Ob Stress-Reduktion, Teambuilding, verbesserter Fokus oder mehr Kreativität: Unternehmen entdecken heute zunehmend die Vorteile des Arbeitens im Freien und setzen gezielt auf Natur als Gegenpol zum digitalen Arbeitsalltag. „Die Natur ist ein unterschätzter Raum in der Arbeitswelt“, bestätigt Kamil Barbarski aus Köln. Als Outdoor-Facilitator hilft er Unternehmen und Teams dabei, diesen Raum für sich zu entdecken – und das Draußensein für Meetings und Seminare zu normalisieren.
Anlässlich des internationalen Outdoor Office Days am 11. Juni erzählt der Trainer und Coach im Interview mit TRT Deutsch über die Erfahrungen, die er regelmäßig sammelt, wenn er traditionelle Unternehmen in die Natur und in Bewegung bringt. Er berichtet auch, wie die verstärkte Verlagerung unserer Arbeitswelt ins Freie gelingen kann – und warum sie mehr ist als ein kurzfristiger Trend.
TRT Deutsch: Woher kommt der Outdoor Office Day?
Barbarski: Tatsächlich kennen den Tag bislang nur wenige. Erfunden hat ihn Ioana Biris aus Amsterdam im Jahr 2018. Ich selbst habe ihn vor einigen Jahren entdeckt und nutze ihn seitdem in meiner Kommunikation, um das Thema Natur und Outdoor in meiner täglichen Arbeit als Trainer, Coach und Workshop-Leiter präsenter zu machen.
TRT Deutsch: Warum ist das wichtig?
Barbarski: Wir alle kennen das klassische Arbeiten in Innenräumen. Spätestens seit Corona kennt jeder auch den Online-Raum. Die Natur ist ein dritter, in der Arbeitswelt noch unterschätzter Raum. Wenn wir draußen sind, bringt das eine andere Qualität mit sich. Mir geht es darum, diesen Draußen-Raum ebenso normal zu machen wie das Arbeiten drinnen oder online. In den Köpfen soll es irgendwann selbstverständlich sein, dass man sich für Meetings, Telefonate und Workshops auch draußen treffen kann, z. B. auf einen Spaziergang.
TRT Deutsch: Der Outdoor Office Day hilft dabei?
Barbarski: Genau. Er bringt diese Bewegung nach vorn, indem er sich vor allem an Wissensarbeiter und Menschen richtet, die viel vor dem Computer sitzen und online arbeiten. Von diesen erhalten wir übrigens viel Zuspruch. Das Arbeiten im Freien eignet sich sehr gut für diejenigen, die sich mit Kreativität, menschlichen Beziehungen oder Strategie beschäftigen. Es steht jedoch nicht in Konkurrenz zum Innenraum. Die Draußenwelt ist vielmehr eine Anreicherung für den Arbeitsalltag – sei es für Gruppen, Teams oder Einzelpersonen.
TRT Deutsch: Welche Vorteile hat es, im Grünen zu arbeiten?
Barbarski: Für diejenigen, die es ausprobieren, ist das Überraschende: das Draußensein bringt eine andere Energie in den Arbeitsalltag. Es ermöglicht, dass wir uns als Menschen anders begegnen – fernab unserer Rollen im Büro, fernab von Bildschirmen, hin zu einem natürlicheren Umgang miteinander. Wenn wir einen Teil unserer Arbeitswelt ins Freie verlagern könnten, würde uns das allen gut tun.
TRT Deutsch: Inwiefern bereichert Outdoor-Arbeit unser Leben?
Barbarski: Wenn wir die Natur als Raum nutzen, sind wir wieder mehr in Verbindung mit allem Lebendigen. Unser Wohlbefinden steigt, unser Stresslevel sinkt. Die Aufmerksamkeit wird weiter und weicher, wir sind kreativer. Das passiert automatisch im Hintergrund und kann durch bestimmte Übungen verstärkt werden. Und das Schöne ist: Es ist einfach damit zu starten. Man kann z.B. eine Besprechung mit Kollegen einfach auf einen Spaziergang verlegen, einen sogenannten Walk & Talk. Wer einen Workshop oder ein Seminar hält, kann den Einstieg oder die Reflektion draußen beginnen. Es braucht nicht viel, um anzufangen.
TRT Deutsch: Lässt sich Natur auch strategisch ins Unternehmen einbinden?
Barbarski: Natürlich. Manche Firmen ergänzen ihre Arbeitsumgebung architektonisch mit Arbeitsplätzen im Freien. Oder sie verknüpfen Lernangebote und Veranstaltungen mit Naturräumen. Dann steht meist eine strategische Entscheidung dahinter, die sagt: „Wir wollen Draußensein und die Bewegung in unsere Arbeit integrieren, um uns besser zu fühlen, nachhaltig leistungsfähiger zu sein und unsere Mitarbeitenden an das Unternehmen zu binden.
