Meinung
WISSEN/TECHNIK
6 Min. Lesezeit
Vom Automobil zur Rüstung: Europas industrielle Kehrtwende und das Schmelzen ethischer Werte
In ganz Europa positionieren sich die Automobilriesen neu, um dem „Geist der Zeit“ gerecht zu werden. Während Sicherheitsbedenken wachsen und die wirtschaftlichen Fundamente bröckeln, erlebt die Industrie ein historisches Déjà-vu.
Vom Automobil zur Rüstung: Europas industrielle Kehrtwende und das Schmelzen ethischer Werte
Vom Automobil zur Rüstung: Europas industrielle Kehrtwende und das Schmelzen ethischer Werte / Foto: DPA / DPA

Deutschlands Automobilindustrie, einst das Rückgrat der größten Volkswirtschaft Europas, befindet sich in einem rasanten Niedergang. Allein im vergangenen Jahr baute der Sektor mehr als 51.000 Arbeitsplätze ab – das entspricht etwa 7 Prozent der gesamten Belegschaft. In Frankreich, einem weiteren Pfeiler der europäischen Automobilwirtschaft, bietet sich ein ähnliches Bild: Der Sektor schrumpft seit Jahren; die Beschäftigung ist seit 2010 um rund ein Drittel gesunken. Eine neue Welle von Werksschließungen und Umstrukturierungen verdeutlicht, dass der Abwärtstrend weiter um sich greift. Der Krieg in der Ukraine, Inflation, Zölle, die globale Instabilität und der verschärfte Wettbewerb aus China haben sich für große Teile der europäischen Industrie als zu große Belastung erwiesen.

In diesem Kontext beginnen die europäischen Automobilhersteller, sich dem Zeitgeist entsprechend neu zu orientieren. Mit zunehmenden Sicherheitsängsten auf dem Kontinent und einer sich wandelnden strategischen Doktrin verschieben sich auch Teile der industriellen Basis. Es ist eine umfassende Transformation, bei der kriselnde Autobauer und Zulieferer die Rüstungsproduktion zunehmend als neuen Horizont begreifen. Nach Deutschland sind ähnliche Tendenzen nun auch in Frankreich und Italien erkennbar. Die Familie Porsche-Piëch, seit Jahrzehnten als treibende Kraft hinter Porsche und Volkswagen bekannt, überraschte viele mit der Ankündigung, in die Verteidigungsindustrie einzusteigen.

Dennoch ist die Umstellung von Automobilwerken auf Rüstungsproduktion nicht so einfach, wie es scheinen mag. Verteidigungsfahrzeuge erfordern völlig andere Lieferketten und Fertigungsprozesse – darunter Panzerstahl, ballistischer Schutz, Waffenintegration sowie die Einhaltung strenger Exportkontrollen und nationaler Sicherheitsauflagen. Auf dem Papier mag der Wechsel geradlinig wirken, in der Praxis erfordert er jedoch ein gänzlich anderes industrielles Ökosystem. Dennoch nimmt die politische und kommerzielle Dynamik hinter diesem Übergang spürbar zu.

Das Ende des „unverzeihlichen Fehlers“

Noch vor kurzem war die Lage eine völlig andere. Für Zulieferer und Erstausrüster (Original Equipment Manufacturers – OEMs) galt die Arbeit für den Verteidigungssektor einst fast als unverzeihlicher Fehler. Jahrzehntelang überwachten die OEMs genauestens, ob ihre Produkte in militärischen Anwendungen Verwendung fanden. Dies war keine nebensächliche Sorge, sondern eine weit verbreitete Sensibilität unter den großen Herstellern weltweit. Eine ähnliche Haltung herrschte in Türkiye vor, die wichtige Zulieferer für einige der größten europäischen OEMs beherbergt. Jahrelang hielten hunderte kompetente türkische Automobilzulieferer Distanz zum Rüstungssektor. Niemand wollte die Kernbeziehung zu den Kunden gefährden.

Heute hat sich dieser langjährige Ansatz ins Gegenteil gewendet. Die Zusammenarbeit mit der Rüstungsindustrie wird nicht mehr kritisch beäugt, sondern im Gegenteil zunehmend gefördert. Ein Branchenexperte erinnerte sich an ein Gespräch mit einem Manager eines deutschen Automobilherstellers, der es unverblümt ausdrückte: „Wir haben diese Praxis – die Politik, nicht mit der Verteidigungsindustrie zusammenzuarbeiten – auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen.“ Jüngste Entwicklungen bestätigen, dass dies keine Übertreibung ist. Viele Unternehmen versuchen nun, einen Anteil an Verteidigungsmitteln zu ergattern und ihre Fabriken entsprechend umzugestalten. Sowohl das Spiel als auch die Spielregeln haben sich geändert.

