Mit knackigen Sätzen wurde Franz Müntefering zur politischen Institution. Seine Formulierung „Das ist das schönste Amt neben dem Papst - Vorsitzender der SPD zu sein“ ist legendär. Als Bundesgeschäftsführer der SPD hatte er 1998 den Wahlsieg von Gerhard Schröder organisiert. Er war damit der Architekt des Machtwechsels nach 16 Jahren Kanzlerschaft Helmut Kohls zu Rot-Grün. An diesem Donnerstag wird Müntefering 80 Jahre alt.
Den Sieg von Rot-Grün sieht er noch heute als positiven Einschnitt: „Das war ein richtiger Befreiungsschlag für Offenheit und Liberalität im Land.“ Er räumt aber ein, dass SPD und Grüne damals nicht gut vorbereitet gewesen seien - und es anfangs entsprechend geruckelt habe.
Der Sauerländer war zwar langjähriger Weggefährte Schröders, dessen kumpelhafte Art teilte er aber nicht. „Ich war froh, als nach seinem Amtsantritt als Bundeskanzler seine erste Phase mit Brioni und Zigarren vorbei war“, sagt er.
Seine politische Karriere hatte er als Stadtrat im sauerländischen Sundern begonnen. In Berlin war Müntefering Generalsekretär, Fraktionschef und zweimal Bundesminister. Bei der turbulenten Einführung der Hartz-Reformen galt er als Schlüsselfigur für den Zusammenhalt der Sozialdemokraten. Nach dem Rückzug Schröders nach der verlorenen Wahl 2005 wurde er zunächst unangefochten Parteichef - und Vizekanzler in der ersten Regierung von Angela Merkel.
2007 trat er als Bundesarbeitsminister zurück, weil er seiner zweiten Ehefrau Ankepetra beistehen wollte. Sie starb im Jahr darauf an Krebs. 2009 heiratete Müntefering die 40 Jahre jüngere Michelle, heute Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Aus seiner ersten Ehe hat Müntefering zwei Töchter.
Sozialdemokratische Symbol- und auch ein Stück weit Kultfigur wurde „Münte“ nicht zuletzt mit seinen prägnanten Sätzen. „Milch und Honig werden nicht fließen. Gesundes Brot und ordentlicher Aufstrich werden aber da sein“, sagte der SPD-Chef nach den Groko-Koalitionsverhandlungen 2005. Der heutige SPD-Chef Norbert Walter-Borjans beschreibt es als „große Ehre, ihm in diesem Job nachzufolgen“. Nicht zuletzt begeistere ihn, „dass er viel kürzere Sätze kann als ich“.

Müntefering war gleich zweimal Parteichef: gut anderthalb Jahre 2004/05 und dann nochmal gut ein Jahr 2008/09. Bis 2013 saß er im Bundestag. Der gelernte Industriekaufmann ist seitdem aktiv geblieben: Als Präsident des Arbeiter-Samariter-Bundes etwa. Seit 2015 ist er auch Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO). An mehr als 100 Veranstaltungen nimmt er jedes Jahr für die BAGSO in ganz Deutschland teil, sagt deren Sprecherin Barbara Stupp.

Im März 2019 erschien sein Buch „Unterwegs“ über die Chancen des Älterwerdens. Immer wieder geht Müntefering von seinem Wohnort Herne aus auf Lesetour. Sein Credo: „Die Menschen dürfen nicht den Eindruck haben, dass man sie nicht mehr braucht.“ Müntefering, einst Wegbereiter der Rente mit 67, meint: „Die meisten wollen noch etwas machen oder leisten - und nicht schlagartig aufhören.“
Dem Sauerland ist Müntefering treu geblieben. Im vergangenen Jahr kam er allein drei Mal dorthin, um aus seinem Buch zu lesen, berichtet Irmgard Sander, die von 2006 bis 2013 als Wahlkreissekretärin in Meschede für Müntefering arbeitete.

Sie habe ihn zuletzt Mitte Dezember in Meschede getroffen, als er einen Vortrag zum Thema Älterwerden auf dem Land gehalten habe. Ihr Eindruck? „Man würde nicht denken, dass der Mann 80 wird.“ Sie freue sich, dass Müntefering weiterhin Kontakt zu ihr halte. „Er ruft an, wenn ich Geburtstag habe.“ Umgekehrt werde sie ihm jetzt aber schreiben, „weil ich nicht wissen kann, ob ich eventuell störe“.

DPA