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„Kein 10. Opfer“: Die Warnung, die Deutschland überhörte
„Kein 10. Opfer“ forderten Tausende schon 2006. Doch Behörden und Medien suchten die Schuld im Umfeld der Ermordeten. Der NSU-Komplex zeigt, wie rassistische Denkmuster Aufklärung verhinderten und Vertrauen zerstörten.
„Kein 10. Opfer“: Die Warnung, die Deutschland überhörte
FILES-GERMANY-FARRIGHT-TRIAL-„Kein 10. Opfer“: Die Warnung, die Deutschland überhörte / Foto: AFP

Es ist der 6. Mai 2006. Genau vor einem Monat wurde Halit Yozgat, das neunte Mordopfer des NSU, in seinem Internetcafé am helllichten Tag durch zwei Schüsse ermordet. Seine Familie organisiert aus diesem Anlass einen Schweigemarsch in seiner Heimatstadt Kassel. Die Familie Yozgat kontaktiert ebenso die Angehörigen der weiteren Opfer. Auch sie sollen teilnehmen, um gemeinsam der Opfer zu gedenken, aber auch, um Aufklärung, Solidarität und Gerechtigkeit zu fordern. Es werden an diesem Tag insgesamt rund 4000 Menschen zusammenkommen, hauptsächlich aus den türkischen Gemeinschaften.

Der Trauerzug beginnt nur wenige Meter vom Internetcafé entfernt, am Philipp-Scheidemann-Haus, und bewegt sich hin zum Kasseler Rathausvorplatz. Eine Videoaufnahme der Demonstration dokumentiert dies noch heute anschaulich. Schwarze Fahnen und beschriftete, große schwarze Tücher, die von Anteilnehmenden hochgehalten werden, zieren den Trauermarsch. Ganz am Anfang des Videos lässt sich auf einem dieser Tücher der Satz „Wie viele müssen noch sterben, damit die Täter gefasst werden?“ ablesen, kurz danach ein weiteres mit der Aufschrift „Kein 10. Opfer“. Der Appell an die Behörden ist klar und deutlich. Tut etwas. Das Bisherige genügt nicht. Als sich die Menschenmenge vor dem Kasseler Rathaus zur Kundgebung zusammenfindet, sieht man, wie die Demonstrierenden nebeneinandergereiht auf der Vortreppe des Rathauses Bilder von Halit Yozgat und den acht weiteren Opfern tragen.

Kurze Zeit später meldet sich İsmail Yozgat, Halits Vater, zu Wort. Seine Botschaft wird im Anschluss für das Publikum ins Deutsche übersetzt. Unter anderem sagt er: „Wie viele Hinrichtungen müssen noch vollzogen werden, bis die Täter gefasst werden? Warum wird erst nach neun Morden mit Hochdruck ermittelt? Warum? Sagen Sie’s mir bitte! Sehr geehrtes Innenministerium! Öffnen Sie Ihre Augen, um die bittere Realität zu sehen!“ Kurze Zeit später ergreift Semiya Şimşek das Wort, deren Vater Enver Şimşek knapp sechs Jahre zuvor als erstes Mordopfer des NSU hingerichtet wurde. Sie verdeutlicht das große Leid des Verlusts sowie die sozialen Folgen der Anschuldigungen seitens der Behörden: „Ich bin ohne Vater aufgewachsen, ich habe die ganzen Schmerzen erlebt. Und als Erstes wurde unsere ganze Familie beschuldigt. Wer wird denn jetzt beschuldigt? Wir rufen Sie auf, bitte gucken Sie sich mal um, wie viele Opfer gestorben sind.“ Einige Wochen später, am 11. Juni 2006, ruft die Familie des achten Mordopfers, Mehmet Kubaşık, in Dortmund zu einem Trauer- und Protestmarsch nach Kasseler Vorbild auf.

