Schicksalswahl für Europa: Frankreich wählt neuen Präsidenten
Bis kürzlich hatten viele Franzosen mit einer mühelosen Wiederwahl von Präsident Macron gerechnet. Die rechtsextreme Konkurrentin Le Pen hat jedoch in den Umfragen stark aufgeholt. Es könnte ein Kopf-an-Kopf-Rennen geben.
08.04.2022, Frankreich, Anglet: Ein Mann geht an Wahlplakaten des französischen Präsidenten Macron und der Präsidentschaftskandidatin der rechtsextremen Partei Rassemblement National (RN), Le Pen, im Südwesten Frankreichs vorbei. Die Präsidentschaftswahlen werden in zwei Runden am 10. und 24. April 2022 stattfinden. (DPA)

Regiert in Frankreich fünf weitere Jahre Emmanuel Macron oder gibt es einen Umbruch - nach einem Wahlkampf im Schatten des Ukraine-Kriegs hat am Sonntag die erste Runde der französischen Präsidentschaftswahl begonnen. Am Morgen um 8.00 Uhr öffneten die Wahllokale, nachdem in einigen französischen Überseegebieten wegen der Zeitverschiebung bereits am Samstag abgestimmt wurde. Im Anlauf zur Wahl sah es erst nach einem Durchmarsch des Mitte-Politikers Macron in die Stichwahl mit Abstand vor allen Mitbewerbern aus. Nun ist ihm seine Hauptkonkurrentin, die Populistin Marine Le Pen, in Umfragen gefährlich nahe gerückt. Das sagt zwar noch nichts über den letztendlichen Ausgang der Abstimmung in der Stichwahl in zwei Wochen. Aber in Berlin, Brüssel und der Wirtschaftswelt möchte man sich nicht ausmalen, dass eine rechtsextreme Nationalistin das Ruder im wichtigen Partnerland übernimmt. Macron rechnete mit entspanntem Wahlkampf Der 44-jährige Macron, der 2017 als politischer Jungstar Frankreich verzauberte und im Senkrechtstart in den Élyséepalast einzog, nahm trotz durchaus heftigen Gegenwinds, etwa von „Gelbwesten“ oder Impfgegnern, entspannt Anlauf auf eine zweite Amtszeit. Die übrigen politischen Lager schickten niemanden ins Rennen, der ihm von Profil oder Programm gleich gefährlich wurde. Lange - und wie sich nun zeigt zu lange - zögerte Macron die Ankündigung seiner Kandidatur hinaus, beließ es bei wenigen Wahlkampfauftritten und setzte kaum inhaltliche Akzente. Zwar gab ihm sein diplomatisches Bemühen im Ukraine-Konflikt in den Umfragen Auftrieb. Seine Prozente bröckelten aber mit Dauer des Kriegs und dem Spürbarwerden der wirtschaftlichen Folgen. Seine größten Stärken dürften derzeit die Schwäche seiner meisten Gegner und das Versprechen von Stabilität sein. Dabei hat er auch klare Erfolge am Arbeitsmarkt sowie einen robusten Durchstart der französischen Wirtschaft nach der Corona-Krise vorzuweisen. Rechtsextremistin Le Pen Macrons größte Herausfordererin Unterdessen war die 53-jährige rechtsextreme Langzeitpolitikerin Le Pen vom Rassemblement National schon lange vor der Wahl um ein gemäßigteres Auftreten bemüht, und trieb so die „Entteufelung“ der von ihrem Vater gegründeten rechtsextremistisch verorteten Partei voran. Ihr Ziel dabei war, auch für Schichten in der Mitte wählbar zu werden. Dabei spielte ihr der noch extremere Politikneuling Éric Zemmour in die Karten, der sie zunächst in Umfragen überrundete. Während Zemmour mit zunehmend radikalem Gebaren verstörte, präsentierte sich Le Pen gleichsam zur wählbaren Alternative. Und während dieser weiter über Migration redete, schwenkte Le Pen in der Krise instinktiv auf das drängende Thema Kaufkraft um - ein Volltreffer. Der Wahlkampf, bis dahin leidenschaftslos geführt und von vielen Französinnen und Franzosen kaum beachtet, fokussiert nun seit Wochen auf die Fragen, wie der Benzinpreis etwas gesenkt werden kann, die Kosten für Strom und Gas reguliert werden und die Bevölkerung nach immer teurer werdenden Einkäufen überhaupt noch Geld im Portemonnaie behält. Bereits getroffenen Maßnahmen der Regierung Macron setzt Le Pen simple Forderungen nach Steuersenkungen auf Energie und Preiserleichterungen für Grundprodukte im Bereich Ernährung und Hygiene entgegen. Der einzig weitere Bewerber, der in dieser Krisenlage mit sozialpolitischen Forderungen in den Umfragen nach oben zog, war Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon. Anders als bei der Bundestagswahl in Deutschland keine prägende Rolle spielte im französischen Wahlkampf - außer für die mit rund fünf Prozent schwachen Grünen - die Klimakrise. Stichwahl am 24. April wahrscheinlichster Ausgang Sollte nicht ein Kandidat einen überraschenden Siegeszug mit absoluter Mehrheit hinlegen, entscheidet sich erst in der Stichwahl am 24. April, wer künftig Frankreichs höchstes Staatsamt ausführt. Für Macron und Le Pen wäre es das zweite Mal, dass sie in einer Stichwahl aufeinander treffen. Nach den Umfragen dürfte das Ergebnis jedoch deutlich knapper ausfallen. Je nach Umfrage lagen die beiden zuletzt zwischen drei und sechs Punkten auseinander. Die Meinungsforscher rechnen mit einer Wahlbeteiligung von 73 Prozent, fünf Punkten weniger als 2017. Die Stichwahl würde am 24. April stattfinden. Klar ist aber, dass sowohl der Ampel-Koalition in Berlin als auch der EU in Brüssel viel an Kontinuität in Frankreich gelegen ist. Was die deutsch-französische Achse angeht, agieren Macron und Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) seit Kurzem als neues Tandem, im Moment noch mit Macron als dem erfahreneren Akteur. Und auf EU-Ebene hat Macron sich, nicht nur in der Ukraine-Diplomatie, als treibende Kraft zu profilieren versucht. Eine euroskeptische Populistin mitten in einer krisengeplagten Lage, bei der es auf Zusammenhalt und Kooperation ankommt, ist für kaum jemanden eine willkommene Alternative.

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