Symbolbild: Eine Person zählt Geld.  (DPA)
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Im Corona-Pandemiejahr 2020 hat die Armutsquote in Deutschland einen neuen Höchststand erreicht. Nach dem diesjährigen Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbandes betrug sie 16,1 Prozent und damit 0,2 Prozentpunkte mehr als 2019, wie Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider bei der Vorstellung des Berichts am Donnerstag in Berlin erklärte. Damit müssten 13,4 Millionen Menschen in der Bundesrepublik zu den Armen gerechnet werden, sagte er.

Unverändert haben Haushalte mit Kindern dem Bericht zufolge das höchste Armutsrisiko. Bei drei oder mehr Kindern sind fast 31 Prozent der Familien von Armut betroffen, bei den Alleinerziehenden sind es 40,5 Prozent. Unter den Erwerbslosen ist jede und jeder Zweite dem Bericht zufolge den einkommensarmen Haushalten zuzurechnen. Der Bericht mit dem Titel „Armut in der Pandemie“ zeigt aber auch, dass sich die wirtschaftlichen Einbrüche durch die Corona-Pandemie auf vier Fünftel der Haushalte in Deutschland nicht negativ ausgewirkt haben.

Bereits vor der Pandemie wurden Arme vernachlässigt

Das Kurzarbeitergeld, Arbeitslosengeld I und die Wirtschaftshilfen hätten eine weitere Verschlechterung verhindert, hieß es. Demgegenüber seien die Menschen, die bereits vor der Pandemie arm und auf die Grundsicherung angewiesen waren, vernachlässigt worden,
kritisierte Schneider. Sie hätten 2020 lediglich einen Kinderbonus von 300 Euro erhalten und erst im Mai 2021 den „kleinlichen Betrag“ von einmalig 150 Euro für Mehrausgaben und Preissteigerungen infolge der Pandemie.

Der Bericht des Paritätischen beruht auf Daten des Mikrozensus, den das Statistische Bundesamt erhebt. Als arm gilt jede Person, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. Dabei handelt es sich um das gesamte Nettoeinkommen des Haushaltes inklusive Wohngeld, Kindergeld, Kinderzuschlag, anderer Transferleistungen oder sonstiger Zuwendungen. Der Paritätische folgt damit der in der EU verwendeten Definition von relativer Armut im Verhältnis zum Lebensstandard in einem Land.

Schneider forderte, zur Bekämpfung von Armut große Vermögen, Erbschaften und hohe Einkommen stärker heranzuziehen. Der „Kardinalfehler“ der neuen Koalition von SPD, Grünen und FDP sei „die Tabuisierung jeglicher Steuererhöhungen“. Er lobte Vorhaben wie eine Anhebung des Mindestlohns sowie Verbesserungen bei Erwerbsminderungsrenten, Wohngeld und Bafög im Koalitionsvertrag. Die Kindergrundsicherung könne ein «armutspolitischer Durchbruch» werden, sagte Schneider. Wie beim Bürgergeld, das Hartz IV ersetzen soll, komme es aber auf die Ausgestaltung an. „Solange die Menschen, die Grundsicherung beziehen, in Armut bleiben, wird auch ein Bürgergeld eine Mogelpackung bleiben“, sagte Schneider.

Armutsquote in Berlin bei 20 Prozent

Dem Armutsbericht des Verbands zufolge sind vor allem Erwerbstätige, und unter ihnen Selbstständige, Verlierer der Corona-Krise. Bei der Mikrozensus-Erhebung 2019 waren unter den als arm gezählten Menschen 8 Prozent erwerbstätig, 9 Prozent selbstständig. 2010 stieg der Anteil auf 8,7 und 13 Prozent.

Im bundesweiten Vergleich verfestigt sich Schneider zufolge der „Wohlstandsgraben“ zwischen Bayern und Baden-Württemberg auf der einen, dem Rest der Republik auf der anderen Seite. In den beiden Süd-Bundesländern liegt demnach die Armutsquote bei 12,2 Prozent, in den übrigen Bundesländer zusammengenommen bei 17,7 Prozent. Hohe Armutsquoten von um die 20 Prozent haben Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Sachsen- Anhalt. Am schlechtesten ist die Lage in Bremen. Dort gelten 28,4 Prozent der Menschen als arm.

epd