Mehr Zeit, weniger Plan – Wie wir Freizeit neu denken, wenn KI die Arbeit übernimmt
Arbeit adé – und jetzt? Was tun wir mit der gewonnenen Zeit, die KI uns schenkt? Eine zeitphilosophische, gesellschaftskritische Analyse.
Mit Work-Life-Balance und der Vier-Tage-Woche ist der Wohlstand Deutschlands nicht zu halten. Das findet jedenfalls Friedrich Merz. In seiner ersten Regierungserklärung im Mai vergangenen Jahres betonte der deutsche Bundeskanzler, dass wir hierzulande wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten müssen. Zugegeben: Das ist eine überaus wirtschaftliche Sicht auf die Dinge. Mit der künstlichen Intelligenz, die nun auf dem Arbeitsmarkt Einzug hält, könnte dies sogar funktionieren – immerhin soll KI unseren Arbeits-Output vervielfachen.
Soll KI menschliche Effizienz steigern – oder uns daraus befreien?
Der Schweizer Schriftsteller und Kolumnist Martin Suter hält davon allerdings wenig. Im Spiegel-Interview warnt er im Gegenteil dazu sogar vor der drastischen Reduktion und dem Wegfall unserer Arbeit: KI ersetze zukünftig den Fleißigen – der nun an Wert verliert. Den Menschen bleibe dann: jede Menge freie Zeit. Suter fragt daher zu recht: Was macht derjenige, der die Arbeit von vier Tagen an drei Tagen erledigt, an den übrigen vier Tagen? Aufzeigen will er damit, dass uns Freizeit als neue Herausforderung der Zukunft durchaus beschäftigen wird.
Gesellschaftlich müssen wir deshalb jetzt der Frage widmen, wie wir Freizeit heute neu denken – angesichts der Veränderungen in der Arbeitswelt, getrieben vom breitflächigen KI-Einsatz in allen Branchen. Zu klären ist vor allem: Was tun wir mit der gewonnenen Zeit, welche die KI uns schenkt? Müssen wir in Zukunft permanent „busy“ sein – noch effizienter, so wie Merz es fordert – oder dürfen wir uns im „nichts tun“ üben?
Müssen wir am Ende „fauler“ werden?
Aber der Reihe nach: „Die moderne Gesellschaft kennt nur eine Richtung: Steigerung“, analysiert der deutsche Soziologe und Resonanz-Theoretiker Hartmut Rosa in seinem Buch „Beschleunigung“ (Suhrkamp, 2005). Genau diese Überbeschleunigung macht er jedoch für das Scheitern moderner Gesellschaften verantwortlich. Sinn entsteht für ihn nicht aus einem ständigen Zuwachs an Produktivität, sondern aus Resonanz: „Resonanz entsteht nicht dort, wo wir optimieren, sondern wo wir uns berühren lassen“, stellt er in seinem Buch „Resonanz“ (Suhrkamp, 2016) klar.
Sein Lösungsansatz ist simpel: Wir müssen aufhören, Zeit nur als Ressource zu sehen. Er verwendet den Begriff des „Zeitwohlstands“, um zu beschreiben, dass Menschen die Fähigkeit zurückgewinnen können, über die eigene Zeit zu verfügen. Dies ist wichtig – mindestens genauso wichtig wie materieller Wohlstand, findet der Soziologe. Folgt man Rosas Denkweise bedeutet es, dass uns mehr Effizienz nicht erlösen wird, auch wenn KI sie nun möglich macht. Als Vordenker legitimiert er das „Nicht-Tun“ somit als gesellschaftliche Notwendigkeit, nicht als Faulheit – die den Menschen schlussendlich in seine sinnhafte Existenz zurückführt.
Zeitwohlstand ebenso wichtig wie materieller Wohlstand
So weit, so gut: Wenn wir durch KI eben nicht effizienter, sondern „fauler“ werden müssen – wie man provokant sagen könnte – braucht es jedoch einen „stillen“, weil inneren Wertewandel – weg vom „höher, schneller, weiter“ hin zum bewussten Leben und der Wertschätzung des Augenblicks. Doch wie kann uns das in der Praxis gelingen? Der in Südkorea geborene, in Deutschland lebende Philosoph Byung-Chul Han hat sich mit genau dieser Frage eingehend befasst. Bekannt als „Philosoph der Müdigkeit und Leistungsgesellschaft“ beschreibt er wie kaum ein anderer, dass wir uns in der modernen Gesellschaft selbst ausbeuten – freiwillig, begeistert und ständig „busy“.
„Der Leistungsmensch beutet sich selbst aus – freiwillig“, beobachtet Han in seinem Buch „Müdigkeitsgesellschaft“ (Matthes & Seitz Berlin, 2010) und schlussfolgert, dass Müdigkeit das Symptom einer Gesellschaft sei, die keine Pausen kennt. Das Nicht-Tun ist demnach ein Skandal, formuliert er mit kritischem Blick. Im Umkehrschluss birgt KI somit die Gefahr einer unerschöpflichen Selbstoptimierung des modernen Menschen. Für Han stellt sich deshalb sogar die Frage: Selbst wenn wir aufhören wollten – wissen wir überhaupt noch, wie Aufhören geht?
Zweifelsohne: das „Nichts-Tun“ muss sich hierzulande erst wieder gesellschaftlich rehabilitieren. Fern- und südöstliche Kulturen machen das bereits vor: In Japan gilt die Leere („Ma“) beispielsweise als produktiver Zwischenraum. Die Pause wird dort bewusst gesetzt. Im Chinesischen Kulturkreis wiederum gibt es das daoistische Konzept „Wu Wei“: Es steht für Handeln ohne Zwang oder sogar Nicht-Handeln, im Sinne des mühelosen Geschehenlassens.
Östliche Kulturen lehren uns das Handeln ohne Zwang
Und auch in Südkorea, Hans Herkunftsland, gelten Phänomene wie die sogenannte Honjok- und Yolo-Kultur zunehmend als legitime Gegenbewegung zum Leistungsdruck. Alleinsein, bewusste Pausen und absichtslose Zeit werden dabei als Formen der Selbstfürsorge verstanden. Während sich „Honjok“ vor allem auf das bewusste Alleinsein konzentriert, wie zum Beispiel beim Reisen, steht die südkoreanisch adaptierte Variante von „Yolo“ („You only live once“) vor allem für eine Entschleunigung angesichts des extremen Leistungsdrucks, prekärer Arbeitsverhältnisse und der Einsicht, dass klassische Lebensziele wie Karriere, Haus und Familie bisweilen kaum erreichbar sind. Das eigene Leben im Jetzt wird priorisiert und nicht jede Zeit ökonomisch verwertet.
Von diesen östlichen Bewegungen kann die westliche Leistungsgesellschaft etwas lernen – wenn sie ihre Blickwinkel öffnet. Die deklarierte „Faulheit“ erscheint dann nicht länger als ein Widerstand, sondern als notwendige Facette sinnvollen, menschlichen Seins. So ist die eigentliche Zukunftsfrage nicht, wie wir mit KI effizienter werden – sondern ob wir den Mut haben, mit der gewonnenen Zeit weniger zu tun.