Symbolbild: Euro (DPA)
Folgen

In den letzten Monaten leidet die Wirtschaft in Deutschland sehr. Inflationsrate und Energiepreise im Land steigen stetig, und seit dem Krieg in der Ukraine hat sich die Lage weiter verschärft. Politiker und Wirtschaftsexperten versuchen eine Antwort auf diese historische Aufgabe zu finden. Auf der anderen Seite hat ein beständiger Anteil der deutschen Bevölkerung Angst um seine Existenz.

Die Inflationsrate in Deutschland hat mit 7,3 Prozent den höchsten Stand seit vierzig Jahren erreicht. Dieses Ergebnis hat, trotz erwarteter Steigung der Inflation, die meisten Ökonomen überrascht. Der Russland-Ukraine-Krieg hat die ohnehin steigenden Energiepreise noch weiter erhöht und somit auch die Inflation beeinflusst. Die Verbraucherpreise stiegen im März 2022 um 7,3 Prozent im Vergleich zum März 2021. Lag die Teuerungsrate im Januar noch bei 4,9 Prozent und im Februar bei 5,1 Prozent, ist mit der jetzigen Teuerungsrate von 7,3 Prozent ein deutlicher Anstieg zu erkennen. Für das Jahr 2022 erwartet der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Wirtschaftsweisen) eine Rekordinflation von 6,1 Prozent. Das wäre der höchste Wert seit der Wiedervereinigung. Zum Vergleich: Letztes Jahr betrug die Inflation 3,1 Prozent. Nun diskutiert die Koalitionsregierung, inwiefern sie ihre Russlandpolitik weiter fortführen soll. Deutschlands Russlandpolitik wird sich nämlich maßgeblich auch auf die Wirtschaft auswirken, vor allem im Energiebereich.

Uneinigkeit unter den Ökonomen

Nicht nur Deutschland hat mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, sondern der ganze Euroraum ist sehr stark von den Folgen des Russland-Ukraine-Kriegs betroffen. Michael Heise, Chefvolkswirt der HQ Trust, beschreibt die Situation wie folgt: „Für die europäische Geldpolitik wird die Situation von Woche zu Woche schwieriger. Die hohe Inflation und weitere Störungen der Produktionsabläufe drohen das Wirtschaftswachstum auf den Nullpunkt abzubremsen.“

Die sogenannten „Wirtschaftsweisen“, welche die Bundesregierung bei wirtschaftlichen Fragen beraten, haben ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum des deutschen Bruttoinlandprodukts auf 1,8 Prozent für das Jahr 2022 festgelegt und damit die Erwartungen deutlich gesenkt. Weitere Ökonomen warnen vor einem kompletten Importstopp russischer Energie, da sonst die Inflation auf bis zu 10 Prozent steigen könnte. Der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, behauptet: „Manche Unternehmen würden ihre Produktion wohl einstellen müssen und mehr Menschen in Kurzarbeit schicken.“

Andere Ökonomen behaupten wiederum, ein Importstopp aus Russland sei durchaus möglich. Für die deutsche Wirtschaft würde dies eine große Herausforderung bedeuten, aber nicht unmöglich sein. Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm wies darauf hin, dass die Bundesregierung nicht nur die wirtschaftlichen Entwicklungen beachten, sondern auch moralische und ethische Werte heranziehen sollte. Grimm kritisiert Bundeskanzler Olaf Scholz, der den Vorschlag der Ökonomin, den Import aus Russland zu stoppen, abgelehnt hatte. Scholz kritisiert den Vorschlag, indem er argumentiert, dass nur eine begrenzte Gasmenge auf dem Weltmarkt zu Verfügung stehe und ein Importstopp von Gas unverantwortlich sei, da dieses Gas auch nicht mehr in andere Regionen gelangen könne.

Die Bundesbank warnt, bei einer Zuspitzung der Krise zwischen Deutschland und Russland werde die deutsche Wirtschaft in eine Rezession stürzen. Im Monatsbericht der Notenbank steht, das Bruttoinlandprodukt gehe im Vergleich zum letzten Jahr um 2 Prozent zurück. Aufgrund der fehlenden Diversifizierung des deutschen Energieimports werde es bei einem Gaslieferungsstopp aus Russland zu Engpässen in der deutschen Logistik kommen. Insbesondere die Inflationsrate werde in den Folgejahren ähnlich hoch sein, wenn nicht sogar höher. Erst ab 2024 könne man wieder mit einem Abflachen der Inflationsrate in der deutschen Wirtschaft rechnen, falls das Szenario zwischen Deutschland und Russland wirklich eintreten sollte.