Die NSU-Selbstenttarnung

Erst rund fünfeinhalb Jahre später, am 4. November 2011, beginnt die Aufdeckung der Taten und Verbrechen des NSU. Durch seine Selbstenttarnung wird der rechtsextreme, terroristische „Nationalsozialistische Untergrund“ der breiten Öffentlichkeit bekannt. Nach einem Banküberfall in Eisenach werden die beiden Kernmitglieder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos dort tot in einem ausgebrannten Wohnmobil gefunden. Am selben Tag setzt Beate Zschäpe den gemeinsamen Unterschlupf des Trios im sächsischen Zwickau in Brand, um Beweise zu vernichten. Nach einer Fahndungsaktion wird sie sich vier Tage später, am 8. November, stellen. In der ausgebrannten Wohnung finden Ermittler die Pistole vom Typ Česká 83, die bei den neun Morden an Männern mit Migrationsgeschichte verwendet worden war, sowie ein rund 15-minütiges, verhöhnendes und rassistisches Propagandavideo, in dem die Täter ihre Taten rühmen. Letztendlich werden dem NSU drei Bombenanschläge, zehn Morde und 15 Raubüberfälle zugeordnet.

Darauf folgen ein großer Aufschrei und Entsetzen in der deutschen Öffentlichkeit. Spitzenpolitikerinnen und Spitzenpolitiker, die Medienlandschaft und involvierte Behörden zeigen sich schockiert. Für viele Angehörige der Opfer und ihre Unterstützer kommt der rassistische Hintergrund hingegen nicht überraschend. Sie hatten schon lange vermutet, was die Institutionen nicht wahrhaben wollten: Das Motiv hinter den Taten ist Rassismus und unverhohlener Fremdenhass. Wie İsmail Yozgat im Laufe des NSU-Prozesses vor dem Oberlandesgericht München aussagen wird: „Ich habe den Polizisten gesagt, dass die Mörder meines Sohnes Ausländerfeinde oder Türkenfeinde waren. Sie glaubten uns aber nicht.“ Doch statt auf Gehör zu stoßen, kamen Beschuldigungen. „Weitere Straftaten wurden uns vorgeworfen. Sie sagten über uns, ihr Sohn Halit wurde erschossen, weil sie krumme Geschäfte betrieben haben. Auch die Zeitungen schrieben das Gleiche“, so der Vater.

Anstatt Aufklärung, Erlösung und eines würdevollen Raums zur Trauer folgten für die Angehörigen und Betroffenen Anschuldigungen, soziale Isolierung, Traumatisierung und Stigmatisierung. Doch wie konnte es dazu kommen?

Wie die Ermittler die Angehörigen zu Verdächtigen machten

Wie nicht nur die Aussagen von Angehörigen wie Halit Yozgats Vater, sondern auch von involvierten Polizeibeamten und Staatsanwälten zeigen, gab es schon früh Anhaltspunkte für die Behörden, in unterschiedliche Richtungen zu ermitteln. Ein zugrunde liegendes rechtsextremes und fremdenfeindliches Motiv der Taten wurde dabei nur unzureichend verfolgt.

Wie aus dem Bericht des NSU-Untersuchungsausschusses des Deutschen Bundestages hervorgeht, ermittelten die Polizeibehörden stattdessen wiederholt und einseitig in die falsche Richtung. Über weite Strecken dominierte über Ermittlungseinheiten hinweg die sogenannte „Organisationshypothese“, gemäß der die Täter im Umfeld der Opfer im Rahmen organisierter Kriminalität zu finden seien. Beispielsweise wurden Verbindungen der Opfer und Angehörigen zur Rauschgiftkriminalität oder Schutzgelderpressung gemutmaßt sowie Spielschulden oder Beziehungstaten vermutet. Die Angehörigen der Mordopfer wurden teils mehrfach und über Jahre hinweg vernommen, in manchen Fällen durch Telekommunikationsüberwachung oder verdeckte Ermittler überwacht. Auch zweifelhafte Ermittlungsmethoden fanden Anwendung. Beispielsweise wurden manchen Töchtern und Ehefrauen der Opfer vermeintliche außereheliche Affären oder Parallelfamilien vorgetäuscht, um einer Ermittlungshypothese nachzugehen. Für die Betroffenen bedeutete dies häufig eine Verstärkung ihres Traumas oder eine Retraumatisierung sowie Stigmatisierung.

