tagen Gespräche mit Militärs geführt, wie er auf der Plattform X mitteilte.
Neue Position für Fedorow
Schon am Samstag hatte er in seiner täglichen Videoansprache angesichts der Straßenproteste gesagt, dass er darauf höre, was die Leute sagen. Er habe auch lange mit Fedorow und Syrskyj gesprochen, sagte er.
Am Dienstagabend folgte nach Angaben von Selenskyjs Sprecher Dmytro Lytwyn ein weiteres Gespräch mit Fedorow. Dieser solle eine „würdige Position“ bekommen, in der er sich weiter um die technische Entwicklung der Ukraine kümmern könne, kündigte Selenskyj an. Details nannte er nicht.
Demonstrationen gegen Syrskyj und für Fedorow dauerten an
Sechs Tage in Folge demonstrierten in der ukrainischen Hauptstadt Kiew und anderen Städten mehrere Tausend vor allem junge Menschen gegen Fedorows Entlassung. Die Demonstranten forderten seine Wiedereinsetzung. Hauptforderung war dabei aber eine Ablösung von Armeechef Syrskyj. Aus Militärkreisen gab es zugleich auch offene Unterstützung für Syrskyj.
Fedorows Posten als Verteidigungsminister hat am Freitag geschäftsführend der Geheimdienstler Jewhenij Chmara übernommen. Selenskyj muss Chmaras Kandidatur jedoch noch im Parlament einreichen und ihn von den Abgeordneten bestätigen lassen.
Die Ukraine befindet sich seit mehr als vier Jahren im Krieg mit Russland. Syrskyj war seit Februar 2024 Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte. Der aus Russland stammende 60-jährige Berufsmilitär hat sich vor allem bei der Verteidigung von Kiew und der erfolgreichen Gegenoffensive im Raum Charkiw 2022 verdient gemacht.
Fedorow hatte das Verteidigungsministerium seit Januar geleitet. Davor stand er an der Spitze des 2019 geschaffenen Digitalisierungsministeriums.
UNO: Zahl getöteter Zivilisten stark gestiegen
Die Zahl der getöteten Zivilisten im Ukraine-Krieg ist nach Angaben der Vereinten Nationen stark gestiegen. In der ersten Jahreshälfte habe die UN-Menschenrechtsmission in der Ukraine (HRMMU) „1396 zivile Todesopfer und 7978 verletzte Zivilisten dokumentiert“, erklärte deren Leiterin Danielle Bell am Dienstag in Genf. Dies entspreche einem Anstieg von 37 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Das UN-Menschenrechtsbüro verurteilte mehrere Angriffe der vergangenen Tage, bei denen in der gesamten Ukraine und in Russland zivile Opfer zu beklagen waren. „Zivilisten und zivile Infrastruktur stehen unter dem Schutz des humanitären Völkerrechts“ sagte der Sprecher des UN-Menschenrechtsbüros, Thameen Al-Kheetan, Journalisten. „Jeder vorsätzliche Angriff dieser Art ist ein Kriegsverbrechen.“
Allein am Montag waren bei gegenseitigen Angriffen der Ukraine und Russlands mindestens 14 Menschen getötet worden. Aus der russischen Region Belgorod meldeten die Behörden sechs Todesopfer, in der Ukraine wurden laut Behörden mindestens acht Menschen durch mehrere russische Angriffe in verschiedenen Regionen getötet.























