Der Einkauf per Korb am Seil ist eine türkische Sitte. 

Andere Länder, andere Umgangsformen mit dem Coronavirus. Die Pandemie hat in der Türkei eine verloren geglaubte Sitte, den Einkauf mit dem Korb aus dem Fenster, wiederbelebt.

Die Praxis ist simpel und dennoch effektiv: „Ein Kilo Bananen, bitte!“, ruft die 83-jährige Yüksel von ihrem Fenster im vierten Stock zum kleinen Lebensmittelgeschäft an der Ecke ihrer Istanbuler Straße, bevor sie ihren Korb an einem Seil herunterhängt. Der Lebensmittelhändler wiegt die Bananen, packt sie in eine Tüte, legt sie in den Korb, nimmt das Geld und ruft zu seiner wartenden Kundin: „Zieh!“ Der Korb mit dem gekauften Lebensmittel ist binnen weniger Sekunden oben, ohne dass die ältere Dame das Haus verlassen musste. Eine praktische Maßnahme in Zeiten von Social Distancing.

Die jahrhundertealte Praxis, die auch früher auf den Straßen Istanbuls ein vertrauter Anblick war, hat an Bedeutung gewonnen, nachdem die türkische Regierung am Sonntag im Rahmen der Coronavirus-Bekämpfung bekannt gegeben hat, dass Menschen über 65 Jahre zum Selbstschutz zuhause bleiben sollen.

Viele Kunden würden nun auf diese Einkaufsmethode zurückgreifen. „Früher haben wir vielleicht 10 Bestellungen pro Tag erhalten. Nun sind es 50“, sagte der Lebensmittelhändler Zafer Gündoğdu im Istanbuler Stadtteil Şişli gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.

Der Metzger Zeynel Özüner, dessen Geschäft sich in derselben Nachbarschaft befindet, sagte, er bemühe sich darum, dass ältere Menschen nicht benachteiligt werden. „Sie sind auch unsere Nachbarn. Wir liefern ihnen Brot oder Zeitung, nicht nur Fleisch“, führte er sein breites Angebot aus.

Der türkische Gesundheitsminister Fahrettin Koca appellierte diese Woche an die Risikogruppe: „Diese Gesellschaft braucht Ihre Lebenserfahrung. Bitte riskieren Sie nicht Ihr Leben und halten Sie sich an die Maßnahmen.“

Neben der Ausgangsbeschränkung für ältere Menschen wurden auch eine Reihe von anderen Maßnahmen ergriffen – darunter die Schließung von Schulen und Universitäten sowie das Verbot von Massengebeten.

Ausgangsbeschränkung für Alt gefordert von Jung

Die landesweite Ausgangsbeschränkung für Menschen über 65 Jahre trat in Kraft, nachdem viele ältere Menschen der staatlichen Bitte, zuhause zu bleiben, nicht nachkamen und stattdessen die Parks füllten. So erfreuten sich Senioren in der türkischen Provinz Adıyaman am sonnigen Wetter und vergnügten sich als Gruppe auf einem Kinderspielplatz.

Die jüngere Generation äußerte in den sozialen Netzwerken ihre Sorge um ihre Eltern und befürwortete die Ausrufung eines „Ausnahmezustandes“, damit jene zuhause blieben.

Einige Bezirksregierungen in der Türkei appellierten mit Humor an ältere Menschen, das Haus nicht zu verlassen. Ein viraler Tweet der Istanbuler Gemeinde Üsküdar mahnte auf witzige Art die Risikogruppe: „Wir lieben euch, aber zwingt uns nicht dazu“, hieß es dort mit dem Hashtag #Evdekal – „Bleib zuhause“. Zu sehen ist auf dem Bild ein älterer Mann, der gerade sein Wohnhaus verlassen will und dessen Straße aufgrund von Straßenarbeiten von einem Bagger ausgegraben wird.

So praktisch der Einkauf per Korb auch sein mag, ist die Ausgangsbeschränkung für die ältere Generation dennoch eine Herausforderung. „Ich bin so traurig, ich stecke zu Hause fest“, sagt Yüksel zur AFP aus ihrem Fenster. Aber nicht alle Betroffenen sind verzweifelt. „Ich bin seit zwei Wochen zu Hause, mir ist nicht langweilig“, sagt der 83-jährige Mehmet Özcan mit einer gelassenen Stimme. „Ich habe einen großen Garten, in dem ich Erinnerungen habe. Ich interessiere mich auch für Bilder“, fügt er hinzu. „Ich sammle seit 35 - 40 Jahren alte Familienfotos. So beschäftige ich mich und verbringe meine Zeit.“

TRT Deutsch und Agenturen