Ditib-Imame „made in Germany“ – Zwischenbilanz nach einem Jahr (DPA)

Der Startschuss für die Imame „made in Germany“ der größten Religionsorganisation Ditib fand viel Beachtung. Dann wurde es still. Nach gut einem Jahr zieht die Akademieleiterin eine Zwischenbilanz: Es gebe viel Interesse und positive Resonanz aus den Moscheegemeinden, der muslimischen Community und allgemein aus der deutschen Öffentlichkeit, schildert Seyda Can. „Die Teilnehmer haben sehr viele Schritte nach vorne gemacht“, berichtet der Ausbildungsreferent für die Imam-Ausbildung, Eyüp Kalyon. Der neue Ausbildungsgang begann Anfang 2020 im Eifel-Ort Dahlem - und weckte hohe Erwartungen. Der Bundesvorsitzende Kazim Türkmen sprach von einem „Neuanfang“, einer „historischen Entwicklung nicht nur für Ditib, sondern auch für Deutschland“. Wie ist nun der Stand? Die teilnehmenden 12 Männer und 14 Frauen aus fast allen Bundesländern sind Kalyon zufolge in Deutschland geboren und sozialisiert, haben ein deutsches Abi und einen deutschen Pass in der Tasche. Das Islamische Bachelor-Theologiestudium machten die meisten dann in der Türkei. „Leider haben wir pandemiebedingt vieles aus dem Lehrplan nicht umsetzen können“, bedauert Kalyon. Die Umstellung auf Online laufe gut. Der Beziehungsaufbau zur Jugend, zu Senioren, Frauen- und Familienverbänden gelinge auch unter erschwerten Bedingungen.

„Religiöse Beratung und Begleitung im Fokus“

„Wir bilden islamische Theologen aus, es ist kein Quereinstieg für Sozialarbeiter“, beschreibt Can. „Der Startpunkt unserer Ausbildung ist der Alltag in den Gemeinden in Deutschland. Wir haben die religiösen Bedürfnisse, die religiöse Beratung und Begleitung im Fokus.“ Es gibt fast 900 Ditib-Moscheegemeinden und rund 1100 Religionsbeauftragte, darunter sind etwa 110 deutschsprachig. Anfang 2020 hatte die Ditib im Eifel-Ort Dahlem ein neues Zentrum errichtet, in dem nun erstmals ein Teil der Imame direkt in Deutschland ausgebildet werden. Auf dem Programm stehen etwa islamische Theologie, deutsches Religionsverfassungsrecht, der Koran, Redekunst, gesellschaftliche Themen und Praxisarbeit in den Moscheegemeinden. Man habe den Kurs auch der Deutschen Islam Konferenz und der Evangelische Kirche vorgestellt.

Wie sieht der Lehrplan aus? „Das ist wirklich ein Deutschland-Programm“, betont Can. „Es ist nicht von der Diyanet zusammengestellt.“ Also ganz in Ditib-Eigenregie entwickelt. Es gebe nicht „das eine Lehrbuch“, sondern unterschiedliches Material, meist deutschsprachig. Als externe Experten referieren Islamwissenschaftler mehrerer Unis. Referentenliste und Ausbildungsordnung werde bald veröffentlicht. Die Ditib bezahlt die Ausbildung, spreche mit dem Bundesinnenministerium derzeit über eine Unterstützung.

Kalyon unterstreicht: „Ein Imam ist auch mit Menschen in Krisenlagen in Kontakt. Er wird damit konfrontiert, wenn Extremisten in die Moscheen kommen und versuchen, Jugendliche zu ködern.“ Kalyon war selbst Imam an der Essener Zentralmoschee. „In unseren Moschee-Gemeinden sind aber keine Radikalisierungstendenzen zu sehen.“ Und: „Ich habe ein Problem damit, wenn unsere Ausbildung nur als Präventionsprogramm gegen Radikalisierung deklariert würde. Das wird der Sache nicht gerecht.“ Ein Imam sei auch Ansprechpartner bei antimuslimischem Rassismus, ergänzt Can. Die neu ausgebildeten Imame werden wohl ebenfalls von der Diyanet bezahlt. Eine andere Lösung sei derzeit nicht in Sicht.

DPA