Pflegebedürftige schutzlos in der Corona-Notlage

In Deutschland gab es zum Jahresende 2019 über 4,1 Millionen Pflegebedürftige, von denen rund 3,3 Millionen zuhause versorgt wurden. Davon wurden 980.000 zusammen mit Angehörigen oder vollständig durch ambulante Pflege- und Betreuungsdienste versorgt. Ende 2019 waren 820.000 Menschen in vollstationären Pflegeeinrichtungen. 80 Prozent der Pflegebedürftigen waren 65 Jahre und älter, mehr als ein Drittel (34 Prozent) war mindestens 85 Jahre alt.

TRT Deutsch hat mit Thomas Meissner über die Lage von Pflegebedürftigen in Deutschland während der Corona-Krise gesprochen. Als ausgebildeter Fachkrankenpfleger hat sich Thomas Meissner berufspolitisch früh für die Pflege engagiert – bis hin zum Präsidium im Deutschen Pflegerat e.V. (DPR) von 2013 bis 2017. Er hat den Anbieterverband qualitätsorientierter Gesundheitspflegeeinrichtungen e.V. (AVG) mitgegründet und ist Mitglied der Initiative „Pflege 4.0 - Made in Berlin“.

Herr Meissner, Pflegende in Deutschland müssen sich während der Corona-Krise an zahlreiche Hygienemaßnahmen und Beschränkungen halten. Was erschwert die Pflege aus Ihrer Sicht derzeit am meisten?

Die Pflegenden in der Pandemie leben aktuell in dem Spannungsfeld, dass keiner dafür verantwortlich sein möchte, dass sein Gegenüber mit dem Coronavirus oder dessen Mutationen infiziert wird. Das führt ein Stück weit zu Misstrauen und Vorsicht.

Während die Heime, die in den Medien im Fokus stehen, weitgehend durchgeimpft sind, hinken wir im ambulanten Bereich, unabhängig von den Bundesländern, noch hinterher. Ambulante Dienste stehen in einer extremen Verantwortung, da sie von Haus zu Haus ziehen. Pflegekräfte können somit relativ schnell Überträger sein – was weder Mitarbeiter und Einrichtung noch Angehörige und Patienten wollen. Ambulante Mitarbeiter müssen sich gemäß Hygienekonzept bis zu zehn Mal täglich wie eine Zwiebel ständig ein- und auspacken, das ist psychisch anstrengend.

Das Spannungsfeld, das sich hier entwickelt, ist: Auf der einen Seite besteht die Notwendigkeit der Versorgung für die Patienten, auf der anderen Seite steht die Angst, dass es über die Versorgung zu einer Infektion kommt.

Zu den teils unsichtbaren Kollateralschäden gehört derzeit z.B. die Pflegeausbildung. Die ambulanten Dienste können derzeit keine Schüler, Praktikanten und Studenten aufnehmen, denn diese erhöhen das Infektionsrisiko zumindest theoretisch um 100 Prozent. Obwohl wir 2020 ein neues Ausbildungsgesetz und einen ganz neuen Ausbildungsberuf geschaffen haben, können wir diesen in der Praxis aktuell gar nicht bedienen.

Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf den Alltag der Pflegebedürftigen?
Im ambulanten Pflege-Setting sehen wir vor allem den Kollateralschaden bei denjenigen, die als Ansprechpartner ausschließlich Pflegekräfte haben. Stellen Sie sich vor: Ihre einzige Kontaktperson kommt im „Kosmonautenanzug“. Menschen suchen insbesondere in ihrer letzten Lebensphase Nähe und Berührung und möchten sich artikulieren. Da bleibt eine Menge auf der Strecke: Die Pflegebedürftigen sind isoliert und erfahren menschliche Zuwendung nur noch extrem verhüllt.

Einen Menschen, der einem nahe steht, nicht berühren zu können, ist schon für Kinder schwierig, aber für ältere Menschen, die bereits in einem Krankheitsbild wie Alzheimer oder einem Karzinom gefangen und somit in einer schwierigen Lebensphase sind, für die ist der Entzug von körperlichem und teils auch seelischem Beistand umso schlimmer. Von jemandem mit einem Handschuh gestreichelt zu werden, dessen Gesicht mit Brille und Mundschutz bedeckt ist, das ist für uns kaum vorstellbar, fast so, als wäre dies ein Roboter.

Im stationären Bereich haben wir dagegen immer dieselbe Anzahl von Menschen und Personal. Alle sind durchgeimpft. Das Damoklesschwert, das in den letzten Monaten über uns schwebte, verschwindet. Da Heime geschlossene Systeme sind, bei denen vorne getestet wird – nur wer negativ ist, darf rein – gehen die Infektionszahlen jetzt runter. Die Isolation der Pflegebedürftigen von ihren Angehörigen besteht dort jedoch trotzdem, da wir natürlich nicht die Besuchsbedingungen haben, wie wir diese vor der Pandemie hatten. Die Einrichtungen werden hier häufig allein gelassen. Sie sollen Infektionsschutz zu 100 Prozent gewährleisten und zugleich ihre Häuser, soweit es geht, öffnen.

