Oppositionsgruppen versuchen seit Donnerstagmorgen, die im Februar vom syrischen Regime eingenommenen Siedlungen in der südlichen Provinz Idlib zurückzuerobern.

Inzwischen konnten sie nach heftigen Zusammenstößen, wie lokale Quellen berichten, die Siedlung Neirab einnehmen. Das Dorf an der strategisch bedeutsamen Autobahn M4 liegt etwa zehn Kilometer südöstlich des Stadtzentrums von Idlib und sechs Kilometer westlich der Stadt Sarakeb. Die Kleinstadt wird gerne als Tor nach Idlib beschrieben und ist deshalb bei der Verteidigung der Region militärisch entscheidend.

Während indirektes Gefechtsfeuer mithilfe von Artillerie auf Regimekräfte gerichtet wurde, vermochten Oppositionstruppen militärisch vorzurücken. Sie setzten einen Panzer und ein gepanzertes Fahrzeug der Assad-Loyalisten außer Gefecht. Außerdem konnte ein Regime-Panzer unbeschädigt beschlagnahmt werden.

Erneuter Angriff auf türkische Soldaten

Im Tagesverlauf gab das türkische Verteidigungsministerium den Verlust von zwei türkischen Soldaten bei einem Luftangriff des Regimes in Idlib bekannt. Fünf weitere wurden demnach verwundet. Das Ministerium fügte hinzu, dass „mehr als 50 Elemente des Regimes, fünf Panzer, zwei gepanzerte Fahrzeuge, zwei bewaffnete Pickups und eine Haubitze“ zerstört wurden.

Die Streitkräfte des Regimes von Diktator Baschar al-Assad hatten Sarakeb am 7. Februar überrannt, nachdem sie am 3. Februar in Nairab eingedrungen waren. Die Rückeroberung von Sarakeb würde mit einer erheblichen Schwächung der Regimetruppen eingehen. Für Assad ist die Autobahn M4 eine Art Lebensader. Sie verbindet beispielsweise die wichtige Hafenstadt Latakia, die unter der Kontrolle des Regimes steht, mit der irakischen Grenze. Während die M5 Autobahn, die ebenfalls durch Sarakeb verläuft, das ehemalige syrische Wirtschaftszentrum Aleppo mit den zentralen Städten Hama und Homs, der Hauptstadt Damaskus und schließlich Jordanien verbindet.

Das russische Verteidigungsministerium gab am Donnerstag eine eigene Erklärung ab, in der es hieß, dass Oppositionsgruppen die Linien der syrischen Regimekräfte in zwei Gebieten der Provinz Idlib durchbrochen hätten. Das Ministerium fügte hinzu, dass die Türkei die Oppositionsgruppen mit Artillerie unterstütze.

In diesem Zusammenhang bestätigte der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar im Interview mit einem lokalen Nachrichtensender die Unterstützung für die gemäßigte Opposition in Syrien. Er unterstrich, dass die türkische Präsenz in Idlib im Einklang mit der Absichtserklärung von Astana stehe, die „uns das Recht auf Gewaltanwendung gibt“.

Washington kritisiert Russland im UN-Sicherheitsrat

Die USA würden weiterhin ihre Aktivitäten mit der Türkei in Idlib koordinieren, unterstrich Washingtons Gesandter bei den Vereinten Nationen, Kelly Craft, am Mittwoch.

In seiner Rede bei der Sitzung des UN-Sicherheitsrates in New York sagte Craft mit Blick auf Idlib, Washington lehne Erklärungen russischer Beamter ab, die „die Türkei fälschlicherweise für die Eskalation der Gewalt verantwortlich machen, eindeutig ab“.

„Die Vereinigten Staaten werden sich weiterhin mit der Türkei über diplomatische Ansätze koordinieren, um einen Waffenstillstand in der Deeskalationszone Idlib wiederherzustellen und einen Rückzug der Streitkräfte des Assad-Regimes zu erreichen“, sagte Craft. „Es besteht kein Zweifel, dass das Assad-Regime und Russland, nicht die Türkei, für die Orchestrierung und Durchführung dieser militärischen Offensive verantwortlich sind.“

Darüber hinaus forderten die Gesandten Großbritanniens und Deutschlands zusammen mit den USA ein Ende der Angriffe des syrischen Regimes auf die Beobachtungsposten der Türkei in Idlib.

Assad-Regime bricht Waffenstillstand

Im September 2018 hatten die Türkei und Russland vereinbart, die Provinz Idlib in eine Deeskalationszone zu verwandeln, in der Aggressionen ausdrücklich verboten sind. Der Waffenstillstand wurde aber immer wieder gebrochen.

Seitdem wurden mehr als 1.800 Zivilisten bei Angriffen des Regimes und der russischen Luftstreitkräfte getötet. So wurden sowohl der Waffenstillstand von 2018 als auch ein neuer, der am 12. Januar begann, systematisch missachtet.

Um den Waffenstillstand zu beobachten, richtete die Türkei zwölf Beobachtungsposten auf syrischem Territorium ein, die gemäß dem Abkommen von Sotschi Teil der Deeskalationsvereinbarung sind. Die Spannungen in der Region eskalierten, nachdem bei verschiedenen Angriffen des syrischen Regimes in Idlib 12 türkische Soldaten, die der Anti-Terror- und Friedensmission angehörten, getötet wurden.

Die Offensive des Assad-Regimes zwang mehr als 1,7 Millionen Zivilisten in Richtung der Grenze zur Türkei zu fliehen. Die Türkei beherbergt bereits laut UN-Angaben mehr als 3,7 Millionen Syrer – mehr als jedes andere Land. Die Türkei will daher eine weitere Flüchtlingswelle vermeiden. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan warnte wiederholt, dass die Kapazitäten der Türkei für die Aufnahme neuer Flüchtlinge erschöpft seien.


TRT Deutsch