Eine wesentliche treibende Kraft hinter diesem Behördenversagen, der wiederholten Fehleinschätzung der Beweislage sowie der ungenügenden Offenheit gegenüber alternativen Ermittlungshypothesen lässt sich in strukturellem oder institutionellem Rassismus finden. Damit ist nicht allein das Fehlverhalten einzelner, bewusst rassistisch handelnder Beamter gemeint, sondern auch unbewusste, routinisierte Verhaltens- und Denkweisen in der behördlichen Arbeit gegenüber Personen mit Migrationsgeschichte. Dies zeigt sich in rassistischen Vorannahmen der Ermittler, wie sie beispielsweise in der dritten „Operativen Fallanalyse“ des LKA Baden-Württemberg zum Ausdruck kommen: „Vor dem Hintergrund, dass die Tötung von Menschen in unserem Kulturraum mit einem hohen Tabu belegt ist, ist abzuleiten, dass der Täter hinsichtlich seines Verhaltenssystems weit außerhalb des hiesigen Normen- und Wertesystems verortet ist.“ Auch ethnisierende Zuschreibungen bei der Benennung von Ermittlungseinheiten wie Soko „Halbmond“ oder BAO „Bosporus“ sowie Zeugenaussagen von Kriminalbeamten im Laufe der Arbeit des Untersuchungsausschusses weisen auf diese Denkmuster hin.

Die „Bombe nach der Bombe“

Auch die Medien trugen neben den Kriminalbehörden durch ihre voreingenommene Berichterstattung erheblich zur Täter-Opfer-Umkehr, zu Unterstellungen und zur Stigmatisierung bei.

Die Medienberichterstattung wiederholte dabei die latent rassistischen Verhaltens- und Denkmuster der Kriminalbehörden. Insbesondere der vielfach von den Medien aufgegriffene Begriff „Döner-Morde“, der 2012 zum Unwort des Jahres 2011 gewählt wurde, spiegelt dies wider. Wenig überraschend übt eine systematische Mediendiskursanalyse im Auftrag der Otto Brenner Stiftung über die Berichterstattung zur NSU-Mordserie harsche Kritik. So seien polizeiliche Angaben und Deutungsmuster unkritisch übernommen worden. Die Stimmen von Angehörigen der Opfer fanden hingegen nur selten Gehör und Raum in der Recherche und Berichterstattung. Die Darstellung ihres Leids trat dabei häufig hinter Zuschreibungen zurück, die sie als Teil einer „Parallelgesellschaft“ oder eines „kriminellen Ausländermilieus“ behandelten. In einer Art „Schwarmverhalten“ hätten Medienhäuser Begriffe und unzureichend begründete Deutungen als Tatsachenbehauptungen übernommen, was zur Ausgrenzung und Diskriminierung der Opfer beitrug.

Die rassistischen Ermittlungen, die Verdächtigungen und die fehlende Solidarität werden von Betroffenen des Nagelbombenanschlags in der Kölner Keupstraße passend als die „Bombe nach der Bombe“ bezeichnet.

Aufarbeitung ohne Schlussstrich

Mittlerweile sind, abgesehen von Beate Zschäpe, alle im Münchner NSU-Prozess Verurteilten wieder auf freiem Fuß. Doch mit den Urteilen, zahlreichen Untersuchungsausschüssen und Empfehlungen ist die Aufarbeitung nicht abgeschlossen. Fragen zum Unterstützernetzwerk und zur Rolle der Sicherheitsbehörden bleiben offen. Auch eine 2025 veröffentlichte Studie des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft zeigt trotz Fortschritten erhebliche Defizite, etwa im Umgang mit Betroffenen rassistischer Gewalt und in der behördlichen Aus- und Weiterbildung. Was bleibt, ist beschädigtes Vertrauen in staatliche Institutionen. Der Kampf der Opfer und Angehörigen um die Erinnerungskultur und die vollständige Aufklärung des NSU-Komplexes geht weiter.