13.06.2021, Hessen, Frankfurt/Main: „NSU 2.0 - Open 24/7“ ist als Schriftzug zu lesen, den Mitglieder eines Kunstkollektivs in das Foyer des Polizeipräsidiums in Frankfurt projiziert haben. Mit der Aktion wollen die Künstler gegen rechtsextreme Strukturen in der hessischen Polizei protestieren. In Hessen wird zurzeit gegen mehrere Polizisten ermittelt, die sich unter anderem an rechtsextremen Chatgruppen beteiligt haben sollen. Die Beamten gehören zum Teil den Spezialeinsatzkommandos (SEK) an. (DPA)

Jeder Akt steht für einen Tatort: Eisenach, Kassel, Hanau. In seinem am Sonntagabend in Frankfurt uraufgeführten Stück „NSU 2.0“ schlägt Autor und Regisseur Nuran David Calis die dramaturgische Brücke von der Selbstenttarnung der rechtsextremistischen Terrorzelle NSU und dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke bis hin zum Anschlag von Hanau. Die drei Darsteller - zwei Schauspieler und eine Schauspielerin - wechseln dabei ständig die Perspektiven zwischen Täter, Opfer und Ermittler oder Berichterstatter, Videoprojektionen verstärken noch den Eindruck einer Verhörsituation.

Begegnungen mit den Opferfamilien

Gerade dort, wo es um die Denkweise der Täter geht, werden Gerichts- und Verhörprotokolle szenisch umgesetzt, ebenso wie das Manifest des Attentäters von Hanau. Eingespielte Videosequenzen mit Zeitzeugen und Empfängern der „NSU 2.0“-Drohschreiben wie der Linke-Chefin Janine Wissler, dem SPD-Bundestagsabgeordneten Karamba Diaby und Grünen-Politiker Cem Özdemir reflektieren eigenen Erfahrungen mit rechtsextremer Bedrohung. Dazu schaffen sie Begegnungen mit den Familien der Opfer der NSU-Morde, die mit ihren Fragen lange ungehört blieben.

Die nach wie vor offenen Fragen, die Forderungen nach der Freigabe der NSU-Akten und die Absage an allzu schnelle Mutmaßungen, es handele sich wieder einmal um Einzeltäter, prägen das Stück. Welchen politischen Nährboden hatten die Täter, auf welche Strukturen können sie zurückgreifen, welchen Einfluss hatten etwa die NSU-Morde auf spätere Täter? Antworten kann das Stück nicht geben, wohl aber eine Botschaft wie „Es reicht“ vermitteln, auch wenn diese auf der Bühne mitunter ziemlich pathetisch ausfiel. Fraglich ist auch, ob die Interpretation etwa des Lübcke-Mörders Stephan Ernst als ein ziemlich irre wirkender Psychopath mit Augenrollen und Sprechfehler nicht allzu karikierend wirkt und vom Inhalt der Worte ablenkt.

Auch Rechtsanwältin wurde mit „NSU 2.0“-Brief bedroht

Die Uraufführung von „NSU 2.0“ war pandemiebedingt verschoben worden - und hätte kaum zu einem passenderen Zeitpunkt stattfinden können. In der vergangenen Woche hatte die Entdeckung rechtsextremer Chatgruppen innerhalb des Spezialeinsatzkommandos (SEK) der Frankfurter Polizei den jüngsten Polizeiskandal in Hessen ausgelöst. Zwar lagen die meisten dieser Chats in der Vergangenheit, doch auch noch im Jahr 2019 wurden Bilder und Nachrichten geteilt, die die Staatsanwaltschaft als volksverhetzend einstuft. Zu diesem Zeitpunkt war bereits bekannt, dass zunächst die Frankfurter Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz mit Drohschreiben des „NSU 2.0“ bedroht worden war - und dass ihre Daten von einem Rechner in einem Frankfurter Polizeirevier abgerufen worden waren.

Das „Kollektiv ohne Namen“, eine Gruppe von Künstlern und Aktivisten, griff am späten Sonntagabend die neuen Vorwürfe gegen die Polizei mit einer Projektion am Frankfurter Polizeipräsidium auf. Die Schriftzüge „NSU 2.0“ und „Open 24/7“ prangten, an das Neonschild eines rund um die Uhr geöffneten Geschäfts erinnernd, über dem Haupteingang des Gebäudes.

Theater- und Filmemacher hatten die Gefahr durch rechtsextremen Terror in den vergangenen Jahren schon mehrfach thematisiert. Noch während des Prozesses gegen den im Januar verurteilten Lübcke-Mörder strahlte der Hessische Rundfunk im Vorjahr das Doku-Drama „Schuss in der Nacht“ aus, in dessen Mittelpunkt ebenfalls die Verhörpassagen standen.

Mord an Walter Lübcke

Bereits in der vergangenen Spielzeit hatte Thomas Bockelmann am Staatstheater Kassel das Stück „Der NSU-Prozess. Die Protokolle“ auf die Bühne gebracht. „Wir haben uns sehr konzentriert auf den Mord an Halit Yozgat in Kassel und die Ungereimtheiten mit dem V-Mann des Verfassungsschutzes“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Während die Schauspieler das Stück probten, sei es zu dem Mord an Walter Lübcke gekommen.

Die Resonanz auf das Stück in der Stadt, in der Lübcke Regierungspräsident war, sei enorm gewesen, erinnerte sich Bockelmann, der auch Sprecher der Initiative für eine Freigabe der NSU-Akten ist. „Es gab viele Nachgespräche, manche Menschen haben am Ende der Vorstellung draußen gewartet, um sich zu bedanken.“

Radikalisierung junger Frauen in der rechtsextremen Szene

Der Münchner NSU-Prozess selbst steht im Mittelpunkt des Dokumentarhörspiels „Saal 101“ des Bayerischen Rundfunks. Die NSU-Morde stehen zudem im Zentrum des Theaterprojekts „Kein Schlussstrich“, das zum 10. Jahrestag der Selbstenttarnung des NSU ebenfalls die Perspektiven der Opfer und ihrer Familien in den Vordergrund rücken soll. Auch in Kassel wird es dann zu einer Aufführung kommen, die sich vor allem mit der Radikalisierung junger Frauen in der rechtsextremen Szene befasst. Andere Theater in Städten, an denen der NSU mordete oder die Täter lebten, beteiligen sich ebenfalls mit Inszenierungen.

DPA