Im privaten Pflege-Setting ist der Bewegungsradius noch eingeschränkter. Dort sind die Pflegebedürftigen ganz allein auf noch kleinerem Raum.

Auf alle Fälle haben wir in der Pflege pandemiebedingt nicht mehr, sondern weniger Zeit für die Pflegebedürftigen. Viele sehen nicht, was die Mitarbeiter alles machen. In der Zeit, die ohnehin schon begrenzt war, müssen sie viel mehr schaffen: Schutzausrüstung anziehen, ausziehen, ihre Instrumente vorher und hinterher abwischen und die Patienten wie gewohnt versorgen. Und dahinter immer die Angst: Habe ich den Patienten angesteckt?

Gibt es pandemiebedingte Versorgungslücken in der deutschen Pflege?

Wir haben hier ein sehr indifferentes Bild. Darüber gibt es noch keine Erhebungen. Wir stellen jedoch fest, dass die ambulante Pflege seit knapp drei Jahren am Limit ist und Patienten ablehnen muss. Patienten konnten bereits vor der Pandemie teils nicht versorgt werden oder müssen 20 Pflegedienste anrufen, bevor sie eine Versorgung finden. Das hat sich durch die Pandemie weiter verschlimmert.

Auf der anderen Seite sagen jedoch auch viele Pflegebedürftige den Pflegediensten ab und lassen sich lieber durch die Familie versorgen. Viele Familien sind aktuell, etwa durch berufliche Kündigungen, in finanziellen Nöten und müssen bzw. wollen jetzt zuhause die Pflege übernehmen, da sie das Geld von der Pflegeversicherung brauchen. Das ist jedoch doppelt problematisch, denn eine durch materielle Zwänge veranlasste Versorgung von Familienmitgliedern schafft sowohl für die pflegenden Angehörigen als auch für die Pflegebedürftigen Spannung.

Viele Pflegebedürftige sind dankbar, dass der Pflegedienst kommt, und möchten gar nicht vom eigenen Kind versorgt werden. Jeder träumt von der optimalen Versorgung, aber die Einsicht in die Notwendigkeit führt auf Seiten der Angehörigen schnell zu der Erkenntnis, dass die Pflege trotz Geldleistung eine äußerst anstrengende Sache ist.

Welche Maßnahmen könnten die Situation für die Pflegebedürftigen kurz- und langfristig verbessern?

Am besten wäre es, die Pandemie zu stoppen (lacht). Der Status Quo in der ambulanten Pflege ist die 1:1-Versorgung. Bei Personalausfällen ist das ein Problem – anders als in der stationären Pflege: Werden auf einer Station mit 30 Betten mit vier Mitarbeitern im Frühdienst ein oder zwei Mitarbeiter krank, schafft man es auch zu dritt oder zweit. Es bleiben natürlich dann Dinge liegen. Man beschränkt sich auf das Notwendigste. Das geht im ambulanten Bereich nicht: Jeder Pflegekraft ist dort ein fester Patientenstamm zugeordnet. Fehlt ein Mitarbeiter, ist dies auch für die Patienten eine Herausforderung. Denn sie erwarten, im Mittelpunkt der Versorgung zu stehen, und wollen, dass jede Pflegekraft Zeit hat.

Mein Lösungsansatz ist wie folgt: Wenn wir den Beruf attraktiver machen und den Patienten mehr Zeit widmen wollen, brauchen wir mehr Personal. Um das zu erreichen, müssen wir einem wachsenden Trend entgegenarbeiten – und zwar der Tatsache, dass die YZ-Generation die pflegerische Arbeit nicht länger als „dienen und helfen“ versteht, sondern als „Job“. Deren Forderung ist: „Ich nehme mir das Recht heraus, freie Tage und Freizeit einzufordern. Ich möchte Work-Life-Balance und selbst bestimmen können, wann ich arbeite.“ Dies ist mit den Grundzügen von Pflege natürlich nur schwer vereinbar, regt aber zum Nachdenken an. Wenn wir also in einem Bereich Verbesserung wollen, der von negativen Ereignissen in der Work-Life-Balance geprägt ist, müssen wir ungünstige Zeiten wie Spät-, Nacht- und Wochenenddienste mit finanziellen Anreizen hinterlegen.

Haben Sie Ideen, wie das konkret aussehen könnte?

Wir haben derzeit viele Fachkräfte, die sich aus dem Pflegeberuf heraus für eine akademische Laufbahn entscheiden. Das nimmt in Zukunft weiter zu, weil die Anforderungen an den Beruf gestiegen sind. Um diese Mitarbeiter zurück zum Patienten zu bekommen, müssen wir finanzielle Anreize setzen. Stellen Sie sich vor, während des Studiums arbeiten Studierende in einem Pflegedienst, z.B. am Wochenende, und verdienen dabei so viel Geld, dass es sich für sie lohnt. Dadurch werden wir mehr Menschen für die Versorgung gewinnen. Schaffen wir erst einmal so viele Anreize für die ungünstigen Arbeitszeiten, dass „keiner mehr von Montag bis Freitag arbeiten will“, haben wir es richtig gemacht.