TRT Deutsch: Wie verbreitet ist Outdoor-Arbeiten in deutschen Unternehmen?
Barbarski: Auch wenn einige Unternehmen schon Arbeitsplätze in den Innenhöfen ihrer Standorte geschaffen haben, ist das oft noch rudimentär. Insgesamt ist das Arbeiten im Freien in Deutschland eher unterrepräsentiert und kann noch ausgebaut werden. Europaweit sieht das anders aus: In Finnland gibt es z. B. mittlerweile Outdoor-Arbeitsstationen in manchen Städten: Menschen können sich dort mit ihren Laptops an Tische setzen können und öffentliches WLAN nutzen. Global gibt es schon viele Initiativen, die das Arbeiten im Grünen fördern.
TRT Deutsch: Was macht dein Unternehmen Walkaboutyou am heutigen Tag?
Barbarski: Am heutigen Outdoor Office Day laden wir Menschen in Köln zu einem niedrigschwelligen Experiment ein, dem Co-worken im Wald. Dazu bringe ich mein „Outdoor Office“ mit: Das ist ein Camper als Basisstation, nebst WLAN und Toiletten, Kaffee, Tee und Sitzplätzen. Jeder, der mag, kann kommen und sich an die Tische setzen. Wir machen das bereits zum dritten Mal. Es soll natürlich auch Aufmerksamkeit wecken, dass Outdoor-Coworking heute eine interessante Möglichkeit des Arbeitens ist.
„Wir laden Menschen zum Outdoor-Coworking ein“
Grundsätzlich lässt sich alles, was wir drinnen machen, auch draußen erledigen. Statt dem White Board gibt es ein Dirt Board mit Moderationskarten auf dem Boden. Man kann Sitzgelegenheiten, Laptop und Arbeitsblätter mitnehmen und die Natur genauso als Raum nutzen wie einen Innenraum.
TRT Deutsch: Was machst du als Outdoor-Facilitator genau?
Barbarski: „Facilitation“ meint die Begleitung von Gruppen, in Lern- und Entwicklungsprozessen. Ich helfe Teams und Organisationen also dabei, sich weiterzuentwickeln – und das bevorzugt draußen in der Natur und in Bewegung, beim Gehen und Wandern. Das kann im Naturschutzgebiet in den Bergen sein, aber genauso im Stadtpark. Ich finde es wichtig, dass man erst einmal die Natur vor seiner eigenen Haustür kennenlernt. Unternehmen müssen ihre Mitarbeiter also nicht in exotische Gegenden entsenden – das ist auch nicht nachhaltig.
TRT Deutsch: Wie läuft so ein Outdoor-Workshop ab?
Barbarski: Als Facilitator gebe ich den Prozess vor und begleite Gruppen auf dem Weg zu ihrem Ziel. Die Verantwortung für die Ergebnisse bleibt bei den Teilnehmenden, die mit der Beteiligung aller etwas Sinnvolles kreieren: Sie sind die Quelle des Wissens. Im ersten Schritt holen wir Menschen aus ihrem oft stressigen Alltag heraus, damit sie zur Ruhe kommen, sich besser konzentrieren und mit sich selbst und den anderen Teilnehmern verbinden können.
Sind alle präsent bei sich und in der Natur angekommen, kommt es auf das Thema an. Danach geht es oft in „Ge(h)spräche“, d.h. dialogische Arbeit in Kombination mit Bewegung. So entsteht ein Austausch mit alternativen Perspektiven. Mit Fragestellungen regen wir verschiedene Arten des Zuhörens an.
TRT Deutsch: Welches Problem will man mit Outdoor-Arbeit im Kern lösen?
Barbarski: Ein Kernproblem ist der Umgang mit Komplexität. Wir leben in einer Welt, in der Ursache und Wirkung vieler Krisen nicht mehr klar erkennbar und für unser Gehirn zu greifen sind: Konflikte, Polarisierung, Klimakatastrophe, Ressourcenverbrauch und Armut beispielsweise. Anders als bei komplizierten Fragestellungen, bei denen wir Experten zu Hilfe holen können, wissen wir in komplexen Situationen nicht genau wie die Lösung aussieht. Bei Komplexität wird es für den Menschen notwendig, anders zu agieren, als er es meistens in der Schule und in der klassischen Arbeitswelt gelernt hat.
„In Komplexität muss man anders agieren“
Die Wirschaft ist in der Krise und neue Technologien wie KI kommen hinzu und krempeln die Wertschöpfungsketten um. Gleichzeitig sinkt die mentale Gesundheit der Menschen und Einsamkeit nimmt immer weiter zu. Das alles beschleunigt sich. Das Arbeiten in und mit der Natur kann hier Lösungsansätze inspirieren, indem wir die Natur als unsere Lehrerin betrachten.