Die harte Realität der Konversion

Obwohl der Schwenk aus wirtschaftlicher Notwendigkeit erfolgt, verläuft der Prozess der Umstellung von Autowerken auf Rüstungsproduktion keineswegs reibungslos. Der Übergang bringt immense technische und regulatorische Hürden mit sich, wie etwa die Divergenz der Lieferketten, technische Komplexität und behördliche Aufsicht. Militärfahrzeuge benötigen spezialisierte Materialien wie Panzerstahl und ballistischen Schutz. Zudem stellt die Integration fortschrittlicher Waffensysteme und Elektronik eine Herausforderung dar, die eine grundlegende Überholung der Produktionsprozesse erfordert. Darüber hinaus bedeutet der Einstieg in die Verteidigung, sich in einem Umfeld strenger Exportkontrollanforderungen und intensiver nationaler Sicherheitsüberwachung zu bewegen.

Dieser Trend birgt jedoch auch gewisse Risiken, insbesondere mit Blick auf ähnliche Epochen der europäischen Geschichte. Während des Zweiten Weltkriegs stellten die Automobilhersteller die Produktion von Personenwagen ein und widmeten sich stattdessen der Militärlogistik, Panzern, Flugmotoren und der Kriegsmobilität. Volkswagen, Mercedes-Benz, Opel, BMW und die Auto Union dienten der deutschen Kriegsmaschinerie, während Jeep, Ford, GAZ und Renault zum logistischen Rückgrat der Alliierten wurden.

Diese historische Erinnerung ist von Bedeutung, da Militarisierung mehr ist als nur Verteidigung. Rüstungswettläufe verschärfen Rivalitäten, indem sie Staaten dazu ermutigen, die Handlungen des anderen im schlechtmöglichen Licht zu interpretieren: Die Abschreckung des einen Landes wird schnell zur Bedrohung des anderen. Das bedeutet, dass sich auch andere europäische Länder dem Wettrüsten anschließen könnten. Dies ist das klassische Sicherheitsdilemma, das Europa bereits vor 1914 prägte, als militärische Planungen, Bündnisverpflichtungen und industrielle Expansion den Kontinent starrer, misstrauischer und letztlich explosiver machten. In einer solchen Atmosphäre lassen sich selbst begrenzte Krisen schwerer eindämmen. Die Gefahr besteht darin, dass es durch die Neuorganisation von Teilen der Wirtschaft in Richtung Kriegsbereitschaft wahrscheinlicher wird, geopolitische Probleme eher durch militärische als durch politische Lösungen zu betrachten.

Ein historisches Déjà-vu

Gerade Europa sollte dieser neuen Welle der Militarisierung mit weitaus größerer Vorsicht begegnen. Die eigene Geschichte des Kontinents ist zu dunkel, um Aufrüstung als einen normalen industriellen Wandel zu behandeln. Das Wettrüsten vor 1914 verhärtete die Fronten und trug dazu bei, Krisen in Katastrophen zu verwandeln. Der Zusammenbruch der Zwischenkriegsordnung in den 1930er Jahren endete in einem zweiten totalen Krieg. Aufrüstung verursacht nicht automatisch Konflikte, aber sie verschärft das Sicherheitsdilemma. Sie lässt defensive Maßnahmen eines Staates für einen anderen offensiv erscheinen und schafft gleichzeitig innenpolitische Interessen – Unternehmen, Arbeitsplätze, Regionen und Lobbys –, die eher von dauerhafter Spannung als von Deeskalation profitieren.

Zudem liegt im Kern der aktuellen Ambitionen Europas ein praktischer Widerspruch. Brüssel fordert eine stärkere europäische Verteidigungsindustrie, doch die EU räumt selbst ein, dass zwischen dem Beginn der russischen Invasion und Juni 2023, 78 Prozent der Verteidigungsbeschaffungen der Mitgliedstaaten außerhalb der EU getätigt wurden – davon 63 Prozent bei US-Anbietern. Die Europäische Kommission stellt zudem fest, dass es der europäischen Rüstungsindustrie an Größe mangelt und sie fragmentiert bleibt, während wichtige Vorprodukte stark von externen Quellen abhängen: 98 Prozent des EU-Bedarfs an Seltenerdmagneten werden durch chinesische Importe gedeckt, 97 Prozent des Magnesiums kommen aus China, 98 Prozent des Borats aus Türkiye und 71 Prozent der Platingruppenmetalle aus Südafrika. Mit anderen Worten: Europa versucht, eine souveräne militärisch-industrielle Basis auf Lieferketten aufzubauen, die nach wie vor tiefgreifend außereuropäisch sind. Das macht das Projekt nicht nur politisch riskant, sondern auch materiell schwierig.

Aufrüstung mag zwar Resilienz, wirtschaftlichen Aufschwung und eine neue industrielle Zukunft versprechen, aber wenn sie ohne Mäßigung vorangetrieben wird, könnte sie Europa am Ende nicht sicherer machen. Stattdessen könnte es an Konfrontation gewöhnen, abhängiger von einer militarisierten Wirtschaft machen und anfälliger für genau jene Instabilität, der es zu widerstehen vorgibt.