15 Jahre nach dem NSU fehlt den Familien eine Antwort
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15 Jahre nach dem NSU fehlt den Familien eine AntwortEin Blumenhändler in Nürnberg, ein Kioskbesitzer in Dortmund, ein junger Mann im Kasseler Internetcafé: Der NSU wählte seine Opfer gezielt aus. Wie die Täter auf sie kamen und wer ihnen half, ist bis heute ungeklärt.
15 Jahre nach dem NSU fehlt den Familien eine Antwort / Foto: DPA

Am 6. Mai 2006 trugen Menschen die Porträts von neun Ermordeten durch Kassel. Einen Monat zuvor war der 21-jährige Halit Yozgat im Internetcafé seiner Familie erschossen worden, zwei Tage nach dem Mord an dem Kioskbesitzer Mehmet Kubaşık in Dortmund. Auf dem Schweigemarsch stand die Forderung „Kein 10. Opfer“. Die Familien wollten an ihre Angehörigen erinnern. Vor allem aber fürchteten sie, dass die Täter wieder zuschlagen würden.

Als sich der „Nationalsozialistische Untergrund“ am 4. November 2011 selbst enttarnte, waren seit dem Kasseler Marsch fünfeinhalb Jahre vergangen. Inzwischen hatte der NSU in Heilbronn auch die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet. Dass hinter der Mordserie eine rechtsterroristische Gruppe stand, wurde erst jetzt öffentlich bekannt. Angehörige hatten die Möglichkeit eines rassistischen Motivs schon Jahre zuvor zur Sprache gebracht. Warum fand ihre Warnung so wenig Gehör?

Als der Verdacht auf die Familien fiel

Semiya Şimşek wusste aus eigener Erfahrung, was nach einem Mord auf eine Familie zukommen konnte. Ihr Vater Enver war im September 2000 an seinem Blumenstand in Nürnberg niedergeschossen worden und kurz darauf gestorben. Als sechs Jahre später Mehmet Kubaşık ermordet wurde, gab sie seiner Tochter Gamze ihre Telefonnummer. Wie Şimşek später in einem Interview erzählte, warnte sie Gamze vor falschen Verdächtigungen und Polizeibesuchen. Eine Tochter bereitete die andere auf die Ermittlungen zum Tod ihres Vaters vor.

Die Ermittler hatten durchaus erkannt, dass die Morde zusammenhingen. Die entscheidende Fehleinschätzung betraf das Motiv: Über Jahre suchten sie nach Verbindungen zur organisierten Kriminalität im Umfeld der Ermordeten. Einem rassistischen Tatmotiv gingen sie nur oberflächlich nach. Für die Familien hatte das unmittelbare Folgen. Während sie auf die Aufklärung der Morde warteten, mussten sie sich gegen Verdächtigungen zur Wehr setzen, die auch das Andenken an ihre Angehörigen belasteten.

Was die Gerichte klären konnten

Das Oberlandesgericht München verurteilte Beate Zschäpe 2018 als Mittäterin an den zehn Morden zu lebenslanger Haft. Auch die Unterstützung des NSU wurde vor Gericht verhandelt. Noch im Juli 2026 verurteilte das Oberlandesgericht Dresden Susann E. unter anderem wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe.

Ende Oktober rückte Zschäpes Haftdauer in die Schlagzeilen: Das Münchner Gericht setzte die Mindestverbüßungsdauer auf 24 Jahre fest. Der Beschluss war bei seiner Bekanntgabe noch nicht rechtskräftig. Im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk lenkte Mandy Boulgarides den Blick auf eine andere Frage. Zschäpe habe aus Sicht ihrer Familie wenig dazu beigetragen, die Auswahl der Opfer oder mögliche Hilfe an den Tatorten aufzuklären.