Auch sollten die deutsch-russischen Handelsbeziehungen unter die Lupe genommen werden. Laut Statistischem Bundesamt belegte Russland noch im Februar den fünften Platz unter den Ländern, in die Deutschland exportiert. Im März, also nach Beginn des Krieges, rutschte Russland auf Platz zwölf ab. Die deutschen Exporte seien demnach um 57,5 Prozent (im Wert von 1,1 Milliarden Euro) gefallen. Im Gegensatz dazu stiegen aber die Exporte (insgesamt 13 Milliarden Euro) zum Erstplatzierten USA um 21 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Mit Blick auf diese Werte erkennt man, wie stark politische Entwicklungen auch die Handelsbeziehungen zwischen den Staaten beeinflussen. Es findet neben der politischen Einstellung auch eine Achsenverschiebung in Wirtschaft und Handel statt.

Deutsche Bevölkerung leidet

Laut einer YouGov-Umfrage, die im März durchgeführt wurde, können 15,2 Prozent der deutschen Bevölkerung ihre Lebensunterhaltskosten nicht mehr selbst bestreiten. Dabei gaben die Befragten auch an, ihre Lage sei zurzeit existenzbedrohend. Im Januar betrug dieser Wert noch 11 Prozent. 23,6 Prozent der Menschen mit einem Nettoeinkommen von mindestens 2500 Euro gaben an, sie seien nicht mehr in der Lage, ihre Fixkosten zu bestreiten, da die Preise unverhältnismäßig zu den Löhnen steigen. Im Januar lag dieser Wert noch bei 17 Prozent.

Die Koalitionsregierung hatte ein Entlastungspaket angekündigt, um die steigenden Preise ausgleichen zu können. Die Ampel-Koalition beschloss unter anderem, die Energiesteuer für drei Monate zu senken, um Benzin und Diesel günstiger zu machen. Zudem erhalten Arbeitnehmer einmalig 300 Euro Energiezuschuss auf ihr Bruttogehalt und Familien pro Kind 100 Euro Bonus auf den Kinderfreibetrag. Das für den Monat Februar beschlossene Entlastungspaket kostet den deutschen Staat 16 Milliarden Euro. Laut der YouGov-Umfrage sind 53,4 Prozent der Befragten nach eigenen Angaben sehr beunruhigt wegen der steigenden Preise für Waren und Dienstleistungen. Vor drei Monaten lag dieser Wert noch bei 44 Prozent. 61,3 Prozent wünschen sich daher weitere Unterstützung vom Staat. Nach ihrer Ansicht reicht das Entlastungspaket der Bundesregierung nicht aus, um die Folgen der Inflation abzufedern.

Ungewisse Zukunft

Der Russland-Ukraine-Krieg hat die deutsche Wirtschaft massiv geschädigt. Noch sind die Stimmen aufgrund der aktuellen wirtschaftlichen Lage nicht so laut. Immer noch dominiert der Russland-Ukraine-Krieg den politischen Diskurs. Bundesfinanzminister Christian Lindner warnt aber jetzt schon, Deutschland stehe eine harte Zeit bevor: „Der Ukraine-Krieg macht uns alle ärmer. Ich habe ernsthafte Sorgen um die wirtschaftliche Entwicklung. Das Wachstum geht zurück, die Preise steigen. Langfristig werden wir neue Grundlagen für Wohlstand legen müssen. Deutschland muss sein Wachstumsmodell einer sozialen und ökologischen Marktwirtschaft erneuern.“

Die Aussagen von Bundesfinanzminister Lindner, die Prognosen der Ökonomen und der Bundesbank sowie die Umfragewerte unter der deutschen Bevölkerung zeigen, dass Deutschland vor einer ungewissen Zukunft steht. Die deutsche Bevölkerung war in den Jahren bis zum Ausbruch der Pandemie ansonsten vom starken Wirtschaftswachstum immer nahezu verwöhnt worden. Während Deutschland die Pandemie noch sehr souverän managen konnte, zeigt der Russland-Ukraine-Krieg auch der deutschen Wirtschaft ihre Grenzen auf. Die Zukunft wird zeigen, inwiefern sich die Entwicklungen in der deutschen Wirtschaft auch auf die deutsche Politik auswirken werden.

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