Wer Heiko Grauel bei der Arbeit beobachtet, merkt schnell, wie viel Geduld dafür nötig ist.

„Achtung“ sagt er ins Mikrofon. Und noch einmal: „Achtung, Achtung“. Mehr als 14 000 einzelne Zeilen hat der 45-Jährige eingesprochen, insgesamt 60 Stunden lang, in der Aufnahmekabine eines Frankfurter Tonstudios. Sein Auftraggeber: die Deutsche Bahn. Denn der Sprecher aus Dreieich im Landkreis Offenbach ist die neue Stimme des Unternehmens zur Information der Fahrgäste.

Wann er an allen rund 5700 Bahnhöfen bundesweit zu hören sein wird, steht noch nicht fest. Die neuen Ansagen sollen nach und nach ausgerollt werden; noch in diesem Jahr wird es im Rhein-Main-Gebiet soweit sein. In Wolfsburg laufen erste Routinedurchsagen, als nächste Etappe ist Stuttgart festgelegt.

„Ich bin mal sehr gespannt, wie es klingen wird“, sagt der neue Bahnansager, der seit circa 25 Jahren als professioneller, selbständiger Sprecher arbeitet. Unter anderem ist er zu hören in Fernseh-Dokus, Werbung und auf Hörbüchern.

„Radiostudios oder Fernsehstudios haben es mir schon als Kind angetan, die Technik und dann die coolen Typen am Mikrofon“, erzählt der gebürtige Hanauer. „Ich habe schon mit acht Jahren den Plattenspieler und ein Mikrofon von meinem Vater genommen und Tonstudio gespielt.“ Nach dem Abitur folgte ein Praktikum beim Radio in Aschaffenburg, wo er schon nach wenigen Wochen ans Mikrofon durfte.

Nur sein „leichter hessischer Einschlag“ störte andere Auftraggeber. Es folgte Sprechtraining mit täglichem Üben.

Das Einsprechen für die Bahn sei herausfordernd gewesen, da er immer die gleiche Betonung beibehalten musste, sagt Grauel. Auch eher ungewöhnliche Sätze wie „Die restlichen Kräuter grob abzupfen“ waren dabei. Hintergrund ist eine neue Technik, die einzelne Silben extrahiert, um daraus beliebig verschiedene Wörter formen zu können. Anders sei es bei Dokumentationen oder Hörbüchern. „Da kann man auch mal etwas spielen“, sagt der 45-Jährige.

Eingefleischter Bahn-Fan ist er nicht, zieht das Auto vor, wenn es so schneller geht. Zugleich fährt Grauel auf längeren Strecken gerne Zug, um sich die langwierigen Sicherheitskontrollen am Flughafen zu sparen. Seiner Arbeit kann er allerdings überwiegend zu Hause im eigenen Studio in Dreieich nachgehen.

Ob er auch privat auf seine tiefe und angenehme Stimme angesprochen wird? Die Fanpost komme jetzt nicht in Wäschekörben, sagt Grauel. Doch es gebe schon positive Rückmeldungen. So habe ihm ein Hörer berichtet, er habe ein Hörbuch während der Fahrt so genossen, dass er die Ausfahrt verpasst habe.

Dass seine Stimme künftig auch mit negativen Nachrichten wie ausfallenden Zügen und Verspätungen in Verbindung stehen wird, sieht der 45-Jährige gelassen. Er hoffe, dass „in einer sympathischen Art und Weise“ den Reisenden mit Informationen über Anschlusszüge und andere Lösungen weitergeholfen werden könne, sagt er knapp dazu.

DPA