Welche Fragen bis heute offen sind

Warum fiel die Wahl auf einen Blumenhändler in Nürnberg, einen Kioskbesitzer in Dortmund oder einen jungen Mann in einem Kasseler Internetcafé? Das rassistische Motiv erklärt, weshalb der NSU Menschen mit familiärer Einwanderungsgeschichte angriff. Es erklärt den Angehörigen noch nicht, wie die Täter gerade auf diesen Laden und diesen Menschen aufmerksam wurden. Ob ihnen bei der Auswahl einzelner Tatorte jemand mit Ortskenntnis half, gehört zu den Fragen, auf die Familien Antworten suchen.

Wie weit reichte das Wissen im Unterstützerkreis? Dass das Trio im Untergrund Hilfe bei der Beschaffung von Papieren, Unterkünften und Waffen erhielt, ist belegt. Wer von einem Versteck wusste, kannte allerdings nicht zwangsläufig die Mordpläne. Wie schwer diese Grenze im Nachhinein zu bestimmen ist, zeigt der Stand der Ermittlungen: Nach Auskunft der Bundesanwaltschaft gegenüber den Blättern für deutsche und internationale Politik sind bis auf ein Verfahren gegen Unbekannt inzwischen alle NSU-Ermittlungsverfahren eingestellt.

Was wussten die Verfassungsschutzbehörden? In Kassel beschäftigte die Anwesenheit des hessischen Verfassungsschützers Andreas Temme in Yozgats Internetcafé einen Untersuchungsausschuss des Bundestages. Seine Anwesenheit belegt keine Tatbeteiligung. Offen blieb unter anderem, was er am Tattag mit einem Informanten besprochen hatte. In einem anderen Vorgang ließ das Bundesamt für Verfassungsschutz kurz nach der Selbstenttarnung Akten über V-Leute vernichten. Damit ging Material verloren, anhand dessen sich die damalige Arbeit der Behörde hätte überprüfen lassen.

Was konnten spätere Aussagen noch klären? Im Dresdner Prozess räumte Zschäpe ein, von Mordplanungen gewusst zu haben. In München hatte sie zuvor erklärt, erst nach den Taten davon erfahren zu haben. Für die Angehörigen ist dieser Unterschied erheblich: Wer in die Planung eingeweiht war, könnte womöglich auch erklären, wie die Täter ihre Ziele bestimmten.

Ist bekannt, welche Taten dem NSU insgesamt zuzurechnen sind? Beim Sprengstoffanschlag auf eine Nürnberger Gaststätte 1999 kam ein entscheidender Hinweis auf die Verbindung zum NSU erst Jahre später durch eine Aussage im Prozess. Das beweist keine weiteren Taten. Es erklärt aber, weshalb der frühere Untersuchungsausschussvorsitzende Clemens Binninger im Oktober dafür warb, vorhandene Spuren mit heutigen DNA- und digitalen Analysemethoden erneut zu prüfen.

Woran sich Vertrauen entscheidet

Für Angehörige hat die Frage nach dem Vertrauen in staatliche Institutionen eine praktische Seite: Erfahren sie, was aus einem Hinweis geworden ist? Erklärt ihnen jemand, warum eine Spur nicht weiterführt? Eine nachvollziehbare Antwort löst keinen Mordfall. Sie macht aber einen Unterschied für Menschen, deren eigene Beobachtungen über Jahre weniger Gewicht hatten als der Verdacht gegen ihre Familien.

Am 5. November will der Bundestag über die Aufdeckung des NSU debattieren. Einen Tag später wollen Semiya Şimşek und Gamze Kubaşık im Zwickauer Rathaus aus ihrem Buch Unser Schmerz ist unsere Kraft lesen. Sie erzählen dort einer Generation von ihren Vätern, die den NSU nur aus der Rückschau kennt. Als ihre Familien 2006 durch Kassel und Dortmund zogen, war der Ausgang noch offen. Ihre Warnung galt dem Menschen, der als Nächster getroffen werden könnte.

QUELLE:TRT Deutsch