Die Kompetenz der Pflege ist in Deutschland stark gefragt, eigentlich insbesondere am Bett des Patienten. Aber wir stehen in starker Konkurrenz zu den Arbeitsbedingungen z. B. bei den Krankenkassen und bei den Medizinischen Diensten, die gleichfalls Pflegefachpersonen suchen. Wer von Montag bis Freitag arbeitet, hat in der Regel mehr Geld und eine bessere Work-Life-Balance. Das spüren die Patienten. Das Problem lösen wir also nur über Anreizsysteme und das geht nicht allein über die Arbeitgeber.

Arbeitgeber in der Pflege haben per se großes Interesse an neuen Mitarbeitern. Ihr Geschäftsmodell besteht ja darin, Menschen zu versorgen. Wer heute nicht erkannt hat, dass das Personal in einer Pflegeeinrichtung das höchste Gut ist, sollte ohnehin den Markt verlassen. Schwierigkeiten in der Finanzierung und Bürokratie sind jedoch weiter Hindernisse.

Um die Versorgung der Pflegebedürftigen zu gewährleisten, müssen wir somit mehr Menschen für den Pflegeberuf begeistern. Der Pflegberuf wird im Schnitt der Fachberufe in Deutschland übrigens recht gut bezahlt. Trotzdem haben wir extremen Personalmangel, gegen den wir etwas tun müssen. Wenn jedoch bei uns die Löhne steigen, wird der Preis für die Versorgungsstunde höher – und die Patienten haben ein Problem in der Bezahlung. Im ambulanten Bereich sind 90 Prozent der Kosten Personalkosten. Wenn eine Pflegestunde bald 50 bis 60 Euro kostet, wissen Angehörige nicht mehr, wie sie dies bezahlen können.

Das ist das Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen – ein Dilemma für Deutschland: Wir müssen die Löhne steigern, aber kaum einer ist bereit, diese Pflegeleistung entsprechend zu honorieren. Das ist ein Problem für die Pflegebedürftigen, die Einrichtungen und die Mitarbeiter.

Was kann die Pflegepolitik hier ausrichten?
Der Staat müsste Steuerzuschüsse in die Pflegeversicherung fließen lassen. Klar ist jedoch auch: Wird die Pflegeleistung teurer, können wegen der festen Budgets Patienten weniger Pflege einkaufen oder sie müssen für die gleiche Leistung mehr bezahlen. Die Steigerung unserer Entgelte ist gleichbedeutend mit einer Reduzierung der Kaufkraft. Somit stehen auch die Sozialhilfeträger, Kranken- und Pflegekassen in der Verantwortung.

Grundsätzlich muss man Deutschland jedoch auch zu Gute halten: Wir haben hierzulande eine unglaublich gute Absicherung. 1990 wurde mit 400 Deutsche Mark das erste Pflegegeld über die Krankenversicherung eingeführt, da haben alle gejubelt. 1995 kam die Pflegeversicherung, die das Doppelte zahlte. Heute liegen wir weit darüber und trotzdem beschweren sich viele.

Und noch ein Gedanke: Wenn wir Versorgung stabilisieren wollen, reicht es nicht, Personal aus dem Ausland zu rekrutieren.

Was wünschen Sie sich für die Pflegebedürftigen in Deutschland während der Corona-Krise?

Ich wünsche den Pflegebedürftigen hier in Deutschland, dass sie ohne Infektion durch die Krise kommen, dass sie den Mut haben, optimistisch zu denken und ein gutes soziales Umfeld haben, welches sie positiv und gestärkt durch diese Tage kommen lässt.

Wir können nur hoffen, dass die sozialen Bindungen und Netzwerke die Pflegebedürftigen in Deutschland durch die Krise tragen. Als Pflegekräfte können wir nur eine Brücke sein, Dinge anstoßen und kleine Segmente übernehmen. Wir können nicht das gesamte System und die familiären Versäumnisse auffangen.

Als gesunde Arbeitskräfte haben wir schon Probleme damit, Homeschooling und soziale Netzwerke abseits der Medien zu bedienen. Wenn wir uns darüber bewusst werden und jeder seinem Nachbarn einmal täglich hilft, besteht nicht nur eine gute Chance, dass wir den Pflegebedürftigen besser helfen, sondern auch, dass wir – wenn die Krise vorbei ist – pflegerische Arbeit anders wertschätzen und durch eigene Erfahrung wissen, was soziale Teilhabe für Pflegebedürftige bedeutet.

Ja, wir brauchen mehr Geld im System, aber vor allem brauchen wir eine andere innere Einstellung zur sozialen Teilhabe.

Über Thomas Meissner

Ausgebildet als Fachkrankenpfleger hat Thomas Meissner sich früh berufspolitisch für die Pflege engagiert – bis hin zum Präsidium im Deutschen Pflegerat e.V. (DPR) von 2013 bis 2017. Meissner hat den Anbieterverband qualitätsorientierter Gesundheitspflegeeinrichtungen e.V. (AVG) mitgegründet und ist Mitglied der Initiative "Pflege 4.0 - Made in Berlin".