TRT Deutsch: Bitte erkläre, wie die Natur unserer Lehrerin sein kann.
Barbarski: Die Natur und die Welt an sich sind komplex. In Wäldern und Ökosystemen gibt es keinen Masterplan, keine Experten. Alles interagiert miteinander, nach bestimmten Prinzipien, die das komplexe System in Harmonie wachsen lassen. Und zwar so, dass es auf Dauer stabil ist und sich weiter ausbreitet bzw. nicht weiter ausbreitet, wenn es keine Ressourcen dafür gibt.
Wenn wir in Naturräumen unterwegs und von ihnen umgeben sind, dann können wir von diesen Naturprinzipien lernen und sie zur Lösung unserer Herausforderungen verwenden. Die Natur kann uns wieder beibringen, wie wir in einer Welt mit immer schneller werdenden Veränderungen zurechtkommen. Indem wir uns genauer anschauen, wie die Natur mit bestimmten Themen umgeht: Veränderung, Tod, Zyklizität, Konkurrenz, Effizenz und die Entstehung von Neuem.
TRT Deutsch: Hast du ein Beispiel dafür?
Barbarski: Die Kreislaufwirtschaft ist ein gutes Beispiel für ein Prinzip, bei dem nichts geht verloren geht. Ressourcen werden nicht verschwendet. Das können wir auf unsere Denk- und Wirtschaftsweise und die Art, wie wir leben, übertragen. Überhaupt sind wir Menschen als biologische und soziale Lebewesen dafür gemacht, mit unserer Mitwelt zu interagieren. Wir sind Natur, das vergessen wir oft.
Indem wir uns stärker an den natürlichen Prinzipien orientieren, orientieren wir uns auch mehr an unserer biologischen Funktionsweise, wie wir eigentlich funktionieren und was uns gut tut. Wir erinnern uns daran, was uns als Menschen ausmacht und integrieren das in unseren Alltag, um gesünder und wirkungsvoller zu sein. Im Idealfall gestalten wir auch unsere Umgebung und Wirtschaft entsprechend.
TRT Deutsch: Was sagt die Forschung zum Zusammenhang von Natur und Gesundheit?
Barbarski: Diverse Studien belegen, dass das Arbeiten im Freien Stress reduziert, Kreativität und Konzentration fördert sowie Zusammenarbeit stärkt. Eine Studie der Stanford-Universität widmet sich dem Thema „Kreativität und Gehen“ und zeigt, dass das Gehen uns bis zu 60 Prozent kreativer machen kann – und Kreativität ist dringend notwendig zur Lösung von komplexen Herausforderungen.
Die Attention Restoration Theory (ART) beschreibt, dass sich unsere Aufmerksamkeit in der Natur erholt, im Gegensatz zu Innenräumen oder anorganischen Strukturen. Im Anschluss können wir uns besser auf das fokussieren, was uns wichtig ist. Das Waldbaden, ursprünglich in Japan entstanden, gibt es bereits in mehreren Ländern „auf Rezept“. Die Wechselwirkung zwischen Gesundheit und Natur ist ein eignes, gut erforschtes Fachgebiet.
TRT Deutsch: Gibt es etwas, worauf Unternehmen achten sollten?
Ja. Wir müssen aufpassen, dass wir die Natur nicht zu einem weiteren Werkzeug für die Arbeitswelt umfunktionieren. Und sie wie Legosteine oder Flipcharts nutzen. Wir müssen uns bewusst machen: Die Natur ist lebendig und wir wollen sie mit Respekt behandeln und ihr auch etwas zurückgeben. Indem wir häufig draußen sind, fragen wir auch: Wie können wir sie erhalten? Und eine gesunde Beziehung mit ihr führen, ohne sie auszubeuten, oder in Systeme zu integrieren, die von Grund auf destruktiv sind.
TRT: Welchen Tipp hast du für Unternehmen am heutigen Outdoor Office Day?
Einfach mal ausprobieren und erleben, wie es ist, draußen zu arbeiten. Einfach mal einen Teil des nächsten Team-Workshops oder Strategie-Offsites im Freien umsetzen. Die Intention macht dabei den größten Unterschied, d.h. mit welcher Haltung man es tut. Es geht darum, das Draußensein nicht als „Wandertag“ oder „Betriebsausflug mit Feel-Good-Bonus“ zu betrachten, sondern als etwas, das nachhaltig und für alle Seiten sinnvoll ist.
Wenn ich mit meinem Team oder Unternehmen zusammen bin, kann ich es mir inzwischen gar nicht mehr anders vorstellen als mindestens ein bis zwei Mal am Tag rauszugehen. Aus meiner Erfahrung bringt das die Motivation und die Qualität der Ergebnisse auf ein höheres Level.
TRT Deutsch: Danke für diese Impulse.























